http://www.faz.net/-gum-x670

Seit zwei Jahren ist kein Tier mehr erkrankt : Deutschland ist tollwutfrei

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Es ist eine Erfolgsgeschichte: Deutschland ist tollwutfrei. Vorsicht ist aber im Umgang mit Fledermäusen und im Urlaub noch immer geboten. Die wenigen Infektionen in Deutschland werden meist aus anderen Ländern importiert und enden fast immer tödlich.

          Ein Vierteljahrhundert hat es gedauert, aber jetzt kann man die Tollwutbekämpfung in Deutschland eine Erfolgsgeschichte nennen: 1983 begannen die Bundesländer Bayern und Hessen in einem ersten Feldversuch damit, Füchse gegen die Tollwut zu impfen. Als Köder wurden Hühnerköpfe ausgelegt, in denen eine Kapsel mit Impfstoff versteckt war. Genau 25 Jahre nach dieser ersten Fuchsköder-Impfaktion ist Deutschland jetzt tollwutfrei. „Genaugenommen seit dem 4. Februar 2008“, sagt Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riems. „Es gibt eine Definition der OIE, der Weltorganisation für Tiergesundheit, wonach ein Land zwei Jahre nach dem letzten Fall von terrestrischer Tollwut als tollwutfrei gilt.“

          In Deutschland ist unter terrestrischer Tollwut im wesentlichen die Fuchstollwut zu verstehen. Am 3. Februar 2006 wurde zum letzten Mal Tollwut bei einem deutschen Fuchs diagnostiziert. Nachdem nun zwei Jahre lang alle getesteten Tiere gesund waren, darf Deutschland sich offiziell mit seinem neuen Status schmücken. Eilig haben es die Behörden aber mit der Bekanntgabe nicht, denn zurzeit laufen noch die letzten Impfaktionen. In Hessen etwa wurden im April ein letztes Mal Köder ausgelegt.

          Zu hundert Prozent tödlich

          Die Tollwut gilt als eine der gefährlichsten Infektionserkrankungen für den Menschen. „Ich würde sagen, es ist eine zu hundert Prozent tödliche Erkrankung“, sagt Bernhard Fleischer vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. „In der Literatur gibt es nur einen einzigen Fall, in dem ein Mensch den Ausbruch der Krankheit überlebt hat.“ Ein 15 Jahre altes Mädchen soll 2004 im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin von einer tollwütigen Fledermaus in den Finger gebissen worden sein. Das Mädchen hatte die Fledermaus, die gegen ein Fenster geflogen war, retten wollen. Die Schülerin erkrankte schwer, überlebte jedoch nach intensivmedizinischer Betreuung.

          Der Biss einer tollwütigen Fledermaus ist für den Menschen fast immer tödlich

          Das Tollwutvirus wandert nach dem Biss aus dem Speichel des Tieres über das Nervensystem des Opfers ins Gehirn. Bewusstseinsstörungen, Lähmungen und andere neurologische Symptome sind die Folge. Klassischerweise tritt auch die sogenannte Hydrophobie auf: Erkrankte reagieren auf das Geräusch und den Anblick von Wasser mit hochgradiger Erregung und Krämpfen.

          „Viele Urlauber unterschätzen das Risiko“

          In Deutschland grassierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Haustiertollwut: Menschen steckten sich bei infizierten Haushunden an. Diese Form brachte man durch Registrierung von Hunden und das Einfangen streunender Tiere erfolgreich unter Kontrolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg breiteten sich aber infizierte Füchse aus Polen nach Westen aus. 1947 hatten sie die Oder erreicht, 1950 die damalige innerdeutsche Grenze. Ein Jahr später fand man bereits die ersten tollwütigen Füchse in Bayern. Die ersten Versuche, die Krankheit einzudämmen, zielten darauf, die Fuchspopulation zu dezimieren. Aber ob Fallenstellen, hormonelle Sterilisation oder sogar das Ausgraben von Welpen aus dem Fuchsbau - alle Methoden scheiterten. Erst als Impfstoffe entwickelt wurden, die die Tiere auch nach oraler Aufnahme vor der Erkrankung schützten, konnte die Fuchstollwut wirksam bekämpft werden. Von 1985 an warfen die Bundesländer flächendeckend Köder per Flugzeug ab. Bald steckte die Kapsel mit Impfstoff nicht mehr im Hühnerkopf, sondern in einem industriell herstellbaren Klumpen aus Fischmehl und Fett, dem sogenannten Tübinger Köder.

          Die Fallzahlen beim Fuchs gingen seitdem rapide zurück. Trotzdem traten auch in Deutschland weiterhin vereinzelt Erkrankungen beim Menschen auf. „Das sind die sogenannten importierten Fälle“, sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Institutes in Berlin. „Die Betroffenen stecken sich im Urlaub an, wenn sie von einem streunenden Hund gebissen werden.“ In afrikanischen Ländern, Südamerika, Indien und Südostasien, aber auch in Osteuropa und der Türkei ist die Tollwut nach wie vor unter verwilderten Haustieren verbreitet. Bekannt wurde 2005 der Fall einer 26 Jahre alten deutschen Studentin, die sich in Indien ansteckte. Die junge Frau starb im Klinikum der Universität Mainz, ihre zur Spende freigegebenen Organe infizierten mehrere Empfänger. „Viele Urlauber unterschätzen das Risiko“, sagt Glasmacher. Wer im Urlaub von einem Hund oder einer Katze gebissen wird, sollte sofort einen Arzt aufsuchen, denn eine möglichst rasche nachträgliche Impfung kann den Ausbruch der Krankheit verhindern. Und noch eine weitere Gefahr sollte nicht unterschätzt werden: In Norddeutschland breitet sich in den vergangenen Jahren die Fledermaustollwut aus. Diese Viren sind eng mit dem klassischen Erreger verwandt und können sich durch einen Biss auch auf den Menschen übertragen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Rentner von heute bekommen noch ordentlich Rente.

          Aktion „Deutschlands Probleme“ : Die Rente ist ungerecht

          Die Jungen müssen zu viel zahlen, die Alten kriegen zu wenig Geld: Alle ärgern sich über die Rente. Wer hat recht, und wie kann die Altersvorsorge künftig funktionieren?

          Kommentar zur Koalition : Der Reigen der Reue

          Nach der SPD-Vorsitzenden Nahles gibt nun auch die Kanzlerin zu, in der Maaßen-Affäre einen Fehler gemacht zu haben. Auf ein das Jahr 2015 betreffendes Eingeständnis Merkels wird man aber wohl vergeblich warten.

          Studie über Kindesmissbrauch : Über die Täter

          Am Dienstag stellen die deutschen Bischöfe eine Studie über Kindesmissbrauch vor. Nur ein Viertel der Fälle wird beleuchtet – doch schon das hat es in sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.