07.11.2006 · Die Mehrzahl aller Straftaten werden von einer relativ kleinen Gruppe von Serientätern begangen. Fast immer sind sie männlich, häufig psychisch gestört. Sind sie das schon von Kindesbeinen an? Kann man sie resozialisieren? Welche Konsequenzen hat das für die Justiz?
Von David RoseAls Tony Blair noch ganz am Anfang seiner Karriere stand, erklärte er damals schon kategorisch, seine Labour-Partei würde, ginge es nach ihm, „dem Verbrechen kompromißlos an die Wurzeln“ gehen. Seine Zuhörer glaubten zu wissen, was er meinte: Labour würde versuchen, die sozialen Begleitumstände zu bekämpfen, aus denen Kriminalität erwächst: Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, schlechte Schulen. Daß Straffälligkeit oder antisoziales Verhalten auch Wurzeln in der Persönlichkeit des Täters haben könnte, war für den öffentlichen Diskurs kaum Thema. Strafen, so die Auffassung der Gerichte, sollten sich nach der Schwere der Straftat richten, nicht nach der Neigung des Täters, weitere Verbrechen zu begehen.
Einer der wenigen, die diese Orthodoxie bereits in den sechziger Jahren in Frage gestellt haben, war Hans Eysenck. Als 18jähriger war er vor den Nazis aus Deutschland geflohen und hatte über viele Jahre am psychiatrischen Institut der University of London gelehrt. Eysenck war überzeugt davon, daß sich die Persönlichkeiten von Kriminellen robust klassifizieren lassen und ihr Verhalten zum großen Teil vererbt ist. Allerdings wurden seine Arbeiten von den etablierten, soziologisch orientierten Kriminologen heftig angegriffen und blieben ohne großen Einfluß. Der Widerstand gegen Eysenck war auch deswegen so grimmig, weil er in einer Zeit schrieb, als die „radikale Kriminologie“ im Trend lag, die Verbrechen als eine soziale Konstruktion ansah und das Abstempeln zum Straftäter als einen Aspekt sozialer Kontrolle.
Risikoprofile inzwischen immer wichtiger
Dreißig Jahre später hat sich die intellektuelle Mode geändert. Die Kriminalforschung ist kaum noch wiederzuerkennen. Auch wenn die Erforschung der Faktoren, die kriminelles oder antisoziales Verhalten begünstigen könnten, ein umstrittenes Feld geblieben ist, spielen Risikoprofile eine immer wichtigere Rolle. Zum Beispiel dann, wenn über vorzeitige Haftentlassungen entschieden werden soll. In Großbritannien wurde im Jahr 2003 der „Criminal Justice Act“ Gesetz, der Haftstrafen zum „unbefristeten Schutz der Öffentlichkeit“ einführte. Er zielt auf Strafgefangene mit hohem Risiko, erneut straffällig zu werden und wird gern angewandt. Ende Juni 2006 waren bereits 1000 Häftlinge davon betroffen.
Solche Gesetze, und überhaupt der allgemeine Trend zu Risikobeurteilungen, stellen einen tiefgreifenden Prinzipienwechsel dar. Der neue Trend zwingt denjenigen, die über das Schicksal von Straftätern (und nicht nur von Mördern) zu entscheiden haben, eine neue Rolle auf. Wie Versicherungsmathematiker müssen sie die Länge der Inhaftierung nach Wahrscheinlichkeiten künftiger Ereignisse bemessen. Das zugrundeliegende Modell kriminellen Handelns hebt sich zudem signifikant von soziologischen Modellen ab. Danach werden viele Angeklagte, die das Gericht als Straftäter mit hohem Rückfallrisiko einstuft, zu Fällen für die forensische Psychiatrie, mit der Begründung, sie litten an einer „gefährlichen schweren Persönlichkeitsstörung.“
Ist Vorbeugung möglich?
