Mein Leben hat eine neue Dimension. Wenn ich nachts nicht schlafen kann, grüble ich, wann ich es zum Baumarkt schaffe, um Latten für den neuen Kompost zu besorgen. Gehe ich mit einer Freundin ins Konzert, fachsimpele ich in der Pause über Sundowner beim Jäten. Regen mag ich, weil er gut ist für die Pflanzen. Sobald jedoch die Sonne herauskommt, karre ich die Kinder in mein Gärtchen und überrede sie, den Pusteblumen die Köpfe abzureißen, damit die Nachbarschaft nicht verwildert. Der Vorstand will es so.
Ich selbst fröne meinen heiligen ersten zehn Minuten. Ich spaziere durch den Schrebergarten und staune, was seit dem letzten Mal passiert ist: In der Brombeerhecke blüht handtellergroß der Mohn. Die schlaffen Kohlrabistengel bilden tatsächlich zarte Verdickungen, spitze Maistriebe bohren sich durch Lehm. Die ersten Erdbeeren sind rot und die Pfingstrosen - ein Rausch in Pink.
Gärtnern wollte ich nie. Selbst anspruchslose Zimmerpflanzen habe ich verkümmern lassen, indem ich das Gießen vergaß. Rosen fand ich so langweilig wie Zucchini; Ziergärten betrachtete ich als Angelegenheit für Leute mit Geltungsbedürfnis und Zeit.
Aber mir fehlte Grün. Ein Ort im Freien, an dem ich mich aufhalten konnte, ohne gleich einen Ausflug machen zu müssen, eine Alternative zu Spielplätzen und einem viel zu kleinen Balkon. Andere Menschen in ähnlicher Lage ziehen mit ihren Kindern an den Stadtrand. Oder sie renovieren ein Haus im Umland und sind jedes Wochenende verreist. Ich landete auf der Warteliste des zuständigen Bezirksverbands der Kleingärtner. Mit zehn Euro sind Sie dabei. Den Rest regelt die Bürokratie.
Vielleicht ist es ein Relikt der DDR. Aber für einen Schrebergarten im Berliner Osten kann man sich nicht bewerben. Man darf sich auch nicht den schönsten aussuchen. Dafür sprengen die Lauben die engen Grenzen des Bundeskleingartengesetzes, das maximal 24 Quadratmeter überdachte Fläche erlaubt: Die Datschen von einst sind oft veritable Häuschen, in denen man übernachten kann. Gibt nun ein Pächter seine Parzelle auf, schätzt der Verein den Wert von Laube, Obstbäumen und anderen Pflanzen, die sich auf dem Grundstück befinden. Dann wird das Gelände zu exakt diesem Preis den Kandidaten auf der Warteliste angeboten, immer schön der Reihe nach. Vor einem Jahr kam mein Anruf.
Hoffnungsvoll wartete ich in der Junihitze vor einem zugewucherten Anwesen. Vier Zypressen, von denen ich heute weiß, dass sie Säulenwacholder heißen, vor einem weißen Häuschen. Gewaltige Büsche im Vorgarten, ein halber Nadelwald quer über das Grundstück verteilt. Ich schob mich durch das Dickicht in Erwartung des eigentlichen Gartens auf der Rückseite des Hauses. Aber da war - nichts. Ein schmaler, buckliger Streifen Gras, nicht einmal groß genug für eine Partie Federball, geschweige denn zum Kicken. Ein Sitzplatz direkt vor der Garagenwand des Nachbarn, viel Beton und insgesamt mehr Haus als Garten. 350 Quadratmeter Grund und nirgendwo, wirklich nirgendwo: ein gefälliger Blick ins Grüne. Enttäuschung. Eine totale Niete.
Wir nahmen den Garten trotzdem. Haben oder nicht haben, dachte ich: Jetzt ist Sommer; jetzt sind die Kinder klein. Ersten Gästen schärften wir ein, sich hämische Bemerkungen zu verkneifen. Meine Mutter rang sich ein Loblied ab auf die Lebensqualität angesichts des nahegelegenen Badesees. Die Nachbarn begrüßten uns mit mitleidigen Blicken: Da haben Sie aber viel zu tun.
Mein erster Job: Rhabarberkuchen backen.
