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Seeed im Gespräch : „Erst gibt’s Abendbrot, dann geht’s auf die Bühne“

„Wir wollen in erster Linie unterhalten.“: Die „Seeed“-Sänger Frank Dellé, Demba Nabé und Pierre Baigorry alias Peter Fox (von links) Bild: Brill, Thomas

Elf Mann, eine Mission: gute Reggae-Dancehall-Musik. Nach fünf Jahren Pause ist Seeed wieder da. Im Gespräch erzählen Sänger Pierre Baigorry alias Peter Fox und Saxophonist Moritz „Mo“ Delgado von Urlaub im Tourbus, ihrer Liebe zu Berlin und alten Witzen.

          Gut fünf Jahre hat Seeed Pause gemacht. Jetzt habt ihr euer neues Album veröffentlicht, geht auf Tour. Läuft schon wieder alles rund in der Elf-Mann-Combo?

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Pierre Baigorry (schaut seinen Kollegen an): Äh, hast du Lust das zu beantworten? Ich würd’ sagen, noch nicht alles zu hundert Prozent rund.

          Moritz Delgado: Nee, ich find es läuft gut. Natürlich müssen wir erst mal die Lok anschmeißen, um das neue Programm auf die Bühne zu bringen. Deswegen auch ein paar kleine Shows, um abzuchecken, wie sich die Songs live anfühlen.

          Ihr wart ziemlich erfolgreich mit eurer Reggae-Dub-Dancehall-Mischung, habt drei Echos gewonnen, den Bundesvision-Song-Contest und bei der WM-Eröffnung 2006 vor Millionen gespielt. Wieso habt ihr gesagt: Jetzt reicht’s erst mal?

          Baigorry: Man ist da schnell in so ’ner Maschine drin: alle zwei Jahre ein Album, ’ne Tour und dann wieder die Arbeit fürs nächste Album. Ich wollte einfach mal was anderes machen. Deshalb ging das damals auch ein wenig auf meine Initiative hin. Ich glaub’, die Band hätte lieber weitergemacht.

          Delgado: Ja, wir hätten schon gern weitergemacht. Aber trotzdem: Wir hatten damals acht Jahre fast konsequent durchgerockt. Und es gibt ja nicht nur Projekte, wie sie Pierre und noch ein paar von uns durchgezogen haben. Es wurden Kinder geboren, Bandmitglieder haben geheiratet, sich wieder geschieden. Es gab genug Gründe, sich mal kurz auszuruhen und sich um andere Dinge im Leben zu kümmern.

          Wirklich erfolgreich war in dieser Zeit nur Pierre als Peter Fox; erfolgreicher als vorher mit Seeed sogar. Wie sehr hat sich dadurch das Gefüge der Band verändert?

          Baigorry: Eigentlich gar nicht. Ich find’ es schön, wieder mit Seeed zu spielen. Wir hatten uns ja nie aufgelöst, die Pause ist einfach nur länger geworden als geplant.

          Delgado: Vom Grundgefühl ist alles beim Alten. Ich weiß nicht, was für Veränderungen das sein sollten.

          Wer bestimmt denn jetzt bei Seeed, wo’s langgeht?

          Delgado: Es war schon immer so, dass Pierre in Anführungszeichen der Chef war. Wir entscheiden basisdemokratisch, bis wir nicht weiterkommen und es unangenehm wird. Dann ist es gut, wenn jemand sagt: Hey, wir machen’s so!

          Und dann haust du auf den Tisch, Pierre?

          Baigorry: Bei allen strategischen Fragen, Tourplanung, Promo- und Plakat-Aktionen stimmen wir zu elft ab. Da treffen wir uns meist morgens um halb elf, ganz amtlich mit Management und ausgleichender Gesprächsleitung. In musikalischen Fragen treffe ich eine Entscheidung, wenn sich keine klare Mehrheit in der Band herauskristallisiert. Die Texte schreiben wir drei Seeed-Sänger zusammen, zumindest die englischen, diesmal haben wir noch einen Cotexter dazu geholt, damit wir auch ein bisschen frisches Blut drin haben. Die deutschen Texte sind im Prinzip von mir und dem Monk, mit dem ich seit Jahren zusammen schreibe.

          Wie teilt ihr die Einnahmen?

          Baigorry: Willst du unsere Jahresendabrechnung sehen? Wir teilen eigentlich alles durch elf, Gagen, Merchandising, Albenlizenzen. Nur ein Teil der Gema-Einnahmen geht tatsächlich an diejenigen, die die Songs geschrieben haben.