Nun gibt es aber keine allgemein anerkannte klinische Definition dieses Syndroms. Einige so beschriebene Verurteilte sind schlicht Psychopathen: abgestumpfte, emotionslose Individuen, die das Leid ihrer Opfer nicht kümmert. Bei anderen wurden Störungen wie die „Borderline Personality Disorder“, die „Obsessive-Compulsive Disorder“ oder die wesentlich häufigere „Antisocial Personality Disorder“ diagnostiziert.
Warum aber werden manche in ihrer Kindheit vernachlässigte oder mißhandelte Menschen zu Gewaltverbrechern, während andere aus ähnlich ungünstigen Verhältnissen ihr späteres Leben als gesetzestreue Bürger meistern? Gibt es Wege, gefährdete Individuen auszumachen, bevor sie schwere Straftaten begehen, vielleicht schon in der Kindheit? Gibt es Maßnahmen, mit denen sich das Verhalten dieser Kinder langfristig beeinflussen ließe, so daß sie vor dem Abgleiten auf die schiefe Bahn bewahrt bleiben?
Die meisten aktiven Kriminellen sind Teenager
Nun wird ein sehr großer Teil aller Verbrechen von einer relativ kleinen Gruppe verübt. David Farrington von der Cambridge University hat in einer Studie gezeigt, daß ein ganzes Drittel aller im Jahre 1956 in England geborenen Männer bis zu ihrem 30. Lebensjahr mindestens einmal für ein Vergehen belangt wurden, Verkehrsdelikte nicht mitgerechnet. Aber Farrington und seine Kollegen fanden auch heraus, daß nur fünf Prozent dieser Verurteilten mindestens die Hälfte aller Straftaten begingen, die dem Jahrgang 1956 zuzuschreiben waren. Andere Studien deuten darauf hin, daß Gruppen dieser Größenordnung sogar 70 Prozent aller Straftaten begehen und mehr als 70 Prozent aller Gewaltverbrechen.
Diese fünf Prozent neigen schon als Kinder zu Aggression, Renitenz und Rücksichtslosigkeit, zum Lügen und Stehlen. In der Pubertät begehen sie die schwereren Delikte, und als Erwachsene hören sie nicht damit auf, im Gegensatz zu den meisten ihrer Altersgenossen. Terrie Moffitt, die heute an der University of Wisconsin forscht, veröffentlichte 1993 eine Untersuchung, die verurteilte Straftäter in zwei Gruppen sortiert. Die kriminelle Karriere der einen beschränkt sich auf die Pubertät, die der anderen beginnt deutlich früher, dauert bis ins mittlere Lebensalter und darüber hinaus. Die meisten aktiven Kriminellen, schrieb Moffitt, sind Teenager. Im Alter von Anfang 20 haben mehr als die Hälfte ihr gesetzloses Treiben aufgegeben, und jenseits der 28 begehen 85 Prozent von ihnen keine Straftaten mehr.
Ablehnende Haltung der Eltern hat Folgen
Unter den übrigen aber gibt es ein Phänomen des dauerhaften antisozialen Verhaltens. „Die Gründe dafür“, schreibt Moffitt, „liegen wahrscheinlich in einer frühen Lebensphase, in Faktoren, die schon vor der Geburt oder kurz danach wirksam wurden.“ Dahinter könnte die Wechselwirkung einer Art neuropsychologischer Veranlagung mit individuellen Umweltbedingungen stecken, vermutet sie: „In einer förderlichen Umgebung werden die Probleme eines Kleinkindes häufig korrigiert. In benachteiligten Elternhäusern, Schulen und Wohngebieten werden sie dagegen wahrscheinlich eher verstärkt. Über die Jahre kann sich so still und leise eine antisoziale Persönlichkeit entwickeln.“ Deren Ursprünge wären demnach das Ergebnis einer komplexen Interaktion von „Nature“ und „Nurture“, von Genen und Umwelt. Bei jenen, deren antisoziales Verhalten sich auf die Pubertät beschränkt, dürfte es dagegen eher eine Folge des sozialen Drucks in der Gruppe sein, des jugendlichen Strebens nach Anerkennung.