Zweiter Job: Sauerkirschmarmelade kochen.
Dritter Job: Roden, roden, roden.
Zunächst schnitt ich mir Wege frei. Stutzte den Busch, der den Eingang zur Hütte versperrte, und lichtete die Ballhortensie so, dass sie für Monate wie gerupft aussah. Irgendwann im Leben entdecke jeder seinen grünen Daumen, hatte mein Vater gemurmelt und war mit Motorsäge, elektrischer Heckenschere und Häcksler angereist. Als Erstes fiel die Krüppelkiefer. Dann eine wandhohe Thuja und andere Nadelhölzer.
Gärtnern wird zur Entsorgungsfrage
Nebenbei versuchte ich, die Vegetation zu enträtseln. Ich konnte schließlich gerade einmal Him- von Brombeeren unterscheiden. Und ich lernte: dass eine Wildrose mit sieben Blättern pro Zweig zwei mehr besitzt als die Edelvariante. Mandelbäumchen muss man rabiat beschneiden, damit sie im nächsten Frühjahr blühen. Blumen aus Zwiebelknollen hingegen wollen in Ruhe welken, um Kraft für die neue Saison zu sammeln.
Spätestens als sich neben der Hollywoodschaukel ein Scheiterhaufen auftürmte, mit dem man ein Osterfeuer hätte bestreiten können, wurde Gärtnern zur Entsorgungsfrage. Zumal unser Vorpächter neben Rasenmäher und Spaten einen Hausstand hinterlassen hatte: Fritteuse, Raclettegerät, Puppenwagen sowie ein Swimmingpool von drei Metern Durchmesser, ungezählte Windlichter und ein Fernseher in Kühlschrankgröße. Dazu das Campingklo. Das allerdings, so stand es in unserem Pachtvertrag, war binnen eines halben Jahres zu beseitigen, so wie der Nadelwald und der abgestorbene Holunder auch. Bei der Schätzung des Parzellenpreises wird jeder Makel, der gegen die Kleingartensatzung verstößt, protokolliert.
Säckeweise verklappten wir Schrott und Geschmacklosigkeiten; der Recyclinghof verdiente an Kombiladungen mit Strauchschnitt. Mein selbst gehäckselter Rindenmulch moderte vor sich hin, nachdem es in die Plastiksäcke geregnet hatte; wochenlang stank das Auto nach der Brühe, die beim Transport in den Kofferraum getropft war. Ein Dutzend Pflanzsteine, an Gewicht und Scheußlichkeit kaum zu überbieten, konnte ich einer Nachbarin schenken.
Das Beseitigen einer Thujawurzel ist eine archaische Erfahrung. Zwei Nachmittage lang haben wir gegraben, geschaufelt, gehackt, gehebelt, gesägt. Ein Ringen gegen die Urgewalt der Natur, der Lebenswille eines Baumes im Kampf mit dem menschlichen Bedürfnis nach Gestaltung. Entweder gewinnt der Mensch. Oder die Wurzel. Anschließend: Drei Tage Muskelkater für den Sieger.
Das Schöne in dieser Phase: Alles war erlaubt. Gerade weil der Garten mehr Wildnis als Kleinod war, durften die Kinder alles.
Bullerbü für Großstädter
Kann ich eine Säge?
Darf ich hämmern?
Holst du mir eine Leiter, damit ich auf den Kirschbaum klettern kann?
Meine Antwort, immer: Ja. Mir doch wurscht, ob der stinkende Essigbaum eingeht. Sollen die Gören doch graben, wo später mal ein Beet entstehen könnte. Ganz ohne Aufsicht rennen die Kinder durch die Kolonie. Bullerbü für Großstädter.
Der Haken an den neu gewonnenen Freiheiten im Familienleben findet sich unter Punkt 7 in der Gartenordnung. Stichwort: kleingärtnerische Nutzung. Auf mindestens einem Drittel des Grundstücks, so heißt es da, müssen Gartenbauprodukte erzeugt werden. Das ist ernst gemeint; ein Kleingarten ist schließlich kein Freizeitpark. Nur deshalb liegt die Pacht unübertroffen niedrig bei zirka einem Euro am Tag. Die Kirsch- und Apfelbäume, meine Beerensträucher und der Rhabarber reißen es leider nicht heraus: Zehn Prozent „unter Spaten“, präzisierte der Vorstand bei meinem Antrittsbesuch.
