23.01.2006 · Die Person des Papstes zu beschützen, den päpstlichen Palast zu bewachen und die Eingänge des Staates der Vatikanstadt zu kontrollieren, das sind die Aufgaben der Schweizer Garde. Sie erfüllt diesen Auftrag nun seit einem halben Jahrtausend.
Von Heinz-Joachim FischerIhre Gala-Uniform zu Helm und Hellebarde kennt alle Welt. Die gelb-rot-blauen Streifen, die sich von oben nach unten wie ein buntes Gefieder fächern, sind so schön anzusehen, daß manche ihr Design dem Renaissance-Genie Michelangelo zuschreiben. Das festliche Outfit der Schweizer Garde gehört zum Papst einfach dazu - seit 500 Jahren. Am 22. Januar 1506 zogen die ersten 150 Gardisten in Rom ein und nahmen für den Schutz Julius II. unter dem Kommando von Kaspar von Silenen ihren Dienst auf. Deshalb feierten am Sonntag beide: Die "Cohors Helvetica", also das "Korps der Päpstlichen Schweizer Garde", und Benedikt XVI., nach eigenem Bekunden von unmilitärischem Charakter. Aber in diesem Fall überwog seine Freude an festlichem Aufzug und bewährter Tradition.
Die Person des Papstes zu beschützen, den päpstlichen Palast zu bewachen und die Eingänge des Staates der Vatikanstadt zu kontrollieren sind seit damals die drei Hauptaufgaben der Schweizer Gardisten. Seit dem Jahr 2002 ist Oberst Elmar Mäder der Kommandant, ein jungenhafter Mann des Jahrgangs 1963. Im Gespräch zerstreut er sogleich die Sorge, ein so auffälliger Wachmann sei eine schlechte Sicherheitsgarantie. "Natürlich versehen wir den Dienst zum Schutz des Heiligen Vaters auch in Zivil. Wir sind sicher keine hochspezialisierte, modernst bewaffnete Anti-Terror-Einheit. Dafür gibt es andere in Rom, und die Sicherheit des Papstes beginnt nicht erst an den Mauern und den Toren des Vatikans. Aber Unbefugten wird der Zugang in die päpstlichen Gemächer gewiß verwehrt. Im Apostolischen Palast kennen wir uns aus wie niemand sonst."
Wahsinnstaten wirft Schatten über die Garde
Das beruhigt. Und es beschwichtigt die Erinnerung an den größten anzunehmenden Unfall der Schweizer, den Anschlag auf Johannes Paul II. vor bald 25 Jahren, am 13. Mai 1981. Vor kurzem hat die Freilassung des Attentäters Ali Agca aus der Haft in Istanbul noch einmal diesen Albtraum beschworen. Der damals verantwortliche Offizier, Alois Estermann, konnte nichts tun gegen das Verbrechen aus dem Hinterhalt und sprang erst nach den Schüssen auf den Wagen des Papstes, um ihn mit seinem Körper zu schützen.
Im Mai 1998 wurde derselbe Estermann von demselben Papst zum Kommandanten der Garde ernannt. Doch wenige Stunden später wurde er in seiner Wohnung in der vatikanischen Kaserne von einem Untergebenen, dem Unteroffizier Cedric Tornay, erschossen, zusammen mit seiner Frau Gladys. Danach beging der Täter Selbstmord. Das ist jetzt bald acht Jahre her. Aber einen Schatten wirft das Wahnsinns-Delikt noch immer. Nur weil in den drei Quartieren der Garde neben der Porta Sant' Anna (rechts vom Petersplatz) ein robuster männlich-militärischer Geist herrscht, weil auch die meisten von damals in der normalen Rotation aus dem Dienst ausgeschieden sind, sieht man keine Gespenster. Benedikt XVI. fährt, anders als sein Vorgänger, jetzt wieder in einem offenen weißen Jeep bei der Generalaudienz über den Petersplatz. Das erinnert alle daran, daß ein Papst höhere Verpflichtungen hat, als ängstlich auf sein Leben zu achten. "Absolute Sicherheit", sagt Oberst Mädler, "gibt es ohnehin nicht."
Nicht mehr nur für Gotteslohn
So freut man sich in der kleinen Schweiz außerhalb der Schweiz über die vielen Jubiläumsfeiern, die am 21. Juni vergangenen Jahres begonnen haben, dem Datum des Gründungsbriefes Julius II., und noch einige Monate dauern werden. Münzen werden dafür geprägt, eigene Briefmarken des Vatikans erscheinen. Feststimmung herrscht auch deshalb, weil unter den Nachfolgern des getöteten Kommandanten, Pius Segmüller und Elmar Mäder, das Klerikal-Militärische der Gardisten aufgefrischt wurde. Dazu gehören ordentliche Unterkünfte und ein vernünftiger Sold von im Durchschnitt 1300 Euro netto mit einigen Vergünstigungen. So muß ein junger Schweizer nicht mehr das Gefühl haben, nur für Gotteslohn zu dienen.