Terrie Moffitts Klassifikation wird durch Studien in etlichen Ländern gestützt. Zu den wichtigsten Arbeiten gehört eine Serie von Aufsätzen, die Moffitt zusammen mit anderen Fachkollegen verfaßt hat und die die Daten der neuseeländischen Dunedin-Studie auswerten (siehe „Langzeitstudie: Die tausend Kinder von Dunedin“). Die Studie zeigt, daß sich dauerhaft antisozial verhaltende Jungen und Männer in ihrer Vergangenheit oft vielfach benachteiligt waren. Frauen mit solchem Verhalten wurden nicht berücksichtigt, da ihre Zahl zu gering war - was wahrscheinlich sowohl genetische Veranlagungen als auch soziale Geschlechterrollen spiegelt. Die Jungen zwischen drei und dreizehn Jahren mit den schwersten Verhaltensauffälligkeiten zeigten auch neurologische Abnormalitäten sowie „geringe intellektuelle Fähigkeiten, Leseschwierigkeiten und Hyperaktivität“, heißt es in der Studie: „Sie schnitten in neuropsychologischen Tests schlecht ab und hatten niedrigere Herzfrequenzen.“ Oft wurden sie von ihren Eltern schon mit fünf Jahren emotional abgelehnt. Wessen antisoziales Verhalten sich erst in der Pubertät entwickelte, der litt meist nicht unter solchen Benachteiligungen.
Beide Gruppen unterschieden sich aber auch sonst. Die zehn Prozent der Männer aus Dunedin, die schon als Kind durch antisoziales Verhalten auffielen, verübten mit einer gegenüber anderen jugendlichen Kriminellen etwa dreimal höheren Wahrscheinlichkeit auch nach dem 26. Lebensjahr noch Straftaten - und tendenziell die schwereren. Aber sie waren nicht nur krimineller. Mit 26 waren sie mit weit höherer Wahrscheinlichkeit auch Alkoholiker und litten eher unter Schizophrenie, Paranoia oder Depression. Sie neigten häufiger dazu, ihre Frauen zu mißhandeln, und während sie eher mehr Kinder in die Welt setzten, kümmerten sie sich in der Regel weniger um sie.
Fatal: Harsche, inkonsequente Erziehung
Wer heute die Gründe für beständiges antisoziales Verhalten erforscht, sucht nicht mehr nach reduktionistischen oder deterministischen Erklärungen wie einst Hans Eysenck. Viele der früheren Arbeiten über Geistes- oder Verhaltensstörungen „gingen implizit von der Annahme aus, daß es für jede Störung wahrscheinlich nur einen kausalen Pfad“ gibt, schreibt Sir Michael Rutter vom Londoner psychiatrischen Institut. Diesen zu finden sei demnach die Herausforderung an die Wissenschaft. „Doch in den meisten Fällen sind sowohl psychologische Merkmale als auch geistige Störungen ein Resultat vieler Faktoren.“
Die Dunedin-Studie stützt diesen Schluß. Terrie Moffitt und ihr Ehemann Avshalom Caspi haben einige der Risikofaktoren untersucht, die bei Kindern ein späteres dauerhaft antisoziales Verhalten anzuzeigen scheinen. Dazu gehören eine harsche und inkonsequente elterliche Erziehung, die gutes Verhalten nicht belohnt. Ferner spielen Familienkonflikte, häufiger Wechsel der wichtigsten Bezugspersonen sowie das Aufwachsen bei nur einem Elternteil eine Rolle. Im Gegensatz dazu wuchsen diejenigen, deren antisoziales Verhalten sich auf die Pubertät beschränkte, in normalen Verhältnissen auf.
