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Schulreform in Hamburg Alarm im Lernbezirk

27.10.2009 ·  Hamburger Schulen werden umgebaut: Fortan sollen Kinder bis zur sechsten Klasse gemeinsam büffeln. Elternwille, ade - das schürt Panik. Kann ein Bürgerbegehren das Projekt zum Kippen bringen?

Von Anna von Münchhausen
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Wie Reformfreude konkret aussieht, wissen Hamburgs Schüler ziemlich genau. Leonie Boettcher (Name geändert) geht in die zwölfte Klasse des Gymnasiums Christianeum, schüttelt die blonde Mähne und nimmt die Finger zu Hilfe, um aufzuzählen, was sie alles erlebt hat. „Als ich in die fünfte Klasse kam, wurde gerade G8 eingeführt, also das Abitur in Klasse 12, und mein Gymnasium wurde achtstufig. In der sechsten Klasse waren wir plötzlich Ganztagsschule, in der achten aber nicht mehr. Weil ich eine Klasse übersprungen habe, saß ich auf einmal wieder in einem neunstufigen Zug.“ Es folgte die Vergleichsarbeit für die Klassen sechs und acht, dann wurde die Profiloberstufe eingeführt - „ja, und jetzt kommt die ganz große Reform“. Begeisterung klingt anders.

Alarm im Lernbezirk: Die umfassende Schulreform ist ein ambitioniertes Projekt der schwarz-grünen Stadtregierung, im April 2008 in den Koalitionsverhandlungen zwischen Ole von Beust (CDU) und Anja Hajduk (Grün-Alternative Liste, GAL) ausgehandelt. Der Kernpunkt: gemeinsamer Unterricht für alle Schüler von Klasse eins bis sechs in der neu eingeführten Primarschule. In Zukunft sollen kleine Hamburger länger zusammen lernen, die kritisierte „Selektion“ nach Klasse 4 wäre damit - ein neuer Ansatz, so noch in keinem Bundesland eingeführt - abgeschafft, um die Langsamen, die Stillen, die Spätentwickler und Benachteiligten nicht zu früh ihrem Schicksal in der Rest-, sprich: Hauptschule zu überlassen. Schon in der Primarschule sollen Elf- und Zwölfjährige von Gymnasiallehrern unterrichtet werden, zum Beispiel in Latein, verspricht Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL).

Was die Konferenz bestimmt, ist bindend

Viel Bildungssprechhuberei findet sich in den Konzepten ebenso wie in den mittlerweile zehn „Schulbriefen“ der Senatorin, mit denen sie aufgebrachte Eltern, Schüler und Lehrer zu besänftigen versucht. Wie es nach dem sechsten Schuljahr für jeden Schüler weitergeht, darüber nämlich soll eine Zeugniskonferenz entscheiden: Entweder wird er für ein Gymnasium empfohlen oder zu einer der ebenfalls neuen „Stadtteilschulen“ geschickt. Dort werden drei verschiedene Abschlüsse möglich sein: nach Klasse 9 der Hauptschulabschluss, nach Klasse 10 die mittlere Reife oder nach Klasse 12 das Abitur. Nach welchen Kriterien die Pädagogen die Schüler sortieren, ist allerdings verschwommen. Auch „überfachliche Fähigkeiten“ eines Kindes sollen berücksichtigt werden. Was die Konferenz bestimmt, ist bindend. Wird die Politik an diesem Plan tatsächlich festhalten? Von der Schulbehörde ist in diesen Tagen wenig zu erfahren: Die Senatorin sei im Urlaub, der Pressesprecher ebenso.

De facto wird mindestens genauso viel abgeschafft wie eingeführt - nämlich sowohl die Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschulen ebenso wie auch der Elternwille. Politisch ist Letzteres besonders brisant. „Überstürzt“ nennen selbst CDU-Bügerschaftsabgeordnete das Vorhaben, es sei „übers Knie gebrochen“, und man werde aufpassen müssen, nicht die Stammwähler zu vergraulen.

Mehr als 50.000 Euro zusammengeschnorrt

„Schulreformchaos - nein, danke“. In einigen Stadtteilen winken nun Plakate der Initiative „Wir wollen lernen“. Gleich hinter dem Mönckebergbrunnen hat sie ihr „Cockpit“ eröffnet. Tische, blaue Plastikstühle, viele Kannen Kaffee und Rosinenbrötchen. „Alles gespendet“, berichtet eine Helferin stolz. Knapp mehr als 50.000 Euro wurden bereits zusammengeschnorrt. An der Wand ein Stadtplan mit neonfarbenen Punkten für Schulen, Märkte und Einkaufszentren. Vom 28. Oktober bis 17. November werden 1600 freiwillige Helfer ausschwärmen, um Unterschriften zu sammeln und die ungeliebte Schulreform mit Hilfe eines Volksbegehrens zu Fall zu bringen. 61.834 Stimmen - so viele Wahlberechtigte müssen das Anliegen unterstützen, dann wäre der Hamburger Senat gezwungen zu reagieren. Dass er auf der Stelle die Reform zurücknimmt - unwahrscheinlich. Der nächste Schritt wäre ein Volksentscheid im Juni 2010. Falls dabei 240.000 Hamburger tatsächlich nein zur Reform sagen, wäre sie gekippt. Auch zum Volksbegehren äußert sich in der Schulbehörde niemand, das sei schließlich „Sache der Bürgerschaft“.

