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Schweinegrippe Nicht mehr aufzuhalten

22.07.2009 ·  Die Schweinegrippe-Pandemie sei endgültig nicht mehr aufzuhalten, sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Millionen von Menschen haben sich inzwischen wohl mit dem Virus infiziert. Die Zahlen der WHO spiegeln die Wirklichkeit längst nicht mehr wieder.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat aufgehört, die neuen Fälle von Schweinegrippe zu veröffentlichen. Die Sinnlosigkeit dieses Tuns war offensichtlich. Zuletzt hatte die WHO 94.512 Fälle und 429 Tote aufgelistet, die ihr von den nationalen Referenzlaboren gemeldet worden waren. Diese Zahlen indes spiegelten die Wirklichkeit längst nicht mehr wider. Millionen von Menschen haben sich inzwischen wohl schon mit dem Schweinegrippe-Virus H1N1 infiziert - viele von ihnen, ohne sich überhaupt darüber klar zu sein: Die Symptome verlaufen oft so mild, dass die Grippe unerkannt einfach zu Hause und ohne Medikamente auskuriert wird.

Für Deutschland meldet das Robert-Koch-Institut (RKI) inzwischen 1469 Erkrankte. Das sind fast doppelt so viele Patienten wie noch in der vergangenen Woche - und gewiss nicht alle H1N1-Infizierten. Die Zahlen dürften weiter steigen, schon allein deshalb, weil in der Urlaubszeit viele Reisende das Virus nun noch zusätzlich aus von der Schweinegrippe besonders heimgesuchten Ländern wie zum Beispiel Spanien (von Mallorca und den Balearen) mitbringen werden.

Nur 14 Prozent fühlen sich persönlich betroffen

Die Influenza-Pandemie sei jetzt endgültig nicht mehr aufzuhalten, sagt die WHO. Das klingt fast ein wenig erleichtert. Immerhin hatten die Experten schon vor Wochen die Schweinegrippe zur globalen Seuche erklärt. Und Pandemie bedeutet nichts anderes als eine Krankheit, die das "gesamte Volk" betrifft. Bislang aber war sie für den größten Teil der Öffentlichkeit nichts weiter als schlichtes Zahlenwerk, das niemanden wirklich schrecken konnte. Nicht einmal die täglich neu vermeldeten Toten konnten der allgemeinen Sorglosigkeit etwas anhaben. Reisen jedenfalls wurden bislang so gut wie nicht im großen Umfang storniert. Eine Umfrage belegt zudem, dass sich bislang nur etwa 14 Prozent der Deutschen durch die Neue Influenza "persönlich betroffen" fühlten, was immer noch wesentlich mehr Menschen sind als bei unseren Nachbarn in der Schweiz (sieben Prozent) oder in Österreich (drei Prozent).

Die stetig wachsende Zahl neuer Fälle sagt tatsächlich nur wenig darüber aus, wie gefährlich die Influenza-Pandemie ist. Eine Antwort darauf gibt es auch nicht. Das Nichtwissen - selbst der Fachleute - ist ebenfalls ein Merkmal einer jeden Pandemie. Der Rückgriff auf frühere Ereignisse hilft nur bedingt. Tatsächlich ist das H1N1-Virus ein entfernter Verwandter des Erregers der im Nachhinein so gefürchteten Spanischen Grippe aus dem Jahr 1918/19 (was zumindest wissenschaftshistorisch von Interesse ist). Die Seuche damals begann mit einer ersten, milden Welle. Erst einige Monate später brachte eine zweite Welle dann Millionen Menschen den Tod. Ähnlich war es bei der Asiatischen Grippe 1957/58 und auch bei der sogenannten Hongkong-Grippe, der bislang letzten großen Pandemie im Jahr 1968. Ob die Neue Influenza sich jetzt ebenfalls erst mit einer milden Welle angekündigt hat, können nicht einmal die Fachleute sagen.

Fast alle bisherigen Grippetoten waren gesundheitlich vorbelastet

Allerdings scheint die Welt insgesamt besser vorbereitet zu sein auf die momentane Pandemie, die sich in wenigen Wochen so stark ausgebreitet hat wie ihre Vorläufer in etlichen Monaten. Es sind wirksame Grippemittel (Neuraminidase-Hemmer wie Tamiflu) vorhanden, gegen die es bislang nur vereinzelt Resistenzen gegeben hat. Eine Übertragung der resistenten Viren von Mensch zu Mensch konnte nicht nachgewiesen werden. Zugleich ist aber die Zahl der chronischen Erkrankungen in den vergangenen Jahren stark gestiegen - und das vor allem auch schon unter jungen Menschen, die ja von der Schweinegrippe (genauso wie von allen früheren Pandemien) überproportional betroffen sind.

Fast alle bisherigen Grippetoten waren gesundheitlich vorbelastet oder geschwächt. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck oder auch Diabetes sind zu Krankheiten unseres Wohlstandes geworden; sie erhöhen die menschliche Anfälligkeit für das H1N1-Virus in den Industrieländern ebenso wie Aids und Tuberkulose in unterentwickelten Staaten. Eine vorsorgliche Impfung etwa gegen Hepatitis A oder Masern ist dringend anzuraten, da andere Infektionskrankheiten auch das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf nach einer H1N1- Ansteckung drastisch erhöhen. In Großbritannien zum Beispiel, wo sich die Schweinegrippe besonders schnell ausbreitet und schon mehrere Erkrankte starben, gibt es im Nordwesten des Landes gerade gehäuft auch Fälle von Masern. Und im Mittelmeerraum, in Osteuropa und in Nordafrika infizieren sich Urlauber leicht mit Hepatitis A durch verunreinigte Lebensmittel wie Muscheln und Schalentiere.

Die Schweinegrippe ist eine moderate Pandemie: Von 1000 Infizierten sterben derzeit weniger als fünf Erkrankte. Die WHO und das Paul-Ehrlich-Institut sind zuversichtlich, dass im September schon der Pandemie-Impfstoff zur Verfügung stehen könnte. Die Produktion ist vor Wochen schon angelaufen, gleich nachdem der saisonale Impfstoff hergestellt war. Dass sich das Virus bis zum Herbst noch massiv ändert und der Impfstoff womöglich wirkungslos werden könnte, ist nicht zu erwarten. Die Schweinegrippe verläuft mild, es gibt in der Bevölkerung bislang so gut wie keine Immunantwort. Der Erreger ist also gar nicht gezwungen, sich zu verändern.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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