14.08.2008 · Lautlos durch die Lüfte, getragen vom Wind: Bei der WM im Segelfliegen kämpfen 129 Teilnehmer um den Titel im Luftrennen - immer auf der Suche nach der besten Wolkenstraße. Und danach wird gemeinsam gegrillt.
Von Stefan LockeMichael Sommer lehnt an der linken Tragfläche seines Segelflugzeugs, guckt in den Himmel und schüttelt den Kopf. „Das Problem ist das inhomogene Wetter.“ Immer wieder ist der Start an diesem sechsten Wettkampftag verschoben worden. Es sah nach Regen aus, und der ist schlecht fürs Segelfliegen. Doch jetzt kommt die Sonne durch, und die ersten Flugzeuge werden nach oben gezogen. Wie große Hummeln surren die gelb-blauen und rot-weißen Schleppflugzeuge, nehmen einen nach dem anderen der 129 wartenden Segelflugzeuge an die Leine, schleppen sie auf 600 Meter Höhe, fliegen eine halbe Runde um den Platz, landen, und schon ist der Nächste dran.
Sommer wartet im Mittelfeld. Vor seinem Flugzeug liegen drei Flaschen Wasser und zwei Bananen, die Bordverpflegung für die nächsten drei bis vier Stunden. Da sie erst mittags starten können, ist die Tagesaufgabe gelockert worden. In drei Stunden Flugzeit müssen sie so viele Kilometer wie möglich schaffen, können aber die Wendepunkte auf der vorgegebenen Strecke flexibel wählen. Sommer liegt diese Aufgabenart. „Ich mag das Kalkül, die Chance, so viele Kilometer wie möglich rauszuholen, das Risiko, nicht bis zum Flugplatz zurückzukommen.“
„Es ist ein Luftrennen“
Michael Sommer ist 35 Jahre alt, kommt aus Unterfranken und saß mit 14 Jahren zum ersten Mal in einem Segelflugzeug. Heute ist er Titelverteidiger in der Offenen Klasse, der Formel-1 beim Segelfliegen. „Es ist ein Luftrennen“, sagt er. Andere sprechen von „Luft-Schach“. Segelfliegen ist ein Sport, der im Kopf entschieden wird, bei dem Wetterkenntnis und schnelle Entscheidungen für den Sieg bedeutsam sind. Für die WM konnte Sommer jedoch kaum trainieren. Er arbeitet in Australien, und dort ist Winter.
„Da drüben sind klasse Kumuluswolken“, sagt Sommers Startnachbar Holger Karow, der 1999 und 2003 die WM gewann. „Oben bauchig bis blumig, aber unten eine klare Kante, das gibt gute Thermik.“ Der Aufwind ist der Treibstoff für die Segelflieger. Hier im Fläming, im Südwesten Brandenburgs, herrschen dafür beste Bedingungen. Der Sandboden reflektiert besonders gut die Sonnenstrahlung, die Kumuluswolken zeigen die aufsteigende Warmluft. An ihnen orientieren sich die Segelflieger. Blauer Himmel allein ist nichts für sie. Ohne Wolken würden sie blind durch die Gegend fliegen.
Auf der Suche nach der schnellsten „Wolkenstraße“
Trotz der guten Wolkenlage ist Holger Karow angespannt. Die ersten zwei Flugtage liefen nicht so gut. „Ich habe nur kurze, zerrissene Aufwinde erwischt und war dadurch am Ende zu langsam.“ Derzeit liegt er auf Platz zehn. Michael Sommer dagegen fliegt im Team mit Tassilo Bode aus Wolfsburg. Zu zweit, hoffen sie, haben sie eine größere Chance, die schnellste „Wolkenstraße“ zu finden. Bislang lief das gut. Sommer liegt auf Platz 2, Bode auf Platz 4 im Gesamtklassement.
Jetzt ist die Wiese vor ihnen endlich frei. Die Deutschen verzichten auf das Schleppflugzeug und starten mit einem Hilfsmotor, den sie in 600 Meter Höhe einklappen. Es klingt wie bei einem Rasenmäher-Wettrennen. Benzingestank liegt in der Luft. Links und rechts der Flugzeuge rennen Helfer mit und halten die Tragflächen, die sonst auf dem Boden schleifen würden. Schon nach wenigen Metern aber haben sie Auftrieb, nach 150 Metern heben die Flugzeuge ab. Die Tragflächen biegen sich wie ein elegantes, weißes V vor den grauen Wolken und sind schon bald nicht mehr zu sehen.
Kaum Zuschauer, keine Sponsoren
Genau das ist aber auch das Problem des Segelflugsports. Außer Start und Landung gibt es nicht viel zu sehen. Deshalb kommen nach Lüsse kaum Zuschauer, von Sponsoren zu schweigen. Die Lufthansa hat zwar die Schirmherrschaft übernommen – die Weltmeisterschaften aber werden größtenteils ehrenamtlich organisiert. So schmeißt der Küchenchef des Berliner Interconti-Hotels auf dem Flugplatz die Kantine, und ein Kunststudent aus Münster dreht Wettkampffilme für die Dokumentation im Internet.
