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Schuster Der Laufkundschaft zu Füßen

15.12.2005 ·  Axel Himer ist ein Kunsthandwerker der Premiumklasse. Er schneidert Schuhe nach Maß auf den Fuß: nie mehr als drei Paar in der Woche. Denn Luxus kostet viel Zeit.

Von Franz-Josef Goertz
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„Ein guter Schuhmacher muß auch die Schnauze halten können“, sagt Axel Himer. Legt sich Brandsohlenhobel und Hirschkleber, dazu eine Zwickzange und ein halbes Dutzend geschliffen scharfer Stecheisen zurecht und sagt kein unnötiges Wort mehr.

Dabei plaudern Handwerker ganz gern, wenn Zuschauer ihnen im Nacken sitzen. Kunsthandwerker sind besonders gesprächig. Aber dazu braucht es eine Weile. Dem Meister gefällt es, wenn der Besucher auf einem uralten Drehstuhl andächtig Abstand hält, um sich das Interieur und die wichtigsten Gerätschaften erklären zu lassen. Wer dagegen zur Anprobe vorspricht, wird bald in den ersten Stock gebeten und mit Champagner und Zigarren bewirtet.

Axel Himer macht Schuhe nach Maß, seit 1988 schon, aber nie mehr als drei Paar in der Woche. Darum hat er wenig Laufkundschaft und hebt das Telefon während der Arbeit nur ab, wenn er tatsächlich einmal beide Hände frei hat. Und im Notizbuch nachblättern kann, was gerade ansteht und zu welchem Termin. Die Stammkunden besitzen seine Handy-Nummer. Die fassen sich gewöhnlich kurz. Darum geht er ans Mobiltelefon meist sofort, spricht verbindlich, präzise und diskret - und niemals ein Wort zuviel. Richtig ins Gespräch ziehen läßt Himer sich erst, wenn man ihm auf Augenhöhe gegenübersitzt und der in Arbeit befindliche Schuh selbst eine Pause zu fordern scheint.

Mehr Geselligkeit entwickelt sich nebenan in der geräumigen Küche, wo manchmal eine kräftige Suppe auf dem Herd steht und meist die Espresso-Maschine läuft: „Einen besseren Cappuccino finden Sie in der Stadt nirgendwo“, sagt der gastliche Schuster. Und übertreibt durchaus nicht. Axel Himer ist ein Gemütsmensch mit dezentem Bäuchlein und ausgeprägt kulinarischem Feingefühl. Darum hat er dafür gesorgt, daß in den Räumen der unteren Etage nicht nur gekocht, sondern regelmäßig Wein und Whisky verkostet wird, aber auch Öl- und Essig-, Kaffee-und Espresso-Seminare stattfinden.

Der gefällig restaurierte Industriebau in einem Hinterhof mitten in Baden-Badens Altstadt ist 150 Jahre alt. Ein Installateur namens Thiergärtner hatte dort lange seine Werkstatt. Der hat dem Zar die schmucken Badewannen nach St. Petersburg geliefert, aber zum Beispiel auch die Messinghandläufe für die „Titanic“ gefertigt. Handwerk mit Zertifikat, Qualität mit Gütesiegel - immer schon. Klar, daß das Gebäude mit dem wunderschön gepflasterten Innenhof unter Denkmalschutz steht und den Handwerkszünften zu exemplarischer Nutzung überlassen wurde, selbstverständlich für die Premium-Klasse der Schuster-, Schneider- und Putzmacher-Innung.