Antisoziales Verhalten teilweise erblich
Untersuchungen an Zwillingen und adoptierten Kindern haben bereits gezeigt, daß antisoziales Verhalten wohl teilweise erblich ist. Bei eineiigen Zwillingen verhalten sich beide mit höherer Wahrscheinlichkeit antisozial als andere Geschwisterpaare. Die Kinder von Kriminellen werden überdurchschnittlich oft selbst kriminell, selbst wenn sie im frühen Kindesalter von Familien adoptiert wurden, in denen es weder Kriminalität noch Mißhandlungen gibt.
Nun reagieren Kinder aber auf schlechte Behandlung sehr unterschiedlich - ein Phänomen, das Moffitt, Caspi und Kollegen in einer Arbeit von 2002 untersuchten: „Zwar vergrößern erlittene Mißhandlungen das Risiko, später kriminell zu werden, um 50 Prozent“ schreiben sie, „aber die meisten mißhandelten Kinder werden als Erwachsene nicht kriminell“. Um das zu erklären, gingen die Forscher Hinweisen nach, daß Neurotransmitter - Botenstoffe wie Serotonin, Noradrenalin oder Dopamin - eine wichtige Rolle beim Entstehen von Stimmungen, Verhalten und allgemeiner geistiger Gesundheit spielen. Moffitt und Caspi vermuten einen der Faktoren für eine Veranlagung zu antisozialem Verhalten in einem Gen, das für die Bildung des Enzyms Monoaminoxidase A (Maoa) verantwortlich ist. Dieses Enzym steuert die Pegel der Neurotransmitter im Gehirn. Eine seiner Aufgaben ist es, überschüssige Botenstoffe zu beseitigen, damit die neuronalen Schaltkreise ordnungsgemäß funktionieren können.
Genetische Ursachen
Tatsächlich sind heute fünf verschiedene Varianten (auch Allele genannt) des Maoa-Gens bekannt; drei davon treten allerdings selten auf. Die Autoren der Studie von 2002 untersuchten nun die beiden Haupttypen. Eines ist das sogenannte Low-Activity-Allel. Es verursacht einen niedrigen Spiegel des Maoa-Enzyms und findet sich bei etwa einem Drittel aller Männer. Die meisten anderen besitzen das sogenannte High-Activity-Allel. Um ihre Hypothese zu testen, betrachteten die Forscher noch einmal die Teilnehmer der Dunedin-Studie. Deren Lebensgeschichten waren bereits untersucht, so daß man wußte, daß 11,8 Prozent dieser Männer als Kind Mißhandlungen erlitten hatten und bei zusätzlichen 28 Prozent Mißhandlungen vermutet wurden. Die Forscher wußten, welche Studienteilnehmer durch antisoziales Verhalten aufgefallen waren - und wann. Deren Erbgut schauten sie sich nun auf die Maoa-Allele hin an.
Wie zu erwarten, zeigte die Dunedin-Studie, daß erlittene Mißhandlungen, für sich genommen, die Wahrscheinlichkeit erhöhen, später straffällig zu werden und antisoziales Benehmen an den Tag zu legen. Etwa 35 Prozent der als Knaben mißhandelten Männer mit normalem High-Activity-Allel zeigten solche Verhaltensauffälligkeiten, gut 20 Prozent waren wegen Gewaltverbrechen verurteilt worden. Trafen beide Risikofaktoren zusammen - das Low-Activity-Allel in den Genen und Mißhandlung im Kindesalter -, war die Korrelation weit stärker: Mehr als 80 Prozent dieser Männer benahmen sich antisozial, mehr als 30 Prozent gewalttätig.