Die Aufnahmebedingungen: Man muß jünger als 30 Jahre alt sein, katholisch, zuerst ledig und auch weiter unbescholten, dazu regulär in der Schweizer Armee ausgebildet. Zur Zeit dienen 78 Hellebardiere, zehn Vizekorporale, zehn Korporale, fünf Wachtmeister, ein Feldwebel (als Personalchef), zwei Hauptleute, ein Major, ein Kaplan, ein Oberstleutnant und ein Oberst - also eine Kompanie von 110 Mann mit neun Rängen und Regimentsverfassung. Die Gardisten haben Anspruch auf Weiterbildung für einen späteren Arbeitsplatz, häufig bei der Polizei oder in einem Sicherheitsdienst. So sind für die jungen Schweizer, zu 90 Prozent mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, zu zehn Prozent mit Abitur, die Jahre in Rom eine willkommene Unterbrechung, in denen man etwas von der Welt kennenlernt. Wen nur die Abenteuerlust in den päpstlichen Dienst treibt, der wird bald die allgemeine Erfahrung von Soldaten und Polizisten machen: Es ist nicht so aufregend sicherzustellen, daß nichts passiert.
Zweites Vatikanisches Konzil überlebt
Das war nicht immer so. Julius II., der vor einem halben Jahrtausend Söldner aus der Schweiz rief - weil diese einen guten Ruf als Kriegsknechte hatten und jener familiäre Beziehungen in die konföderierten Alpenlande unterhielt -, war ein streitbarer Renaissance-Fürst mit dem kennzeichnenden Beinamen "Mars", der zu Recht um seine Unversehrtheit bangte. Damals verdingten sich auch aus anderen europäischen Ländern junge Männer auf der Suche nach Arbeit im Kriegshandwerk. Spanier und Tiroler etwa, ebenfalls kräftige Haudegen - wie die Gardisten im "Sacco di Roma", der furchtbaren Verwüstung Roms durch entfesselte kaiserliche Truppen des "Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation" erfahren mußten. War zehn Jahre zuvor (1517) der Kommandant von Silenen im Kampf gefallen, so ließen am 6. Mai 1527 in der Verteidigung des Papstes 147 Gardisten ihr Leben. Die 42 anderen retteten Klemens VII. über den bewehrten Festungsgang von Sankt Peter zur Engelsburg, auch wenn der es wegen seiner Machtpolitik und seinem Unverständnis für die deutschen Forderungen nach einer Reform der Kirche - es war die Zeit Martin Luthers - vielleicht nicht verdient hatte. Aber der Auftrag war den Schweizern Befehl. Seitdem ist ihr Ruf gefestigt, daß sie zu ihrem Wort stehen.
Die Treue der Schweizer zu ihrem päpstlichen Herrn mußte sich noch mehrfach bewähren, so nach der Französischen Revolution, als Napoleon den Papst abschaffte und ihn wieder einsetzte, die Garde also aufgelöst und dann wiederbegründet wurde. So auch, als Pius IX. im Revolutionsjahr 1848 als weltlicher König eines richtigen, doch schlecht regierten Staates aus seinem römischen Palast, dem Quirinal, vom Volk vertrieben wurde und nach Gaeta floh. Oder als derselbe Pius IX. 1870 seinen ganzen Kirchenstaat für das einige Königreich Italien opfern mußte, die Schweizer jedoch es "in der Gefangenschaft im Vatikan" mit den Päpsten aushielten. 1914 führte der Kommandant Jules Repond die heutigen Uniformen ein, so wie er es auf einem Fresko des Raffael in den "Stanzen" des Vatikanischen Palastes gesehen hatte. Als sich Paul VI. im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils 1970 von allen überflüssigen Garden trennte, nahm er die Schweizer von der Reform aus. "So eine alte Institution", meint Mäder, "kann nicht einmal ein Papst abschaffen. Obwohl die Garde damals wegen des Zeitgeists um ihr Überleben kämpfte."
Mit den banaleren Ordnungsaufgaben im Vatikan ist die päpstliche Gendarmerie betraut. Das sind Italiener, die nicht ganz so zackig grüßen und auch schon mal mit sich handeln lassen, wenn ein falscher Bischof im Ornat daherkommt oder jemand in die Internationale Apotheke des Vatikans muß, die jedoch auch verhindern, daß es in der Enge zu Verkehrsunfällen und im Gedränge der Pilger zu Taschendiebstählen kommt. Nach italienischem Brauch läßt man auch im Vatikan bei der Ordnung zweierlei Kompetenzen walten. Bis zur großen Festwoche der Schweizer Garde Anfang Mai, in der Erinnerung an die Gefallenen im "Sacco di Roma" von 1527, werden die Gendarmen noch oft neidvoll auf ihre bunten Ordnungs-Kollegen schauen. Denn Alter ist im Vatikan Verdienst und Ehre.