06.04.2008 · Bei einer Razzia auf dem Gelände einer Polygamisten-Sekte am Rande des Ortes Eldorado im Westen von Texas hat die Polizei 183 Frauen und Kinder in Sicherheit gebracht. Es besteht der Verdacht, dass sie Opfer von Sexualstraftaten und Vernachlässigung wurden. Die jüngsten Kinder sind sechs Monate alt.
Von Katja GelinskyBei einer Razzia auf dem Gelände einer Polygamisten-Sekte am Rande des Ortes Eldorado im Westen von Texas hat die Polizei 183 Frauen und Kinder in Sicherheit gebracht. Es bestehe der Verdacht, dass sie Opfer von Sexualstraftaten und Vernachlässigung geworden seien. Die jüngsten Kinder sind nach Angaben der Behörden sechs Monate alt. Die Suche nach weiteren, möglichen Opfern auf der Anlage der „Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (FLDS) dauerte am Wochenende noch an.
Die FLDS, deren ehemaliger Präsident Warren Jeffs derzeit eine Freiheitsstrafe wegen Beihilfe zur Vergewaltigung verbüßt, hatte sich 1890 von der offiziellen Mormonenkirche „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (LDS) abgespalten, als diese die Polygamie verwarf.
„Gewaltsame Eskalation nicht auszuschließen“
Eine gewaltsame Eskalation mit den Sektenmitgliedern, die abgeschottet von der Außenwelt leben, sei nicht auszuschließen, sagten Vertreter der Ermittlungsbehörden.
Samstagnacht hatten Spezialeinheiten begonnen, gegen den Widerstand von Bewohnern des Geländes den Tempel der Sekte, zu dem Nichtmitglieder keinen Zutritt haben, zu durchsuchen. Zuvor hatte man Krankenwagen zu dem Gelände beordert, das die Polizei weiträumig abgeriegelt hat.
„Für den Fall, dass sich die Dinge in einer Weise entwickeln, die niemand will“, sagte Staatsanwältin Allison Palmer der Lokalzeitung „San Angelo Standard-Times“. Man werde versuchen „so friedlich wie möglich“ vorzugehen. Die Razzia auf der sogenannten „YFZ Ranch“, die Abkürzung steht für „Yearning for Zion Ranch“ (“Sehnsucht nach Zion“), ist der jüngste von zahlreichen Fällen, in denen gegen die FLSD wegen Polygamie, Inzest, sexuellem Missbrauch und anderen Delikten ermittelt wird.
Nach der Lehre der Sekte muss ein Mann mindestens drei Frauen heiraten, um die Erlösung zu erreichen. Die meisten Sektenmitglieder, deren Zahl auf etwa 10.000 geschätzt wird, leben in den Zwillingsstädten Colorado City (Arizona) und Hildale (Utah). Nachdem die FLDS dort jedoch zunehmend ins Visier der Behörden geriet, zog ein Teil der Mitglieder auf die „YFZ Ranch“ in die Nähe von Eldorado, eines Ortes mit 1700 Einwohnern. Nach eigenen Angaben der Sekte befindet sich dort nun ihre Zentrale.
Verurteilter „Prophet“
Die FLDS hatte das Gelände vor vier Jahren gekauft und dort mehrere dreistöckige Wohngebäude, eine Schule, ein Gemeindezentrum, eine Molkerei und Zementfabrik sowie einen großen Tempel aus weißem Sandstein errichtet. Eingeweiht wurde der Tempel 2005 von dem damaligen Sektenführer und „Propheten“ Warren Jeffs, der angeblich Dutzende von Frauen geheiratet hat.
Er war vergangenes Jahr zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. In dem Strafprozess hatte ein ehemaliges Sektenmitglied, die als Jugendliche von dem Sektenführer zur Heirat gezwungen worden war, gegen Jeffs ausgesagt. Ein weiterer Strafprozess wegen Sexualstraftaten droht ihm demnächst in Arizona.
Jugendliche geschwängert
Die Durchsuchungen auf der Ranch hatten am Donnerstagabend begonnen, nachdem sich ein 16 Jahre altes Sektenmitglied an die Polizei gewandt hatte. Nach Auskunft von Staatsanwältin Palmer hatte die Jugendliche zu Beginn der vergangenen Woche in zwei Anrufen mitgeteilt, dass ein 50 Jahre alter Mann, Dale Barlow, der Vater ihres Säuglings sei, den sie im Alter von 15 Jahren geboren habe.
Nach texanischem Recht hätte Barlow durch den Sexualkontakt mit der Jugendlichen eine Straftat begangen. Barlow war im vergangenen Jahr in Arizona wegen Verschwörung zu Sexualkontakten mit einer Minderjährigen zu 45 Tagen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Nach Angaben seines Bewährungshelfers lebt Barlow noch in Arizona. Die Jugendliche, die ihn als Vater ihres Kindes bezeichnet, kenne er nicht. Bei der Razzia auf der „YFZ Ranch“ hoffen die Ermittler Beweise dafür zu finden, dass Barlow die Jugendliche geheiratet hat.
Unklar war zunächst, ob die junge Mutter und ihr Säugling unter den Frauen und Kindern waren, die man von der „YFZ Ranch“ weggebracht hat. Die Sprecherin der texanischen Behörde zum Schutz von Kindern teilte mit, zunächst habe man am Freitag 52 Kinder in Sicherheit gebracht und in der Nacht zum Samstag weitere 131 Frauen und Kinder von dem Gelände geholt. Unter den Kindern seien 40 Jungen.
Zu 18 Mädchen hieß es, dass sie mutmaßlich missbraucht worden seien oder dass ihnen Missbrauchsgefahr gedroht habe. Für sie werden Pflegefamilien gesucht. Die Befragungen gestalteten sich sehr schwierig, da „wir mit Kindern zu tun haben, die nicht an die Außenwelt gewöhnt sind“.