          Können alle elf von Seeed leben?

          Delgado: Ja. Wenn man nicht zu lange Pausen macht schon.

          Was unterscheidet einen Solokünstler mit Begleitband von einer Band?

          Baigorry: Natürlich fokussiert sich die Aufmerksamkeit viel mehr auf eine 2Person, wenn es um ein Soloprojekt geht. Die Power auf der Bühne ist aber von einer Band, die sich auch als Band versteht, größer als von ’nem Solokünstler mit Begleitband, die im Halbdunkeln vor sich hin macht.

          Delgado: Das sieht man auch im Jazz, da hab’ ich mich als Saxophonist viel damit befasst: Es gibt Musiker, die auf zwanzig Hochzeiten tanzen, die haben eine Probe und gehen auf die Bühne, mit verschiedensten Projekten. Rein musikalisch kann so eine Begleitband auch geil sein. Aber eine richtige Band hat diese Energie, die entsteht, weil man sich gegenseitig so gut kennt. Das kann man nicht sehen, das ist etwas, das man fühlt. So ein Vibe-Ding.

          Seid ihr elf gute Freunde?

          Baigorry: Es ist nicht so, dass wir uns auch außerhalb der Bandzeiten dauernd anrufen und sehen. Wir hängen so schon genug zusammen rum. Aber bei elf Leuten löst sich vieles katalysatormäßig auf. Selbst wenn es auf der Tour zwischen zweien Spannungen gibt, sind da immer noch genug andere, mit denen man Zeit verbringen kann.

          Wie sieht Touralltag zu elft aus?

          Delgado: Wie bei jeder Band auf der Welt: Es gibt einen Soundcheck, dann gibt es Abendbrot und dann geht man auf die Bühne.

          Also nicht das Reggae-Klischee: Morgens schon kiffend im Bus und warten bis es los geht?

          Baigorry: Das kommt auch vor.

          Delgado: Ist das Reggae-Klischee nicht lange ausschlafen?

          Baigorry: Vor allem am Anfang einer Tour müssen wir noch so viel proben, da ist nichts mit lange schlafen, bisschen Soundcheck, pling-pling, und los geht’s. Erst ab Mitte der Tour entspannt sich das, und man kann vormittags schwimmen gehen oder was lesen. Viele haben Kinder in Berlin, die müssen daheim immer früh aufstehen. Für die ist dann die Tour der Urlaub, in dem man lange schlafen kann. 

          Und ihr schlaft alle in einem Bus?

          Delgado: Ja, alle in einem riesigen Bett. Nee, unser Bus ist wie so ein U-Boot, in der Mitte ein Gang, und dann die Doppelstockbetten.

          Was sagen eigentlich eure Frauen dazu, dass ihr mit vierzig immer noch über Ärsche singt?

          Baigorry: Sollte man damit in einem bestimmten Alter aufhören? Wir singen ja auch von vielen anderen Dingen. Und meine Frau hat überhaupt kein Problem damit. Ich sing’ ja tief in mir drin immer über ihren Arsch.

          Und was außer dem Hintern ist euch noch wichtig an einer Frau?

          Baigorry: Es sind natürlich sehr viel mehr Sachen wichtig. Aber ein guter Arsch hilft auf jeden Fall.


          Auf der neuen Platte sind viele Liebeslieder. Euer wichtigstes Thema?

          Baigorry: Das ist seit jeher das Thema, worum es in Songs geht, oder? Egal ob beim Blues über Liebe, die in den Sand gefahren wurde. Oder bei den Beatles: „She loves you, yeah, yeah, yeah“. Da machen wir keine Ausnahme. Nur wird in Kopf-Deutschland immer verlangt: Sag mal, warum singt ihr nicht übers Bruttosozialprodukt oder über die Herstellung von Sonnenschirmen? Natürlich singt man über Liebe, das ist nun mal das Thema, das die Welt am Laufen hält. Und für vieles andere gibt es bessere Foren als Drei-Minuten-Popsongs. Trotzdem singen wir ja über andere Themen. Zum Beispiel über „Seeed“. Und wir haben einen Song mit dem Titel „Deine Zeit“.

          Ihr singt darin: „Die Nachrichten sind schlecht, du schießt dich weg. Wartest ab, bis irgendwas passiert, erwartest, dass der Messias kommt und regiert.“ Steckt in dieser Zeile so was wie Selbstkritik?

