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Schweinegrippe Aus gutem Grund

 ·  Bis vor kurzem sah es nicht so aus, als wenn sich ein wesentlicher Teil der Bevölkerung gegen die Schweinegrippe impfen lassen würde. Jetzt schlägt die Stimmung offenbar um: Die Menschen passen ihre Meinung vorsorglich an die vermutete Mehrheitsmeinung an.

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Man kann nicht sagen, dass die Schweinegrippe über die Deutschen hereingebrochen wäre wie der Fall der Mauer. Seuchenexperten haben die Ansteckungswelle seit Monaten vorhergesagt. Darin unterscheidet sich die Virologie von der Politik: Es geht um Infektionsraten, nicht um Umfragen.

Aber Fakten allein haben noch die öffentliche Meinung regiert. Bis vor kurzem sah es nicht so aus, als wenn sich ein wesentlicher Teil der Bevölkerung impfen lassen würde. Die Angst vor den Nebenwirkungen der Spritze war größer als die Angst vor H1N1.

Jetzt schlägt die Stimmung offenbar um. Aus Hannover wird gemeldet, dass sich mehrere Betriebe aus dem Rotlichtviertel geschlossen zum Gesundheitsamt begeben hätten. Und in Nordrhein-Westfalen, wo das Virus zügig auf dem Vormarsch ist, bildeten sich vergangene Woche bereits erste Schlangen vor den Impfzentralen. Viele Impfwillige gaben an, sie hätten erst kurz zuvor von der Gefahr der Schweinegrippe erfahren.

Das allerdings würde an ein Wunder grenzen: Man muss schon das letzte halbe Jahr in einem Erdloch verbracht haben, um noch nichts von einer Pandemie gehört zu haben. Selbst die Boulevardzeitungen haben ohne Unterlass und sogar erstaunlich seriös berichtet.

Ein echtes Verständigungsproblem

Wenn die Mehrheit jetzt immer noch glaubt, nicht ausreichend aufgeklärt zu sein, liegt ein echtes Verständigungsproblem vor. Als im Frühjahr die ersten Fälle aus Mexiko gemeldet wurden, wusste noch niemand, wie schlimm die Sache werden würde. Die Weltgesundheitsbehörde, trainiert durch die Erfahrung mit früheren Seuchen, tat das, was ihr Auftrag ist: Sie schlug Alarm. Und hob ihn, als der Erreger sich über den Globus ausbreitete, gleich auf die höchste Stufe, so dass der Eindruck entstehen konnte, er werde eher über kurz als über lang die halbe Menschheit dahinraffen. Als das nicht geschah, konnte sich jeder, der es wollte, wie der Dachdecker, der vom Dach stürzt, auf der Hälfte der Strecke damit trösten, dass ja noch gar nichts passiert ist.

Wie heil wir alle unten ankommen werden, wird erst am Ende dieser Influenzasaison, also im März oder April, feststehen. Noch viel früher aber, nämlich ein Jahr davor, musste aus produktionstechnischen Gründen entschieden werden, welchen Impfstoff man ordern würde. Denn für den Ernstfall vorbereitet sein wollten seinerzeit alle. Auch jene, die - wie ausgerechnet der Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft - heute behaupten, es sei im Interesse der Pharmahersteller doch nur Panik geschürt worden.

So bestellten die einen Impfserum mit Adjuvanz, die anderen ohne, und es kam der Verdacht auf, selbst die Fachleute wüssten nun nicht mehr, was sie eigentlich raten sollen. Dabei blieb die Botschaft unter dem Strich stets dieselbe: Das Risiko, egal durch welchen Impfstoff einen Schaden davonzutragen, sei um viele Größenordnungen geringer als das einer schweren Infektion.

Nun sollte man in den nationalen und internationalen Krisenstäben nach Tschernobyl, Waldsterben, Aids, BSE, Klimaerwärmung und anderen vermeintlichen oder tatsächlichen Katastrophen mittlerweile wissen, dass die Risikowahrnehmung des Publikums eine andere ist als die des Versicherungsmathematikers.

Was der Nachbar denkt

Das Produkt aus möglicher Schadenshöhe und Wahrscheinlichkeit ist für den Laien eben nicht die rationale Grundlage seiner Entscheidung. Sondern eher das, was sein Nachbar denkt. Wenn nebenan jemand hustet, ist das erheblich bedrohlicher, als wenn in Australien die Erde bebt. Und was der Kollege am Arbeitsplatz in Sachen Grippe unternimmt, ist eher Vorbild als das, was die Kanzlerin oder der oberste Seuchenbeauftragte im Fernsehen empfehlen. In der Soziologie nennt man es „groupthink“, wenn Menschen Entscheidungen treffen, indem sie ihre Meinung vorsorglich an die vermutete Mehrheitsmeinung anpassen, auch wenn diese gar nicht oder nur fadenscheinig begründet ist.

Bisher war es nicht besonders konform, sich zur Impfung zu bekennen. Dahinter stand die Grundhaltung, dass die da oben die Schweinegrippe ja wohl ebenso wenig unter Kontrolle bekommen werden wie die Arbeitslosigkeit, die Rentenkasse oder den Verkauf von Opel. Ein einziger Ansteckungsfall in der Familie oder im Kindergarten kann aber schon ausreichen, damit diese Haltung ins Wanken gerät. Wenn es um das Kind geht, sind Väter und Mütter sehr schnell vom Nutzen einer Immunisierung zu überzeugen. Mag der eigene Körper auch mit dem Virus fertig werden - man will ja keinen Schwächeren anstecken.

Übertragen auf alle, könnte dieser Gedanke sogar Schule machen. Denn je weniger Ungeimpfte herumlaufen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Schweinegrippeerreger auf seinem Weg durch die Bevölkerung neue Eigenschaften ausbrütet. Gelegenheit dazu hat er schon vom kommenden Mittwoch an: Helau und Bützchen! heißt es dann wieder bei den Narren. Wünschen wir obendrein: Gesundheit!

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Jahrgang 1954, verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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