„Wir werden dramatische organisatorische Umbausituationen erleben“, prophezeit Kampagnenleiter Frank Solms Nebelung, und Walter Scheuerl, Sprecher der Initiative, nickt dazu. „Umstellung in den Benotungen, Umbauten in den bisherigen Grundschulen, Lehrkräfte werden neu zugeordnet, Schüler müssen pendeln. Das wird auf Jahre hinaus alles lahmlegen.“

Kein Viertel der Besserverdienenden

Bedroht fühlen sich insbesondere Gymnasien - weil sie weniger Schüler haben werden, weil sie Lehrer an die Primarschulen abgeben müssen. Einige werden dichtmachen müssen. Oder? „Dazu möchte ich nichts sagen“, sagt eine Schulleiterin am Telefon. „Wir sind Beamte, und wir haben das umzusetzen. Auf Wiederhören.“ Subkutan aber, so ist von Schülerseite zu hören, finde in den Schulen durchaus Propaganda gegen die Reform statt. „Unser Deutschlehrer hat gesagt, er dürfe uns nicht auffordern zu demonstrieren, aber er möchte uns doch empfehlen, sich zu informieren“, berichtet Jakob, auch er besucht die Klasse 12.

Nach wie vor hat die Protestinitiative mit einem Makel zu kämpfen, nämlich dass sie aus den Elbvororten stammt, wo fast achtzig Prozent der Fünftklässler auf Gymnasien wechseln und Eltern empfindlich reagieren, wenn sie sich bevormundet fühlen. Die wollten nur ihre Pfründe sichern, hieß es prompt. Selbst Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust hat sich abfällig geäußert. „Die Bewegung kommt aus dem Bürgertum der Stadt, wir haben viele Unterstützer in Volksdorf und Poppenbüttel. Denen gegenüber ist es unfair, sie als besserverdienende Elbvorortler zu diskreditieren und das als Kampfbegriff einzuführen“, so Nebelung. Auch anderswo habe sich Protest formiert, ergänzt Scheuerl. Beispielsweise im Elternrat der Max-Brauer-Gesamtschule - in Altona. Kein Viertel der Besserverdienenden. Es wird dennoch nicht leicht werden, genügend Stimmen in Bezirken wie Kirchdorf Süd oder Barmbek zu bekommen, wo Schulpolitik nicht gerade zu den Themen zählt, die den Bewohnern auf den Nägeln brennen.

Ganz ohne Wirkung bleibt der Protest nicht

Gestritten wird auch um Zahlen. Dass die Reform teuer wird, teurer als ursprünglich geplant, ist allen klar. 190 Millionen Euro hieß es zunächst, inzwischen wurde weiterer Bedarf von 15 Millionen Euro für eine „Fortbildungsoffensive“ ermittelt, und bis 2012 sollen 80 Millionen für „zusätzliche Lehrerstellen oder Sprachförderung“ eingesetzt werden. „Es ist nicht klar, wie es finanziert werden soll“, kritisiert Dorothee de Chapeaurouge, Mutter von drei Kindern. „Das ist für mich der Hauptknackpunkt. Wir haben hier im Hamburger Westen gute Schulen, ganz klar, deren Schülerschaft homogen zusammengesetzt ist. Getan werden muss viel mehr an den Schulen in den sozialen Brennpunkten.“ Dort dürfe es keine Klassen mit mehr als zwanzig Schülern geben, und es fehle an Ganztagsschulen. Davon sei wenig die Rede. Ihre Tochter, die in die zweite Klasse geht, würde die Reform zu spüren bekommen. „Alles wird sich darum drehen, von der Primarschule eine Empfehlung fürs Gymnasium zu bekommen.“ Bisher konnten Eltern ihr Kind auch ohne solch eine Empfehlung dort anmelden. „Dass nun am Ende nur die Schulkonferenz bindend darüber entscheidet - das geht nicht. Es ist mein Grundrecht, mein Kind zu erziehen, und das möchte ich auch weiter gewährleistet wissen.“ Mit diesem Argument, hofft sie, wird sie auch in anderen Stadtteilen Eltern überzeugen können, ihre Unterschrift zu leisten.

Ganz ohne Wirkung bleibt der Protest nicht: Der Senat plakatiert nun ebenfalls in der Stadt. Muntere Schüler sind zu sehen, die die Köpfe zusammenstecken über dem Motto „Sechs Richtige für mehr Gerechtigkeit und mehr Leistung“. Verlierer der Reform sind auf jeden Fall schon jetzt Schüler aus dem Umland, denn Hamburg hat das Schulabkommen mit dem benachbarten Schleswig-Holstein gekündigt. So feiert der Föderalismus mal wieder einen Triumph: Wer draußen in Aumühle wohnt und in Hamburg-Bergedorf zur Schule gehen möchte, kann sehen, wo er bleibt. „Wenn sich schon zwei CDU-regierte Bundesländer nicht einigen können, dann gute Nacht“, stöhnt ein betroffener Vater.

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