Meine Freundin behauptet, Gärtnern sei eine wunderbare Lektion in Sachen Gelassenheit: Du tust und machst, gestaltest und planst - was aber wird, liegt nicht in deiner Hand. Über Erfolg und Ertrag entscheiden Wetter und Schädlinge, die Natur oder der liebe Gott.
So weit war ich noch nicht. Ich träumte nicht einmal von Kürbis aus eigenem Anbau. Mein Ehrgeiz bestand darin, die Vereinsvorgaben so zu erfüllen, dass es keinen Ärger gab.
Um guten Willen zu demonstrieren, füllte ich Kompost in die Krater, die Thuja und Kiefer hinterlassen hatte, pulte verbliebene Wurzeln aus der Erde und säte Buschbohnen, Kohlrabi und Salat. Da hatte ich mich erkundigt: Diese Sorten gedeihen noch im Sommer. Der Kohlrabi allerdings darbte im Schatten des Kirschbaumes vor sich hin; Salat und Bohnen fraßen die Schnecken. Mir egal. Wenigstens besaß ich zwei winzige Alibibeete vorm Haus, für jedermann sichtbar.
Die Strebergärtnerin und der Frondienst
Was es bedeutet, wenn sich der eigene Garten nicht zwischen Wald und Wiese befindet, sondern im Stammland des deutschen Vereinswesens, dämmerte mir erst allmählich. An dem Vormittag, als ich das zweite Mal Rasen mähen wollte - das Gras stand hoch, noch am Vortag hatte es geregnet, und die Arbeitswoche würde prall -, pflanzte sich ein Bierbauch im Bayern-München-Trikot vor meinem Gartenzaun auf: Was mir da einfalle! Sonntags! Nie! Nie! Nie! Meine Entschuldigung interessierte ihn nicht. Der Kampfhundbesitzer stellte sich auch nicht vor oder wünschte mir einen guten Morgen. Er genoss es einfach, zu Recht in Rage zu sein.
Seitdem bemühe ich mich beflissen um Einhaltung der Gesetze. Während der Mittagszeit zwinge ich die Kinder, sich im Flüsterton zu verständigen. Alle zwei, drei Monate knie ich für Stunden auf dem Weg vor der Parzelle und popele bis zum Mittelstreifen das Unkraut aus dem Dreck. Der Nachbar mit seiner akkurat gerechten Hälfte benutzt einen Schraubenzieher, um jeder Wurzel persönlich zu Leibe zu rücken. Ketzerische Freunde, die eine Gießkanne mit Essigwasser empfehlen, beschimpfen mich als Strebergärtnerin. Tatsächlich habe ich bei der Mitgliederversammlung in der zweiten Reihe gesessen und anschließend Stühle gerückt, um wenigstens etwas von dem vorgeschriebenen Frondienst abzuleisten: sechs Stunden jährlich zugunsten der Gemeinschaft. Gartenfreund hier. Gartenfreund da.
Dann wieder packen mich Zweifel. Als wäre es ein Lebensziel, die Erwartungen kollektiven Spießertums zu erfüllen. Ich gaukele mir vor, mich im Freien aufzuhalten, wo spätestens nach drei, vier Metern ein Zaun die Sicht begrenzt. In der Hängematte kann ich nicht schlafen, weil Lastwagen über die nahe gelegene Hauptstraße poltern. Abends, unterm Sternenhimmel, schallt von einem Biergarten der Diskobeat herüber. Nach einer Nacht im Hüttchen stinken die Kinder wie giftige Dachpappe.
Was mache ich hier eigentlich? Der Bagger, der nur den Abwassertank für das neue, richtige Klo vergraben sollte, hat den Vorgarten als Lehmwüste hinterlassen. Ich schufte und schwitze ganze Wochenenden, und immer noch ist mein Gärtchen nicht richtig schön. Erschöpfung statt Erholung. Die Familie mault: Garten. Garten. Wir hören immer nur Garten. Können wir vielleicht mal wieder etwas anderes machen? Zum Glück naht der Winter.