Zunfthaus nennt es sich, ganz unprätentiös. Über Küche und Schankraum für ausgesucht feine Spirituosen ist im ersten Stockwerk Platz genug für den Ausstellungsraum des Fahrradbauers und der Manufaktur für Schreibwerkzeuge. Eine Ecke ist für Himers Privatissimum reserviert: den ungefügen Thron, auf dem Platz nehmen darf, wer vermessen wird. Ein feierlicher Akt, den man barfuß absolviert, während der Meister sich auf die Knie wirft, als wolle er dem neuen Kunden erstmal die Füße küssen. Er hält dazu aber ein Bandmaß in der Hand, streift ein Hosenbein in die Höhe und zieht die Socke stramm, bevor er Maß nimmt: dreimal quer, einmal längs und das Großzehengelenk extra. Noch eine Zeichnung vom Fuß im Profil, mit allen Höhen und Tiefen, dann dieselbe Prozedur am anderen Bein.

„Kräftiger Fuß, etwas fleischig“, murmelt Himer mehr zu sich selbst, während er alle Zahlen auf das Blatt mit dem tintenblau eingefärbten Fußabdruck notiert: der Konstruktionsplan für den Leisten, der zur Kennzeichnung aber nicht mehr als eine unverfängliche Zahl bekommt. Denn auch Plattfüße haben ein Anrecht auf Diskretion. Dann erhebt der Meister sich, schiebt seine Wildlederkappe tief in den Nacken, zupft die Weste zurecht und zieht wie anteilnehmend die Schultern hoch: „Knick-Senk-Spreizfuß“, raunt er, „das haben aber alle.“ Für die männliche Kundschaft hält das wuchtige Sitzmöbel versteckten Zuspruch vor: ein paar Champagner-Piccolos in der rechten und, im verläßlich klimatisierten Humidor, die eine oder andere gute Zigarre in der linken Armlehne.

Für das Kind im Manne ist in einem der Nachbargemächer eine doppelläufige Carrera-Bahn aufgebaut. Mit der Formel 1 hat Himer wenig im Sinn. Er steht mehr auf Tourenwagenrennen: solche vor allem, bei denen die Fahrer erst mal ein Stück laufen müssen wie in Le Mans oder Indianapolis. Denn dazu braucht man vernünftiges Schuhwerk: leicht und paßgenau, belastbar und bequem. Mit Sportschuhen sei da so wenig auszurichten wie mit landläufigen Straßentretern, weiß Himer. Denn die bieten dem Fuß nicht den Halt, den er braucht, wenn 24 Stunden am Stück hastig gekuppelt, heftig gebremst, mit festem Tritt Gas gegeben und wieder unnachsichtig gebremst werden soll.

„Das ist ein Maßschuh“, sagt Himer, nimmt eines der Ausstellungsstücke aus mintgrünem Kalbsvelour von der Bahn und legt zur Erklärung noch einen Satz nach: „Maßschuhe wirken weniger nach außen als nach innen.“ Darum tragen die Teams von Bentley und Bugatti bei den Rennen von Sebring oder dem Mille-Miglia-Abenteuer zwischen Brescia und Rom neuerdings maßgefertigte Racing-Schuhe aus der Baden-Badener Werkstatt. Das Paar übrigens für 2500 Euro. Nur Jagdstiefel sind teurer. Was über 4000 Euro hinausgeht, nennt Himer lächelnd eine Verhandlungssache. Anders die Fußballschuhe, deren Prototypen der kreative Schuster unkaputtbare Keramik-Stollen untergeschraubt hat. Die bekommen, wenn sie in die Serienfertigung gehen, einen populären Preis, glaubt Himer. Aber der Produzent rechne und das Verfahren schwebe noch, sagt er. Und ein guter Schuhmacher sei nun einmal abgrundtief verschwiegen.

Seine Kundschaft? Da schüttelt er wortlos den Kopf. Vielleicht vertraut er darauf, daß man auf den Porträts im Flur Heiner Lauterbach und Erol Sander ebenso rasch erkennt wie Franz Beckenbauer. Bei den Rennfahrer-Fotos läßt er sich nicht lange bitten. Denn wem sind schon die Namen von Rennfahrern wie Giancarlo Fisichella oder Prinz Imanuel von Savoyen ein Begriff, wem die Mienen von Tom Kristensen und Gay Smith geläufig, die vor zwei Jahren Le Mans gewonnen haben - in einem mintfarbenen Bentley, nach einem furiosen Sprint in den Rennschuhen von Axel Himer?

