15.11.2006 · Über 160 japanische Schüler haben sich im letzten Jahr aufgrund von Mobbing umgebracht. Ein suizidgefährdetes Kind hat sich sogar mit einem Brief an den Erziehungsminister gewandt. Die Appelle der Regierung scheinen hilflos.
Von Anne Schneppen, SeoulWenige Tage vor seinem Selbstmord vertraut sich der Junge noch einem Erwachsenen an: „Ein Klassenkamerad erpreßt mich, er verlangt Geld, von Mal zu Mal mehr.“ Der Vierzehnjährige ist verzweifelt. Ein Lehrer der Oberschule wird eingeschaltet, er soll mit dem Erpresser reden. Doch bevor es dazu kommt, nimmt sich der Junge das Leben. Die Mutter findet ihren Sohn am Sonntag abend erhängt in einer Kammer ihres Hauses in der Gemeinde Honjo, Präfektur Saitama.
Am selben Wochenende springt in Osaka eine Zwölfjährige vom achten Stock eines Wohnblocks in den Tod. Sie hinterläßt eine knappe Notiz: „Ich nehme mir das Leben. Tschüß.“ Eine Woche vor ihrem Tod, berichtet die Mutter, wollte ihre Tochter plötzlich nicht mehr in die Schule gehen. Eine Freundin erinnert sich an Hänseleien. Und als wäre das für ein Wochenende nicht genug, nahm sich in Kitakyushu ein Grundschulleiter das Leben. Er stand in der Kritik, weil er einige schwere Mobbingfälle an seiner Schule als „Auseinandersetzungen um Geld“ bagatellisiert hatte. Noch am Samstag hatte er sich öffentlich entschuldigt.
„Ihr seid nicht allein!“
Hilflos appellierte Japans Erziehungsminister zum Wochenbeginn an die Kinder im ganzen Land: „Ihr seid nicht allein. Selbstmord ist keine Lösung!“ Der Schulleiter habe mit seiner Tat „ein falsches Beispiel“ gesetzt. Mehr als 160 Kinder haben sich im zurückliegenden Jahr in Japan im Zusammenhang mit Mobbing meist in der Schule das Leben genommen. In der vergangenen Woche nahmen die Ereignisse eine makabre Wendung, als Bildungsminister Ibuki einen anonymen Brief erhielt - die Ankündigung eines Selbstmords. Der Briefschreiber berichtete von heftigen Hänseleien. Wenn diese sich nicht legten, werde er sich am folgenden Samstag das Leben nehmen. Überall im Land wurde - allerdings vergeblich - nach dem Verfasser des Briefes gesucht, der Schrift nach ein Junge. War es ein Hilfeschrei oder nur ein übler Scherz? Bis zum Dienstag gingen neun weitere Briefe beim Erziehungsministerium ein.
„Ijime“ nennt man Mobbing in Japan. Soziologen heben hervor, daß in Japan der Druck, sich anzupassen und in die Gruppe einzufügen, den Erwartungen von Eltern, Lehrern und Mitschülern zu entsprechen, besonders groß ist. Trotz der Aufklärung über das Mobbing in den letzten Jahren tendieren Lehrer dazu, Quälereien und Konflikte zu übersehen oder als Problem der Schüler nehmen.
Erziehungsgesetz soll reformiert werden
Noch etwas kommt hinzu: Auch in Japan wachsen immer mehr Kinder ohne Geschwister heran. Die Geburtenrate sinkt, Einzelkinder werden die Norm. Soziales Verhalten wird nicht mehr selbstverständlich in der Familie gelernt, in der noch dazu immer weniger gesprochen wird. Eltern überlassen die Erziehung ihrer Kinder häufig den Lehrern, die wiederum oft schwer mit ihnen klarkommen. Erzieher sind nicht länger eine Instanz, die Respekt abverlangt. Schüler auf der anderen Seite, unter Versagensängsten und Leistungsdruck, haben wenig Möglichkeiten, sich in der knappen Freizeit abzureagieren. Nach der Schule wird in privaten Paukinstituten weitergelernt. Konsum und Fernseher ersetzen vielen Sport oder Freunde.
Das Mobbing und die Selbstmorde sind an der Politik nicht vorübergegangen. Der seit September regierende Ministerpräsident Shinzo Abe trat auch mit dem Versprechen an, das seit 1947 unveränderte Erziehungsgesetz zu reformieren, mehr Disziplin, Patriotismus, Moral und Tradition in die Schulen zu bringen. Japan müsse den moralischen Niedergang umkehren und seine Schüler besser motivieren, damit eine „Nation mit Würde“ entstehen könne. Dieser Ansatz erfährt nicht nur Widerstand von der Opposition, sondern auch von Lehrern, die sich dagegen wehren, im Schulhof die Nationalflagge zu hissen oder mit ihren Schülern die Nationalhymne anzustimmen. Sie meinen, daß eine „japanischere Erziehung“ die akuten Probleme an Japans Schulen nicht lösen wird.
Die Freuden des staatliches Schulwesen...
Maximilian Ohl (maxilein1408)
- 15.11.2006, 11:05 Uhr
Jetzt auch Japan
Niko Akathari (NikoA)
- 15.11.2006, 12:38 Uhr
3 mal abgesägt und immer noch zu kurz...
Steffen Pawelczack (Pawelczack)
- 15.11.2006, 12:38 Uhr
"Der Einzelne ist nichts ....
Markus Teuber (arathorn)
- 15.11.2006, 12:53 Uhr
Schülerselbstmorde in Japan?
Christian Reichel (Druss)
- 15.11.2006, 13:53 Uhr