Die Segelflieger sind eine große Familie, die unter sich bleibt. Fast alle Teams zelten rund um den Flugplatz, die meisten Piloten haben ihre Frauen und Kinder mitgebracht, auch sie kennen die anderen oft schon über Jahre. Abends grillen sie gemeinsam. Bei Bier und Bratwurst hören sich die Tricks des Tages gleich noch mal so spannend an. Gemütlichkeit ist erste Pflicht beim Segelfliegen. Das machen schon die Stoff-Sommerhüte deutlich, die fast alle Flieger tragen. Für die meisten ist so ein Wettkampf inklusive einer Woche Vorbereitungszeit ohnehin der Jahresurlaub. Berufspiloten gibt es nicht.
Ein „kurzes Wetterfenster“
Alle Flugzeuge kreisen jetzt am Himmel, schrauben sich auf die Starthöhe von 1000 Metern. Zwanzig Minuten später wird der Start freigegeben. Michael Sommer heißt jetzt „Hotel Mike“, wie seine Flugzeugkennung „HM“ im internationalen Alphabet ausgesprochen wird. Tassilo Bode hat die Buchstaben „VB“ am Heck, „Victor Bravo“. Ihr Flugweg wird nun alle drei Sekunden aufgezeichnet. Seit es GPS gibt, wird beim Segelfliegen nicht mehr geschummelt. Doch außer bei der Strecke eignet sich dieser Sport ohnehin nicht zum Betrügen. Doping dürfte genauso wenig bringen wie das Frisieren der Flugzeuge – sie haben nun mal keinen Motor.
Noch warten Hotel Mike und Victor Bravo. Der Chefmeteorologe des deutschen Teams hat ein „kurzes Wetterfenster“ vorhergesagt. 20 Minuten später machen sie sich auf den Weg. Vom Boden aus verfolgt Bundestrainer Ulrich Gmelin das Geschehen in der Luft. Barfuß, in Poloshirt und kurzer Hose sitzt er an einem Campingtisch vor seinem Wohnmobil und schaut, Filzstift und Lineal in den Händen, konzentriert auf die Landkarte vor ihm. Auf der Sitzbank rechts daneben stehen zwei gelbe Funkgeräte, über die er mit den Teams Kontakt hält.
Die Gespräche aber beschränken sich auf das Allernötigste, seit die Piloten festgestellt haben, dass auch andere Teams vom deutschen Funkverkehr profitieren. „Wir geben alles im Klartext durch, die anderen schalten sich drauf und fliegen uns dann hinterher“, sagt Gmelin. „Da müssen wir uns bald was einfallen lassen.“ Südafrikaner und Holländer, selbst ein Neuseeländer und einige Osteuropäer verstehen Deutsch. Vor allem die Wetter-Infos sind bei ihnen begehrt, denn nicht alle Teams haben eigene Meteorologen.
„Es lief einfach granatenmäßig“
Gegen 16 Uhr sieht es gut aus für die „Offenen“. „Fliegt mal ruhig ein Stückchen weiter, ihr habt Rückenwind, gute Sicht und seid am Ende bestimmt schneller“, rät die Zentrale. Gmelin hat jetzt auf dem Dach seines Wohnwagens Platz genommen, um die landenden Flugzeuge besser sehen zu können. Seine größte Sorge ist, dass Hotel Mike und Victor Bravo zu früh ankommen wie ihre Teamkollegen aus den kleineren Klassen. „Dann heißt es wieder, die Deutschen können nicht fliegen.“ Lieber eine Viertelstunde zu spät da sein als fünf Minuten zu früh, lautet sein Rat. Denn in jedem Fall werden drei Stunden Zeit gewertet; wer eher wieder da ist, hat Kilometer verschenkt.
Die Flugzeuge landen jetzt im Sekundentakt. Elegant und mit leichtem Surren schweben sie herein, fast alle lassen zuvor noch Wasser ab, das als Ballast schnelleres Fliegen möglich macht, aber bei der Landung hinderlich ist. Kurz vor 17 Uhr kommen auch Hotel Mike und Victor Bravo herein. „Sieben Minuten über der Zeit, das ist o.k.“, sagt Gmelin. Für Holger Karow lief es dagegen schlecht. „Ich bin nicht gut weggekommen, habe zu viel Zeit gebraucht.“ Jetzt müssen die verbleibenden Flugtage die Wende bringen.
Am Abend aber ist klar, dass es nicht nur „o.k.“ für Michael Sommer und Tassilo Bode lief. Beide sind 380 Kilometer weit geflogen, haben damit den Tageswettbewerb gewonnen und sich in der Gesamtwertung auf Platz 1 und 2 vorgearbeitet. „Das Wetter war besser als erwartet“, sagt Sommer. „Es lief einfach granatenmäßig“, jubelt Bode. „Das war absolut perfekt.“ Sein Töchterchen Leoni krabbelt schon im Cockpit rum. „Finger weg“, sagt Bode und nimmt es auf den Arm. „Jetzt geh’n mer grillen.“