18.02.2012 · Natürlich wäre es falsch, ein Talent wie Adele auf ihr Äußeres zu beschränken - aber auch, dieses ganz außer Acht zu lassen. Denn in Adeles Schein steckt Substanz.
Von Jennifer WiebkingAls Karl Lagerfeld vor gut zwei Wochen nach Adeles Aussehen gefragt wurde und antwortete, die Sängerin habe ja ein schönes Gesicht und eine göttliche Stimme, aber sie sei dann doch ein bisschen zu dick, war das ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für derartige Kritik. Denn als die Britin bei den Grammys am vergangenen Wochenende sechs Auszeichnungen abräumte, bewies sie nicht nur einmal mehr, dass sie eine große Stimme unserer Zeit ist, sondern auch, dass sie das Zeug zur Schönheits-Ikone haben könnte.
Den roten Teppich hasst sie eigentlich; bei der Grammy-Verleihung aber wirkte sie dort wie eine Diva eigenen Rechts, die den Abend natürlich nicht in einer einzigen Robe verbrachte, sondern gleich zweimal ihr Outfit wechselte und so in drei verschiedenen Kleidern anzutreffen war. Ihre Haare wirkten blonder, die Lippen röter, die falschen Wimpern spezialangefertigter, die Fingernägel länger; noch dazu waren diese zweifarbig angemalt, auf der Oberfläche silbrig-grau, auf der Rückseite knallrot, passend zu den Schuhsohlen von Christian Louboutin am anderen Ende ihres Körpers. Und - Adeles Figur wirkte schmaler; dazu aber später noch.
Erst einmal löste ihr Auftreten so viel Begeisterung aus, dass sich selbst die „New York Times“ zu einer Schritt-für-Schritt-Anleitung zu einem von Adele inspirierten Make-up hinreißen ließ. „Der sinnliche Retro-Look“, so verkündete die sonst für ihre Abgeklärtheit bekannte Zeitung, sei dabei „perfekt für ein romantisches Dinner oder für einen Abend mit den Single-Freundinnen“.
Wenn sich diese Frau also zurechtmacht, gerät die Welt ins Staunen. Denn dann trifft der typische Adele-Stil, eine Art Gothic-Barock, auf den flachen Glamour des Schon-da-Gewesenen. Adele kommt mit ihren oft nestartig hochgesteckten Haaren, dem tiefen Dekolleté, den bodenlangen Kleidern und den schweren Samtstoffen oft wie ein Porträtbild des 17. oder 18. Jahrhunderts daher. Das viele Schwarz in ihren Outfits, das teilweise mit Spitze durchbrochen ist, bietet dem kreischend roten Teppich eine düsterne Stirn. Die Mischung endet für den Betrachter irgendwo zwischen Mystik und Märchen. Ist aus Adele buchstäblich über Nacht eine Schönheitskönigin geworden?
Nicht ganz, denn schon in den zwölf Monaten vor ihrem Grammy-Triumph war sie zum Covergirl der Modemagazine avanciert. Monatlich, so schien es, war sie auf einem anderen Titel zu Hause. Im März 2011 traf man sie noch nichtssagend, ins Leere blickend, mit Zigarette in der Hand auf dem Cover des britischen Magazins „The Gentlewoman“, eine Alternative zur herkömmlichen Frauenzeitschrift. Dann grüßte sie einen mit voller, gesunder Haarmähne vom Cover der britischen „Vogue“ herunter; auf diversen internationalen „Cosmopolitan“-Titelseiten stützte sie in einem Leopardenkleid die Hände herausfordernd in die Taille; sie war auf dem Cover der „Elle“, der „Glamour“, des „Rolling Stone“ und schließlich, fast ein Jahr später, auf dem Titel der aktuellen Ausgabe der amerikanischen „Vogue“.
Adele hat mit über fünf Millionen verkauften Platten ihres Albums „21“ also nicht nur jeden anderen Sänger überholt; selbst die erste Model-Liga hat sie im Sturm nach ganz weit vorne hinter sich gelassen. Die amerikanische „Vogue“ nannte ihr Titelmädchen, das ja andere dazu bewegen soll, etwas zu kaufen, „eine Schönheit der Alten Welt“, ein Ausdruck also, der für Amerikaner in der Neuen Welt von Tradition, Wertigkeiten und Moral erzählt.
Schon öfter hat Adele, 23, erahnen lassen, dass hinter ihrem barocken Auftreten offenbar eine bedächtige, nachdenkliche Seele lebt. Tief in sich scheint sie gelassen zu sein. Das hält sie sowohl davon ab, Diät zu halten - der auffällige Gewichtsverlust ist auf eine Operation am Rachen zurückzuführen, von der sie sich in den vergangenen Monaten erholte - als auch davon, jetzt, da sie in aller Munde ist, möglichst schnell ein nächstes Album herauszubringen. Im Gegenteil, so erklärte sie im Interview mit der amerikanischen „Vogue“, plane sie, erst mal eine Pause einzulegen, nachdem sie seit 2008 mit Tempo 100 durch die Musiklandschaft gerast sei. „Für vier oder fünf Jahre bin ich hier verdammt noch mal raus.“ Es werde erst ein neues Album von Adele geben, wenn dieses besser sei als „21“ - das insgesamt erfolgreichste Album des Jahres 2011.
Mit ihrem Erscheinungsbild kann Adele derweil ähnlich gelassen umgehen. Da ihr Äußeres ohnehin nicht als allgemeines Schönheitsideal gehandelt wird, läuft sie - und das unterscheidet sie von fast allen Kolleginnen - gar nicht erst Gefahr, daraus Kapital zu schlagen. Anders als Lady Gaga, die übrigens in jeder Grammy-Kategorie gegen sie das Nachsehen hatte, könnte sich Adele wohl auch kaum als Techno-Queen mit blauem Lippenstift und Hufschuhen erfinden.
Und für eine Selbstzerstörung nach Art der im letzten Jahr verstorbenen Amy Winehouse steht Adele - statt in rosafarbenen, blutverschmierten Ballerinas - mit beiden Beinen zu fest auf dem Boden. Auch eine Lana-del-Rey-Diskussion darüber, ob ihre Lippen nun echt seien, wird es um Adele, die ebenfalls volle Lippen hat, höchstwahrscheinlich niemals geben.
Ob am Mikrofon oder auf dem Magazin-Cover, Adele kommt nicht oft in die Versuchung, ihr Äußeres in eine schale Künstlichkeit zu quetschen. In einer Zeit, in der sich eigentlich jeder Makel richten lässt, lebt Adele davon, dass sie sich bei aller Inszenierung ein hohes Maß an Echtheit zu bewahren scheint.
Und Karl Lagerfeld? Der wirkte dann kurz vor der Grammy-Verleihung wie ein kleinlauter Schuljunge, der seiner Lieblingslehrerin leichtfertig einen Streich gespielt hatte und sich nun entschuldigen wollte: „Ich möchte Adele sagen, dass ich dein größter Bewunderer bin.“
Adele, eine tolle Musikerin
brigitte schulze (brigitteschulze)
- 21.02.2012, 17:27 Uhr
Alles PR
Harry Pastorius (ookk)
- 21.02.2012, 15:57 Uhr
Das normale, alltägliche wird in diesem Geschäft zur Sensation
Klaus Letis (odysseus_8)
- 21.02.2012, 15:42 Uhr