Kritik am „genetischen Fundamentalismus“
Nun ist das keine vollständige Erklärung für dauerhaftes antisoziales Verhalten. Schließlich tritt es in einigen Fällen auch bei Männern mit dem High-Activity-Allel auf. Das Maoa-Gen dürfte nur eines von vielen sein, die bei der Entstehung dieses Phänomens eine Rolle spielen, wobei die Wirkung eines jeden jeweils von Umweltfaktoren beeinflußt wird. Andererseits wird ein als Kind mißhandelter Mann mit Low-Activity-Allel etwa mit derselben Wahrscheinlichkeit kriminell, wie ein Patient mit hohem Cholesterinspiegel herzkrank wird. Und obgleich Studien zur Wechselwirkung von Genotyp und Umwelt notorisch schwierig zu reproduzieren sind, ließen die Reproduktionen in diesem Fall nicht lange auf sich warten: Schon 2005 waren fünf Studien publiziert, die den ursprünglichen Befund bestätigten.
Bei soziologisch orientierten Kriminologen stoßen solche Ergebnisse natürlich nicht gerade auf Wohlwollen. Kürzlich erschien in der britischen Fachzeitschrift Criminal Justice Matters eine scharfe Kritik an Moffitt und Kollegen. Der Artikel bezichtigte die Forscher des „genetischen Fundamentalismus“ und behauptete, die Zwillingsstudien, die eine genetische Komponente für antisoziales Verhalten belegen, seien wertlos. Dagegen betonen Moffitt und ihre Kollegen, daß die genetischen Dispositionen erst durch schlechte Behandlung in der Kindheit „angeschaltet“ würden, es also darauf ankomme, sich auf die Beseitigung dieser und anderer schädlicher Einflüsse der Umgebung zu konzentrieren.
Deterministisch, was manche dieser Forschungsrichtung vorwerfen, ist daran nichts. Bei den Zwillingsstudien, den Untersuchungen zum Wechselspiel von Genen und Umgebung sowie der Erprobung von Korrekturmaßnahmen geht es um Korrelationen, Risiken und Wahrscheinlichkeiten, nicht um Unausweichliches. Ein abgestumpftes Kind mit schweren Verhaltensstörungen kann ein psychopathischer Krimineller werden, wenn man es seinem Schicksal überläßt. Doch ist dies keineswegs sicher. Das gilt es zu berücksichtigen, wenn politische Konsequenzen aus dieser Forschung gezogen werden sollen.
Frühes Eingreifen bei Risikogruppen sinnvoll
Wie aber könnten solche Konsequenzen aussehen? Eins scheint klar: Bei Kindern und Jugendlichen, die als Mitglieder von Risikogruppen identifiziert sind, muß früh eingegriffen werden. Das erfordert umfangreiche Investitionen, aber sie versprechen wirklichen Erfolg und eröffnen kostengünstige Möglichkeiten, enormen individuellen und gesellschaftlichen Schäden vorzubeugen. Hingegen gibt es keine guten Argumente dafür, tatenlos zuzusehen, bis solche antisozial veranlagten Kinder sich zu erwachsenen Gewaltkriminellen entwickelt haben.
Doch ohne Kontroversen dürften sich solche Maßnahmen kaum etablieren lassen. Kritiker werden darin etwas von der düsteren Vision sehen, die Anthony Burgess in seinem Roman „A Clockwork Orange“ malte. Manche werden Trainingsprogramme für Eltern als stigmatisierend ablehnen oder den anthropologischen Rahmen in Frage stellen, in dem die Neigung zu antisozialem Verhalten diagnostiziert wird und nach Behandlungsmöglichkeiten für junge Leute gesucht wird, die noch gar keine schweren Straftaten verübt haben.
„Minority Report“ als Vorbild?
Noch viel mehr Streit dürfte es geben, wenn man die Implikationen für den Umgang mit jenen diskutiert, aus denen bereits Verbrecher geworden sind. Einerseits können wir ein tieferes Verständnis von Phänomenen wie psychopathischem oder dauerhaft antisozialem Verhalten sehr gut gebrauchen, um Risiken einzuschätzen. Der Nutzen solchen Wissens für das Festsetzen von Strafen und Bedingungen für vorzeitige Freilassung liegen auf der Hand, ebenso wie für das Management und die Überwachung von Schwerkriminellen während der Haft und nach ihrer Entlassung. Andererseits kann die Strafjustiz sich nicht nur nach wissenschaftlichen Erkenntnissen richten, sondern muß sich in die breiteren gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten einfügen.
