27.04.2009 · Museen, Theater und Kinos bleiben geschlossen, Lokale machen um 18 Uhr dicht: Seitdem in Mexiko die Schweinegrippe umgeht, ist das Leben nicht mehr wie zuvor. Trotzdem bleiben die Menschen gelassen. Denn das Schlimmste scheint hier vorüber zu sein.
Von Alex Gertschen, Mexiko-StadtDer Schritt aus dem Haus, in die Realität außerhalb der Medien, tut gut. Zwar sind in den Straßen von Mexiko-Stadt viele Menschen mit blauem Mundschutz zu sehen. Fast alle Taxifahrer tragen eine „tapaboca“, die Tankwarte von „Petroleos Mexicanos“, die Verkäuferinnen auf dem Straßenmarkt, die Kassiererinnen im „Comercial Mexicana“ und die Polizisten, die draußen den Verkehr lenken. Aber die meisten Passanten gehen ihren normalen Tätigkeiten nach - was in diesen Tagen des Ausnahmezustands alles andere als normal ist, aber natürlich auch beruhigend.
Denn seit Tagen wird auf allen Fernsehkanälen, Internet-Portalen und Zeitungstitelseiten pausenlos über die Influenza berichtet, die unsichtbare Gefahr, die bislang mindestens 20 Menschenleben gefordert hat, wahrscheinlich aber viel mehr. Seitdem die Regierung am Donnerstagabend bekannt gegeben hat, dass im Land die Schweinegrippe umgeht, sitzen Millionen von Mexikanern zu Hause gebannt vor dem Bildschirm, um die nächsten erschreckenden Meldungen zu empfangen, die mehr Fragen stellen als beantworten. Wie viele von den insgesamt 100 verdächtigen Todesfällen sind tatsächlich auf das Virus H1N1 zurückzuführen? Wie viele der mehr als 1600 Personen, die mit Verdacht auf Schweinegrippe im Krankenhaus sind, schweben wirklich in Todesgefahr? Was hat das leichte Fieber der Schwiegermutter zu bedeuten?
Im Zustand kollektiver Hysterie
Nancy Puente hat erfahren, wie draußen in der Wirklichkeit Verunsicherung in Panik ausarten kann. Als sie am Donnerstag spätabends den Entscheid der Regierung vernahm, dass die Schulen in der Hauptstadt bis zum 6. Mai geschlossen bleiben, entschied sie, am Freitag mit ihren zwei schulpflichtigen Töchtern und der Kleinsten nach San Luis Potosí zu ihren Eltern zu fahren. Bei der Ankunft fand Puente ihre Heimatstadt im Zustand kollektiver Hysterie vor. Im Gegensatz zu den beiden Zentren der Epidemie, der Stadt Mexiko und dem gleichnamigen Gliedstaat, der sie umgibt, war in San Luis Potosí am Freitag ein normaler Schultag. „Als die Eltern erfuhren, dass auch hier mehrere Menschen an der Grippe gestorben waren, stürmten sie zu den Schulen, um ihre Kinder herauszuholen. Es gab ein totales Verkehrschaos“, sagt Puente. „Ein Mädchen musste niesen. Es begann zu weinen und sagte, nun werde es sterben.“
Die Zahl der tatsächlichen und vermeintlichen Grippe-Opfer ist seither nach oben geschnellt - aber die Gemütslage der Nation hat sich beruhigt. „Am Freitag breitete sich Angst aus. Doch die Bevölkerung traf rasch die nötigen Vorsichtsmaßnahmen“, sagt Eva Maria Pérez, eine Pharmazeutin, die unter der Woche für das Gesundheitsministerium und am Wochenende im Untersuchungslabor eines öffentlichen Krankenhauses in Mexiko-Stadt arbeitet. Auch Alejandro Vargas, Arzt am „Centro Médico Nacional“, sagt, die Behörden hätten schnell und angemessen reagiert. Die Ausrufung einer Epidemie habe weitreichende Folgen für das gesellschaftliche Leben, weshalb man absolut sicher sein müsse. Und diese Gewissheit schafften die amerikanischen Behörden erst am Donnerstag, als sie den mexikanischen Kollegen mitteilten, dass es sich bei den Proben tatsächlich um das neue Virus handele, das in den Vereinigten Staaten kurz zuvor identifiziert worden war.
