25.11.2007 · Im thüringischen Sondershausen schwänzen immer mehr Jugendliche die Schule. Nicht einmal Anhörungen, Bußgelder und Arbeitsstunden, die von Richtern verordnet werden, können die Schüler motivieren. Später wollen viele „Hartz IV machen“.
Von Lena BoppCaros Clique besteht nur aus Jungs. Sie sagt, sie möge „die Weiber“ nicht. „Die schreien sofort ,iiiiih‘, wenn man mal rülpst.“ Caro ist 16 Jahre alt und hat in den vergangenen drei Jahren viel Zeit mit ihren Jungs verbracht. Morgens haben sie sich im Supermarkt getroffen, um etwas zu trinken zu kaufen und in den Straßen des schönen Sondershausen im thüringischen Kyffhäuserkreis zu feiern.
Eine Schule hat Caro, die ihren richtigen Namen in der Zeitung nicht lesen will, in dieser Zeit kaum besucht. Sie hat zwei Mal vergeblich versucht, die siebte Klasse zu absolvieren, und die Schule dann ohne Abschluss verlassen.
136 Verfahren innerhalb von zwei Jahren
Christian Kropp, der Amtsrichter in Sondershausen, kennt Caro. Er kennt noch etliche andere Jugendliche in seinem Kreis, deren schulische Karrieren ähnlich verlaufen sind: „In den letzten zwei Jahren hat sich die Zahl der Schule schwänzenden Kinder hier schlagartig verdreifacht oder vervierfacht.“ 136 Verfahren hat er zwischen 2004 und 2006 auf den Tisch bekommen.
Zunächst lädt der Richter die Schulschwänzer dann zu einer Anhörung ein, zu der die meisten nicht erscheinen. Dann verhängt er ein Bußgeld, das die meisten nicht bezahlen. Dann verordnet er Arbeitsstunden. Wie viele Arbeitsstunden ein Jugendlicher zum Beispiel für 200 Euro Bußgeld zu leisten hat, liegt im Ermessen des Richters. Bei Kropp sind es 80 Stunden. Wer sich davon nicht beeindrucken lässt, dem droht nach dem thüringischen Schulgesetz eine Woche Jugendarrest. „Aber es gibt etliche, denen selbst das nichts ausmacht“, sagt Kropp. „Sie sehen den Arrest als Spaßveranstaltung.“
„Es ist frustrierend“
Bei besonders lernresistenten Jugendlichen, die schon mehrmals einen Arrest verbüßt haben, hat der Richter deswegen zuletzt auf Sanktionen einfach verzichtet. In seinem vorformulierten Beschluss heißt es dann: „Der Bußgeldrichter muss die wenigen vorhandenen Kapazitäten sinnvoll nutzen und darf nicht Sachmittel und Personal an hoffnungslose Fälle wie den vorliegenden verschwenden.“ Der Richter und der Rechtsstaat, den er vertritt, haben aufgegeben. Außerdem hat Kropp seine Zuständigkeit für die jugendlichen Schulschwänzer in der Zwischenzeit an einen Kollegen abgegeben. „Ich bin heilfroh, dass ich das los bin. Es ist frustrierend.“
Kropp stammt aus Bayern, lebt aber seit dreizehn Jahren in der Stadt. Er ist hier bekannt als „Richter Gnadenlos“. Vor ein paar Jahren hat er versucht, einige jugendliche Neonazis wieder zur Raison zu bringen, mit „spiegelnden Strafen“, wie er es nennt. Einer musste nach dem Skandieren rechtsradikaler Parolen an einer Führung im Konzentrationslager Buchenwald teilnehmen. Einen anderen verdonnerte er dazu, einen zehnseitigen Aufsatz über die Hitler-Biographie von Joachim Fest zu verfassen. Die Zeitungsartikel, die über seine Coups berichteten, hängen eingerahmt an den Wänden seines Büros.
