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Transporte in der Eiszeit : Fernverkehr für die Venus

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Irreführender Name: Die „Venus von Willendorf“ stammt in Wirklichkeit von einem 136 Kilometer entfernten Kalk-Plateau Bild: AP

Schon in der Eiszeit wurde Werkzeug über große Distanzen hinweg transportiert. Vor allem Untersuchungen an der Gletschermumie Ötzi sorgten für Überraschungen.

          Die Winter ließen sich in den milden Niederungen der Donau gut aushalten. Jedenfalls lebten Menschen schon vor 27.000 Jahren, mitten in der letzten Eiszeit, dort in den Flussauen, wo heute der Ort Willendorf in der Wachau liegt. Das beweist eine elf Zentimeter große Steinfigur einer beleibten Frau, die ein Steinzeitkünstler geschaffen hat und die es seit ihrer Entdeckung 1908 als „Venus von Willendorf“ zum wohl bekanntesten Kunstobjekt Österreichs gebracht hat. Allerdings stammt sie gar nicht aus der Gegend, sondern kam höchstwahrscheinlich von einem 136 Kilometer Luftlinie entfernten Kalk-Plateau unmittelbar bei der zweitgrößten tschechischen Stadt Brünn, wie Geo-Archäologe Alexander Binsteiner bewies. „Schon vor 27.000 Jahren muss es also eine Art Fernverkehr gegeben haben“, vermutet der bayerische Wissenschaftler.

          Den Beweis für solche Steinzeittransporte lieferte der Forscher, der Chef-Geologe bei der Untersuchung der Gletschermumie Ötzi war, als er 3000 Feuersteinwerkzeuge untersuchte. Feuerstein war für die Menschen der Steinzeit so wichtig wie Stahl im Industriezeitalter. Der Feuerstein hat die eiszeitliche Donau oft erst auf langen Wegen erreicht: Die feine Struktur des Materials verriet Binsteiner, dass höchstens ein Drittel aus dem Schotter an den Ufern der Donau bei Willendorf kam. Ein weiteres Drittel war Quarzit aus dem höher gelegenen Waldviertel Niederösterreichs.

          Das letzte Drittel aber beweist die Ferntransporte der Eiszeitmenschen, weil es aus dem Norden Mährens kommt. Dorthin hatten die Gletscher einer Eiszeit vor mehr als 100.000 Jahren besonders wertvollen Feuerstein aus Skandinavien geschleppt. Vor 27.000 Jahren kam das Eis lange nicht so weit nach Süden. Damals gab es dort eine Tundra, die der Landschaft der heutigen Jamal-Halbinsel im Nordwesten Sibiriens ähnelt. Dort ziehen die Hirten des Nomadenvolks der Nenzen noch heute mit ihren Rentieren über Dauerfrostboden mit vielen Sümpfen und Seen im Sommer und einer weiten Schneelandschaft im Winter. „Ähnlich wie diese Nomaden Sibiriens sind vielleicht auch die Menschen in der Eiszeit über die Tundra Mitteleuropas gezogen“, überlegt Alexander Binsteiner.

          Die Eiszeit-Handleskarawane zieht weiter

          In der warmen Jahreszeit sirrten vermutlich Myriaden stechender Insekten durch die Donau-Niederungen. Rentiere und anderes Wild flohen vor diesen Plagegeistern in höhere Lagen. Auf ähnlichen Wanderungen sind die in Nordamerika „Karibu“ genannten Rentiere auch heute noch weit in Kanada und Alaska unterwegs. Die Eiszeitmenschen folgten vermutlich dem Wild. Ein idealer Lagerplatz auf dem Weg nach Norden war der Kalk-Berg Stránská Skála bei der heutigen Stadt Brünn. Von diesem 1500 Meter langen Plateau konnten die Steinzeitjäger die Ebene gut im Auge behalten und Feinden oder Raubtieren ausweichen. Und ein Künstler hatte Zeit, die Venus von Willendorf aus dem Kalk des Berges zu schaffen.

          Noch einmal mehr als 100 Kilometer weiter im Nordosten kamen die Steinzeitmenschen dann zu den Geröllhalden, in denen viele Jahrzehntausende vorher die Eiszeitgletscher den Feuerstein deponiert hatten. „Mit viel Geschick schlugen die Handwerker wohl gleich dort oben aus den Feuersteinknollen perfekte, bis zu zwölf Zentimeter lange Klingen, die zum Beispiel als Messer verwendet werden konnten“, sagt Alexander Binsteiner. Nahte der Winter, wanderten sie genau wie heute noch die Nenzen auf der Jamal-Halbinsel Sibiriens wieder in mildere Gegenden zurück. Ihre Feuersteinklingen und die Venus von Willendorf nahmen sie mit in die Donauniederung.

          Beweisen kann Alexander Binsteiner solche Wanderungen nach 27.000 Jahren kaum noch. Aber irgendwie müssen die Klingen und die wohlbeleibte Frau an die Donau gelangt sein. Dafür kommen nur Menschen in Frage. Vielleicht wanderte nicht das gesamte Volk, sondern nur eine kleine Gruppe von Handwerkern und Jägern zu den Feuerstein-Lagerstätten. In einer Art Eiszeit-Handelskarawane könnten sie die Werkzeuge an die Donau gebracht haben.

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