„Die wollen uns bloß Angst machen“
Die Mexikaner sind jedoch ein misstrauisches Volk. Nancy Puente sagt, Freundinnen von ihr seien von Ärzten bereits eine Woche zuvor vor einer eigenartigen Grippe gewarnt worden. „Man hätte die Leute früher alarmieren sollen“, sagt sie. Sofía Gutiérrez, die im „Comercial Mexicana“ ohne Mundschutz das Geld ihrer Kasse zählt, vermutet hingegen, „dass die uns bloß Angst machen wollen“. Die Geschichte hat im Mexikaner den Glauben verankert, sein irdisches Dasein hänge von der Willkür in- oder ausländischer Herren ab. Octavio Paz schrieb in „Das Labyrinth der Einsamkeit“, seine Landsleute fühlten sich in einem Reich zwischen Himmel und Erde. Das Leben ist demnach nicht zu gestalten und zu kontrollieren, sondern mit Würde und Demut hinzunehmen. Gut möglich also, dass nicht die Furcht- oder Arglosigkeit die Mexikaner aus ihren Häusern treibt, sondern ihr Misstrauen gegenüber den Oberen.
Allerdings gibt es regionale Unterschiede. Während die Kirche in der linksliberalen Hauptstadt die Messe hinter verriegelten Toren zelebriert, wird im erzkatholischen San Luis Potosí der Gottesdienst bloß gekürzt. In der Not setzen dessen Bewohner lieber auf kirchlichen Segen als auf den behördlichen Ratschlag, Massenveranstaltungen zu meiden. Dem Fußball hingegen bleiben sie wirklich fern. Die Partie der Pumas, des Fußballteams der Nationalen Universität im Süden von Mexiko-Stadt, gegen die „Chivas“ (Ziegenböcke) aus Guadalajara muss unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Der gewaltige Parkplatz vor dem Olympiastadion ist leer, ein paar Dutzend Polizisten vertreiben sich im Schatten der Bäume die Zeit, und nur ein paar Spieler und Ordner verlieren sich in der Arena. Der Polizist Ricardo Alejandro ist selbst überrascht: „Kein einziger Fan, nicht einmal die eingefleischten, ist gekommen.“
Das Schlimmste scheint vorüber
Museen, Theater und Kinos sind seit Freitag geschlossen. Das Leben im sonst rund um die Uhr pulsierenden Stadtteil Condesa hat sich merklich beruhigt, allerdings erst seit Samstagnacht. „Um Mitternacht kamen Beamte und befahlen die sofortige Schließung des Lokals“, sagt Manuel Sulkin, der Betreiber des Restaurants „Ocho“. Er habe wie alle anderen Gastwirte die Anweisung erhalten, nicht mehr als 50 Gäste gleichzeitig in den Innenraum zu lassen und um 18 Uhr Feierabend zu machen. Denn nach Sonnenuntergang verbreite sich das Virus leichter. Alejandro Vargas vom „Centro Médico“ bestätigt, dass tiefere Temperaturen den immunologischen Schutz verringern. Sulkin, dessen Mitarbeiter alle Mundschutz tragen, sagt, zum Glück habe das „Ocho“ eine große Terrasse. Draußen fühlten sich die Gäste sicherer. Weniger zahlreich als sonst sind sie dennoch.
Das Schlimmste, so glauben die Mexikaner, scheint vorüber zu sein. Vargas sagt, neue Todesfälle sollte es nicht mehr geben. Denn wer die Symptome der Schweinegrippe rechtzeitig entdecke und zum Arzt gehe, könne geheilt werden. Die zwei dazu notwendigen Medikamente seien in ausreichenden Mengen vorhanden. Laut der Pharmazeutin Eva Maria Pérez wird es wohl eine Woche dauern, um festzustellen, wie viele der etwa 100 Opfer tatsächlich an dem Virus gestorben sind. Normalerweise dauere eine solche Analyse einen Tag. Aber die Laborkapazitäten im Land reichten für die große Anzahl nicht aus.
Entwarnung wird nicht gegeben. Die Stadtregierung gibt die Schließung großer Teile der Verwaltung bis zum 6. Mai bekannt, und die noch am Samstag von Arbeitsminister Lozano geäußerte Hoffnung, das Arbeitsleben werde bald seinen gewohnten Gang nehmen, scheint illusorisch. Viele Unternehmen teilen ihren Mitarbeitern mit, dass sie ihre Arbeit zu Hause erledigen sollen.
Für Francisco Jorge Guzmán kommt die neue Vorsicht allerdings zu spät. Vor etwas mehr als einer Woche suchte der 24 Jahre alte Familienvater wegen Magenschmerzen, Schüttelfrost und Fiebers den Arzt auf. Der gab ihm bloß ein Medikament gegen die Schmerzen. Als sich herausstellte, dass sich Guzmán mit dem Virus der Schweinegrippe infiziert hatte, war wertvolle Zeit für die Behandlung verflossen. Am Samstag starb er.