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Schutz für die Antarktis : Kill Krill?

  • -Aktualisiert am

Die Einführung von Meeresschutzgebieten in der Antarktis ist vorerst gescheitert. Bild: dpa

Alle schienen sich einig zu sein beim Sondertreffen der Schutzkommission für die Antarktis in Bremerhaven. Zum Schluss hatten Russland und Weißrussland dann doch Bedenken.

          Mit 3,9 Millionen Quadratkilometern ging es um eine Meeresregion, die fast genauso groß ist wie die Europäische Union. Nur leben und wirtschaften in der EU 500 Millionen Einwohner, während in den eisigen Gewässern rund um die Antarktis kaum Menschen, aber ungezählte Pinguine, Wale, Robben, Albatrosse, Mini-Krebse und Fische ihren Lebensunterhalt bestreiten. Es ist eine der letzten Regionen der Erde, die Menschen bisher nur wenig verändert haben.

          Daher wollten die 25 Mitglieder der Internationalen Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze in der Antarktis (CCAMLR) dort ein großes System von Schutzgebieten einrichten. Auf einem Sondertreffen in Bremerhaven waren sich die Wissenschaftler nach langen Diskussionen noch am Montag einig, wie wichtig solche Zonen wären. Doch in den späteren politischen Verhandlungen wischten Russland und die Ukraine mit einem überraschenden und fadenscheinigen rechtlichen Einwand die Erkenntnisse der Forscher vom Tisch. „Niemand versteht, warum das passiert ist“, sagt nun Bob Zuur vom WWF in Neuseeland. „Wir müssen jetzt bis zum nächsten Treffen im Oktober in Tasmanien ausführlich mit den Russen sprechen.“ Die Verhandlungen gehen also in die Verlängerung. Mit gedämpften Optimismus - denn eigentlich waren sich alle Beteiligten schon 2011 einig, die Region zu schützen.

          Vom Krill hängt fast alles ab

          „Die Eisflächen der Antarktis liefern die Grundlagen für das überquellende Leben im Südpolarmeer“, sagt Bob Zuur. Die kalte und damit schwere Luft über dem ewigen Eis rauscht nämlich als eiskalter Fallwind hinunter zum Meer. Dort treibt die Luft nicht nur Meeresströmungen an, die das Klima auf der gesamten Erde beeinflussen. Die Fallwinde kühlen auch das Wasser so stark ab, dass es bis auf den Grund des Südpolarmeeres sinkt und die dort festgehaltenen Nährstoffe aufwirbelt. Diese gigantische Düngerwolke und das Sonnenlicht ernähren viele Algen und Bakterien, die wiederum häufig im Maul des Krill landen. Die winzigen Krebse kommen im kalten Wasser rund um die Antarktis in hellen Scharen vor und sind für viele größere Tiere ein wichtiges Grundnahrungsmittel. Sogar der Blauwal siebt die Winzlinge in seinem riesigen Maul aus dem Wasser.

          Auch Robben, Pinguine und viele Fische verputzen Krill für ihr Leben gern. Oder sie vertilgen Fische und andere Meerestiere, die sich von Krill ernährt haben. „Zu diesen Second-Hand-Krill-Fressern gehören zum Beispiel die Albatrosse, für die das Südpolarmeer ein großes Buffet ist“, sagt Zuur. Noch wichtiger ist dieser Süd-Ozean für die großen Wale, rund 80 Prozent von ihnen ernähren sich in diesen Gewässern. Vom Krill hängt also nach Zuurs Worten fast das gesamte Leben im Meer vor der Antarktis ab. Längst aber fangen die Fischereiflotten nicht nur Fische in der Antarktis, sondern auch die kleinen Krebse. Krill taugt zwar nicht so recht für die Speisekarte der Menschen, ist aber ein ideales Futter für Aquakulturen und liefert Omega-3-Fettsäuren, die für Menschen gesundheitsfördernd sein sollen. Das wimmelnde Ökosystem am Rande des ewigen Eises ist daher gefährdet.

          Schutzgebiete können die Meereswelt schützen

          Unter anderem aus diesem Grund haben Neuseeland und die Vereinigten Staaten der CCAMLR-Kommission vorgeschlagen, 2,3 Millionen Quadratkilometer des Rossmeeres vor den Antarktis-Stationen der beiden Länder als Schutzgebiet auszuweisen. Australien, Frankreich und die Europäische Union wollen sieben weitere Meeresregionen vor der Küste der Ost-Antarktis mit zusammen 1,63 Millionen Quadratkilometern ebenfalls in Schutzgebiete umwandeln, in denen kommerzieller Fischfang stark eingeschränkt werden soll. Eingeladen von der deutschen Regierung, diskutierten die CCAMLR-Mitglieder über diese Vorschläge nun bis zum Dienstag in Bremerhaven.

          „Hinter CCAMLR aber stehen die großen Fischereinationen der Welt“, sagt Tim Packeiser vom WWF in Hamburg. Zu den 25 Mitgliedern gehören Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland, Polen, Russland, China, Japan, Indien, Neuseeland, Australien, die Vereinigten Staaten, Brasilien, Argentinien, Chile und die Europäische Union. Zwar sind nur die Mitglieder völkerrechtlich an die Beschlüsse von CCAMLR gebunden. „Die Beschlüsse eines solchen Kreises aber werden kleinere Länder wohl ebenfalls berücksichtigen“, meint Meeresökologe Packeiser. Zumal über Satellitentechnik illegale Aktionen aufgedeckt werden können und bei Verstößen Länder wie Australien, Neuseeland, Frankreich oder Südafrika notfalls auch ihre Küstenwache und Marine einsetzen können, um Sünder dingfest zu machen.

          Die mehr als 30 Naturschutzorganisationen wie WWF, Greenpeace, Deepwave und Whale and Dolphin Conservation (WDC), die sich zu einer „Antarctic Ocean Alliance“ (AOA) zusammengeschlossen haben, sind daher überzeugt davon, dass Schutzgebiete die einmalige Meereswelt im Süd-Ozean wirkungsvoll schützen können. Zumindest, wenn die 23 anderen CCAMLR-Partner Russland und die Ukraine bis zum Oktober davon überzeugen können, ihre juristischen Einwände fallen zu lassen. Denn die Beschlüsse dieses Zusammenschlusses werden nur einstimmig gefällt - es gibt also ein Vetorecht für jeden.

          Quelle: F.A.Z.

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