          Baigorry: Ja, eine Selbstanalyse. Ein Sich-Selbst-in-den-Arsch-Treten. Aber auch eine Beschreibung der allgemeinen Situation. Es geht in „Deine Zeit“ darum, dass unsere Generation am Ruder ist. Und wenn uns was nicht passt, müssen wir es ändern, genau wir. Es ist immer einfacher, über Politiker zu schimpfen und abzuwarten, dass irgendjemand die Probleme löst.

          Hat man da als Prominenter eine besondere Verantwortung?

          Baigorry: Jein. Kommt drauf an, was man für ein Typ ist. Jeder hat seine Stärken. Von einem Fußballer sollte man nicht unbedingt erwarten, dass er Menschen die Welt erklärt und das besser macht als ein Politiker. Und Seeed wird einerseits dafür abgefeiert, dass wir Deutschland ein bisschen lockerer und entspannter machen. Anderseits sollen wir bitte politisch aktiv sein, politische Songs machen. Natürlich machen wir uns viele Gedanken. Aber alles hat seine Zeit. Im Moment ist halt die Zeit, Musik zu machen, gute Konzerte zu spielen.

          Euer Durchbruch war 2001 die Hauptstadthymne „Dickes B“. Inzwischen singen Bands wie Kraftklub „Ich will nicht nach Berlin“. Was hat sich verändert?

          Baigorry: Berlin ist irre gehyped worden und wird es immer noch. Da muss es auch Bands geben, die diese Songs machen: „Ey, ich will nicht nach Berlin“. Hätten wir wahrscheinlich auch gemacht. Wir haben ja schon in „Dickes B“ gesungen: „Die Massen sind jetzt da, es hat sie niemand drum gebeten.“

          Fühlt ihr euch noch wohl in Berlin?

          Baigorry: Ja.

          Delgado: Wir sind Berliner. Es würde ganz schön lang dauern, bis wir uns nicht mehr wohl fühlen.

          Könntet ihr euch vorstellen rauszuziehen - in ein Haus am See?

          Delgado: Er ist schon.

          Baigorry: Für ein Haus am See hat’s nicht ganz gereicht, aber ich wohn’ jetzt in Lichterfelde, eine schöne Gegend mit ruhigen Straßen, Kopfsteinpflaster.

          Wie lang wollt ihr weitermachen?

          Baigorry: Was, das Interview?

          Mit Seeed.

          Delgado: Hoffentlich noch lange. Ich werd’ mein Leben lang Musik machen. Das ist keine Altersfrage, überhaupt nicht. Nur im Popbusiness ist das vielleicht ein Thema.

          Baigorry: Ist es definitiv. Wir sind in einer skurrilen Situation: Wir gehen alle auf die vierzig zu oder sind schon älter, und haben immer noch sehr viele, sehr junge Fans. Bei der neuen Platte hat das zu kleinen Clashes geführt. Die eher junge Internetgemeinde hat mit dem swingmäßigen Song „Beatiful“ überhaupt nichts anfangen können. Eher erwachsene Leute und Musiker haben gesagt: „Ey, super, das ist das beste Lied, das ihr je gemacht hat.“ Aber da wir gerne groove-orientierte, tanzbare Musik machen, denke ich, dass wir immer auch junge Fans haben. Alfi, unser Percussionist, hat ein Video von seinem knapp zweijährigen Sohn, der zu „Augenbling“ abtanzt.

          Zum Abschluss: Es heißt, die drei „E“ in Seeed kommen von den Spitznamen eurer Sänger Enuff, Ear und Eased. Wer denkt sich so was aus?

          Baigorry: Das ist Quatsch. Es gab den Namen Seeed mit drei „E“, weil wir das grafisch einfach besser fanden. Und dann haben wir uns in einer Bierlaune diese Namen gegeben. Wir haben uns nie so genannt - wurden aber in Interviews von Leuten so angesprochen, was immer ein bisschen peinlich war. Die Namen kannste getrost vergessen. Das war ein Witz von 1999. Und ein schlechter.

          Singende Caballeros

          Drei Sänger, Percussion, Schlagzeug, Saxophon, Posaune, Keyboard, Gitarre, Bass und DJ: Gefunden haben sich die elf Musiker von Seeed 1998 in Berlin. Wenig später wurden sie mit ihrem Mix aus Reggae, Dub und Dancehall überregional bekannt. Sie veröffentlichten das Album „Dancehall Caballeros“, gewannen Echos und den Bundesvision-Song-Contest. Nach zwei weiteren Alben legten sie 2007 eine Pause ein, es folgten Soloprojekte. Erfolgreich war vor allem Pierre Baigorry als Peter Fox.

          Die Fragen stellte David Klaubert.

          Quelle: F.A.S.

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