Zu denen gehören auch etliche nicht immer berechenbare Faktoren, etwa das Streben der Regierenden, sich als kompromißlose Kämpfer gegen das Verbrechen darzustellen und dabei schnelle Erfolge vorweisen zu können. Besonders groß wird der Druck auf die Politiker immer dann, wenn wieder mal ein vorzeitig entlassener Straftäter einen Mord oder ein Sexualdelikt begangen hat. Nach einem der schrecklichsten Fälle in diesem Jahr in England, dem Tod der 16jährigen Mary-Ann Lenaghan aus Reading, schrieb ein Journalist der Sunday Times: „Natürlich mochte es Tom Cruise in „Minority Report“ nicht, für einen Mord gejagt zu werden, den er noch gar nicht begangen hatte. Aber wäre nicht genau dies vom Standpunkt der Gesellschaft aus wünschenswert?“
Wann wird ein Krimineller seines Treibens müde?
Schon jetzt gibt es in England den erwähnten Criminal Justice Act, der unbefristetes Wegsperren ermöglicht. In einigen amerikanischen Bundesstaaten gibt es Ähnliches. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich einen ehrgeizigen Innenminister vorzustellen, der sich nicht lange mit dem Unterschied zwischen sicherer Vorhersage und statistischer Prognose aufhält und auf die Idee kommt, die Polizei könnte die DNA-Proben von Verhafteten doch gleich auf Genvarianten untersuchen lassen, die zu Gewaltdelikten disponieren.
Doch eine solche gewissermaßen versicherungsmathematisch operierende Justiz verändert die Grundlagen unseres Rechtsverständnisses. Und indem sie den nach solchen Kriterien Inhaftierten jede Motivation nimmt, sich gesetzeskonform zu verhalten, könnte sie auf lange Sicht zu unlösbaren Kontrollproblemen führen. Schließlich zeigen selbst Psychopathen im Gefängnis einen scharfen Sinn für Gerechtigkeit, wenn es um die eigene Person geht. Hinzu kommt, daß selbst viele Dauerkriminelle irgendwann damit aufhören, Straftaten zu begehen, auch wenn sie andere antisoziale Verhaltensweisen beibehalten. Doch geben die bisherigen Erkenntnisse keine Auskunft darüber, wann ein Krimineller seines Treibens müde wird.
Idee des „Pre-Crime“ macht sich breit
Dennoch wird die Idee des „pre-crime“ langsam politische Realität, hat die Kriminologin Lucia Zedner beobachtet. Haftstrafen oder Sicherheitsverwahrungen, die auf Risikoabschätzungen beruhen, würden, so schreibt Zedner, „jeden Versuch konterkarieren, einen Verbrecher für seine Taten verantwortlich zu machen, ihm die Schuld dafür zuzuweisen und erst recht, ihm zu ermöglichen, sie zu bereuen“. Die neue verhaltensgenetische Forschung gäbe ihnen eine fragwürdige Ausrede an die Hand: Sie könnten ja nichts dafür, die Wechselwirkung ihrer Gene mit ihren Eltern sei schuld.
Von solchen ersten Warnungen abgesehen, hat die Auseinandersetzung über mögliche genetische Faktoren des Verbrechens kaum begonnen. Es wäre falsch, wenn die Soziologie diese Befunde einfach als kruden Determinismus abtäte. Ebenso müssen allerdings auch die Verhaltensgenetiker ein Gefühl dafür entwickeln, daß ihre Erkenntnisse nur in einem breiteren gesellschaftlichen Kontext zum Tragen kommen dürfen. Eines ist sicher: Das Wissen, das uns diese Untersuchungen beschert haben, werden wir nicht mehr los.