Rabatte gibt's nicht, sagt er, und ein halbes Jahr muß selbst der prominenteste Kunde auf seine neuen Maßschuhe warten, wenn nicht sogar ein ganzes Jahr. Nicht einmal bei Arnold Schwarzenegger, dem Gouverneur von Kalifornien, macht er eine Ausnahme. Oder nur eine kleine. Weil Kalifornien allemal eine Reise wert ist, hat Himer einen Flug gebucht, als der berühmte Schauspieler ein, zwei, drei oder mehr Paar Schuhe orderte und den vielgefragten Schuster nach Los Angeles bat. Himer gehört zu den wenigen, die Probeschuhe anfertigen, bevor sie sich an die Arbeit machen. Erst wenn die passen, wird das Leder zugeschnitten: Kalb oder Ziege so gern wie Hirsch oder Strauß, für Budapester, Penny Loafers oder Oxford-Klassiker, mit dezentem Lochmuster oder güldener Doppelschnalle, das Paar zu 2000 bis 2500 Euro.

Aber wie die beiden Anproben in Los Angeles abwickeln? Himer seufzt vernehmlich, zieht die Augenbrauen hoch und ist die Diskretion in Person. Die Kunden aus Baden-Baden kann er an den Fingern einer Hand aufzählen, die aus Osaka auch noch - aber die aus New York und Moskau schon nicht mehr. Dorthin hat er im vergangenen Winter ein Paar Jagdstiefel geliefert, erzählt er, weil es längst auf den Feierabend zugeht und er sich jetzt ein wenig recken und strecken möchte, um dem Lehrling anzudeuten, wie spät es schon wieder geworden ist. Der Lehrling ist seine 18 Jahre alte Tochter Kim. Sie sitzt, still und fleißig ohne Hast, am anderen Ende der Werkbank. Nach der Schule hat sie nur eines lernen wollen: Schuhe machen zu können wie ihr Vater.

Bei ihm selbst war das vollkommen anders, sagt er. Er ist zuerst zu einem Schreiner in die Lehre gegangen. Der Beruf hat ihm zwar Spaß gemacht, aber viele Wünsche offengelassen. Darum wurde er Kraftfahrzeug-Mechaniker. Und hat sich mit seinem Gesellenbrief dem dritten Lehrherrn vorgestellt, einem Orthopädie-Schuhmacher. Das wär's fast gewesen.

Doch dann hat er, auf der Suche nach Ersatzteilen für ein altes Auto, in England lange einem Maßschuhmacher bei der Arbeit zugeschaut und sich von dessen Handwerkskunst auf der Stelle gefangennehmen lassen - so präzis, so schön waren dessen Stücke gearbeitet: „Meisterwerke, denen man ansah, daß sie paßgenau auf den Fuß geschneidert waren.“ Für den Kunsthandwerker Axel Himer war das die endgültige Herausforderung.

Web: Im Internet: www.zunfthaus-baden-baden.de
Bildunterschrift: Auch Autorennfahrer gehen nicht mehr ohne Maßschuhe an den Start - wenn sie, wie in Le Mans, erst mal ein Stück laufen sollen. Fotos Daniel Pilar Tochter Kim (re.) will Schuhmacherin werden - und bleibt bei Vaters Leisten. Ein Prominentenschuster muß sich um den Absatz keine Sorgen machen.
Kasten: Zum Schustern sind kräftige Hände nötig: erst zum Stechen und Zwicken, dann zum Hobeln und Hämmern.

Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH Autor/en: Görtz, Franz Josef Themen: Industrie, Personalie

Im Internet: www.zunfthaus-baden-baden.de

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Ressort Gesellschaft, 24. April 2005
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