Später wollen die Schüler Hartz IV machen
Zu den Schulbummlern hängt noch kein Text dort, zu ihnen ist Kropp auch noch keine spiegelnde Strafe eingefallen. „Ich weiß nicht mehr, wie man die Jugendlichen erreichen kann. Wenn ich sie frage, was sie später einmal machen wollen, dann sagen einige: Hartz IV.“ Bei der Suche nach den Ursachen für die Gleichgültigkeit ist schnell die Rede von überforderten Elternhäusern, mangelnder Erziehung, fehlendem Respekt, Arbeitslosigkeit und Alkohol. Tiefer hat auch der Richter noch nicht nachgeforscht. Aber das ist ihm nicht vorzuwerfen, das ist schließlich nicht seine Aufgabe.
Im Grunde fällt auch Caro zu ihren Motiven nicht viel ein: „Ich wollte Party machen“, sagt sie. „Ich kann nicht still sitzen.“ Sie kann es kaum glauben, dass der Gesetzgeber
Menschen ihres Alters tatsächlich noch Vorschriften machen will. Sie darf nicht rauchen, sie darf nicht alleine entscheiden, wo sie wohnen will, und muss sich an die Anweisungen ihrer Mutter halten. All das wird ihr von den Mitarbeitern des Jugendamtes immer wieder vorgebetet. Im vergangenen Jahr stand Caro unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung und Raubüberfall vor Gericht. So ganz genau kann sie die einzelnen Delikte nicht mehr auseinanderhalten. Immerhin weiß sie, dass sie die nächsten drei Jahre eine Bewährungsstrafe verbüßt. Wenn sie gegen die Auflagen verstößt, zu denen auch gehört, dass sie einer festen Arbeit nachgeht, muss sie für neun Monate ins Gefängnis.
„Das war wie Wohnheim“
Sie kennt den Jugendarrest schon: Frühstück, Duschen, Spazieren im Park, Einsitzen in der Zelle, Abendbrot und ins Bett. „Das war wie im Wohnheim.“ Caro nuschelt, wenn sie davon erzählt. Im Redefluss verliert sie schnell den Faden und gähnt. Auf ihrem linken Unterarm trägt sie ein tätowiertes Hakenkreuz, das sie sich mit Nadel und Tinte selbst gestochen hat. „Das ist von früher“, sagt sie. Heute fühlt sie sich den Neonazis nicht mehr zugehörig, aber über Ausländer mag sie trotzdem nicht reden. Das Thema regt sie auf.
Silke Sierold von der „Kompetenzagentur“, die den Jugendlichen im Kyffhäuserkreis Einrichtungen vermittelt, in denen sie ihre Arbeitsstunden ableisten können, hoffte bislang, dass Caro es schaffen würde. Im August hat sie eine „berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme“ begonnen. Seitdem arbeitet sie in einem städtischen Betrieb und lernt dort zu malen und zu tapezieren. „Das ist eine große Umstellung“, sagt Caro. Wenn sie sich ein Jahr lang bewährt, hat sie aber die Chance auf einen festen Ausbildungsvertrag. „Eigentlich wollte ich Kindergärtnerin werden. Aber seit ich vorbestraft bin, ist dieser Traum vorbei.“ Sie schnippt mit dem Finger. „Warum soll ich mich anstrengen, wenn ich ohnehin nicht machen kann, was ich will?“
Caros Chancen stehen fifty-fifty
Sierold ist einer solchen Logik oft begegnet. 40 bis 45 Schulschwänzer hatte sie seit Beginn dieses Jahres zu betreuen, aber sie glaubt, dass es noch viel mehr gibt. „Die Schulen müssen den Behörden melden, wenn ein Schüler länger als fünf Tage fehlt. Aber viele machen das nicht.“ Außerdem fehlen in ihrer Gegend nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Einrichtungen, in denen die jugendlichen Schulschwänzer ihre Arbeitsstunden leisten können.
Sierold glaubt, dass es nur ungefähr einem Drittel der Jugendlichen gelingt, wieder in den Alltag einzusteigen. Caro hatte die vergangenen drei Monate gut durchgehalten. Dann hat sie wieder einige Tage unentschuldigt in ihrem Betrieb gefehlt und eine erste Abmahnung bekommen. Sierold sagt: „Ihre Chancen stehen fifty-fifty.“