Endlich eine Idylle
In den Gartenbüchern, die ich inzwischen besitze, sind kalte dunkle Abende die ideale Gelegenheit, die Fruchtfolge fürs nächste Jahr zu planen. Im Februar packt es mich. Ich zeichne Beete und liste Lieblingsgemüse auf. Schlage in Mischkulturtabellen nach, dass sich Kürbis und Kartoffeln nicht vertragen, während Ringelblume prima mit Zuckermais harmoniert. Grünkohl und Feldsalat kann man noch säen, wenn die Karotten schon geerntet sind. Salat geht offenbar immer. Als ich beim Samenhändler ein Tütchen Gründüngung mitbestelle, um den Boden aufzubessern, fühle ich mich fast als Profi.
Mit der Astschere, die ich mir zu Weihnachten gewünscht habe, steige ich in meinen Apfelbaum. In einem Nachbarverein habe ich eine Lehrstunde zum Thema Obstschnitt besucht: Weg muss alles, was sich reibt. Was nach innen wächst. Was zu hoch geworden ist. Was für eine Befriedigung. Vielleicht gibt es dieses Jahr ja eine Apfelernte.
Anstatt zu joggen, grabe ich im Lehm, bis Beete entstehen. Auf meinen Fensterbänken zu Hause ziehe ich Tomaten. Neben dem Sofa steht die Kiste mit Saatkartoffeln: Vorkeimen nennt man das. Im Gärtchen sprießen unterdessen Winterlinge und Schneeglöckchen. Plötzlich blühen die Tulpen, die ich im Herbst vergraben habe. Es ist wie ein Wunder: Nachdem das welke Laub zusammengerecht und das Gestrüpp vom Vorjahr zurückgeschnitten ist, entsteht aus dem Nichts tatsächlich eine neue Welt in Grün. Eine Idylle. Endlich.
Inzwischen habe ich eine Wurzelsperre am Ende des Grundstücks vergraben, damit sich der Giersch aus dem angrenzenden Park nicht immer meines Buckelrasens bemächtigt. Ich habe den Hartriegel und den Haselstrauch an der Grenze zum Nachbarn entfernt, damit mein Kohlrabi Sonne bekommt. Freunde haben Flieder und Phlox geschenkt, die im Internet bestellten Johannisbeersträucher sind angegangen.
Kürzlich habe ich den ersten Rhabarberkuchen gebacken - der Startschuss ins zweite Jahr meines Gärtnerinnenlebens. Seit ich mich zwischen Arbeit und Familie aufreibe, gibt es zum ersten Mal etwas, von dem ich denke: Ich tue es nur für mich.
Ich weiß nun, welche Triebe man abknipsen muss, wenn man Tomaten ausgeizt. Dass Kartoffeln sich gut auf Beeten machen, auf denen Unkraut wuchert. Wurzelballen sind zart zu beschneiden, damit die Pflanze das Wasser besser aufnehmen kann. Auch ein Gießrand, ein kleiner Kranz aus Erde, hilft für den Start. Lernen, Fehler machen, ausprobieren: Mein Gärtchen ist ein Experiment ohne Risiko. Es gibt immer ein nächstes Jahr.
Kürzlich hatte ich einen Termin mit dem Vorstand. Der Bezirksverband verlangte einen Nachweis, dass ich die Auflagen meines Pachtvertrags erfüllt hätte. Ein Häkchen fürs Campingklo. Übererfüllung beim Nadelwald. Weil der abgesägte Holunder wieder austreibt, musste ich versprechen, den Baum in Zukunft klein zu halten. Aber meine eigentliche Sorge galt den Beeten. Die verlangten 35 Quadratmeter habe ich noch lange nicht beisammen. Wer soll das alles beackern? Brauchen die Kinder nicht auch Platz zum Spielen? Ist das Gelände nicht sowieso viel zu schattig? Und stehen wir nicht noch ganz am Anfang? Bleiben Sie dran!, sagte der Vorstand, blickte streng und unterschrieb.
Ich freue mich auf den Sommer.
klasse danke mitgefiebert, tolle schreibe, richtig gut
Jürgen Braun (perfekt57)
- 10.06.2012, 23:44 Uhr