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Schläge und Schikane in Kinderheimen Diakonie bestätigt Misshandlung in den Fünfzigern

16.09.2008 ·  In evangelischen Jugendheimen sind Kinder in den fünfziger und sechziger Jahren misshandelt und wirtschaftlich ausgebeutet worden. Das bestätigt die niedersächsische Diakonie nach ersten Ergebnissen einer Dokumentation, die sie selbst in Auftrag gegeben hat.

Von Robert von Lucius
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Die niedersächsische Diakonie hat bestätigt, dass es in evangelischen Jugendheimen in den fünfziger und sechziger Jahren Misshandlungen und wirtschaftliche Ausbeutung gegeben hat. Übergriffe seien, sagte der Direktor des Diakonischen Werkes der hannoverschen Landeskirche, Manfred Schwetje, „keine seltenen Ausnahmen“ gewesen. Schlussfolgerungen über systematischen Missbrauch seien aber verfrüht. Klarheit werde es zur Mitte des kommenden Jahres geben, wenn der langjährige Geschäftsführer im Bundesverband evangelischer Erziehungseinrichtungen, Hans Bauer, einen von der Diakonie erbetenen Bericht vorlegt.

Missbrauch gab es in den beiden Nachkriegsjahrzehnten offenbar in großem Ausmaß. „Ordnung, Sauberkeit und Disziplin“ waren leitende Erziehungsziele, so Bauer. Prügelstrafen waren vor allem in Fürsorgeheimen – in die schwer erziehbare Kinder vom Gericht oder Jugendheim eingewiesen wurden – und bei schwerstbehinderten Kindern „an der Tagesordnung“, nicht von oben angeordnet, aber gängig. Übergriffe gab es offenbar nicht in allen der zehn damaligen Heime der Diakonie in Niedersachsen; das hing von den Leitern und den Erziehern ab.

Bauern und Soldaten als Erzieher

Bei den Erziehern handelte es sich bisweilen um notdürftig umgeschulte Bauern oder Soldaten. Gängig waren Stockschläge und andere Prügelstrafen. Dazu kamen erniedrigende Strafen, vergleichbar den früher beim Militär üblichen wie Fliesenschrubben mit der Zahnbürste oder Einsperren in fensterlose Räume, wenn jemand wegzulaufen versucht hatte. Briefe wurden vorab gelesen, Ausbildungswünsche zumeist ignoriert. Heiminsassen mussten zu niedrigen Löhnen auf Bauernhöfen, beim Torfstechen oder im Heim arbeiten. Mädchen und Jungen berichteten von vereinzelten sexuellen Übergriffen.

Vermutlich gab es auch in staatlichen und anderen kirchlichen Heimen zahlreiche Übergriffe. Dafür sprechen Berichte der vor fünf Jahren gegründeten Interessengemeinschaft misshandelter und missbrauchter Heimkinder. Die Opfer fanden mehr Gehör, als vor zwei Jahren das Buch von Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herrn“ erschien. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann – die derzeit gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland das südliche Afrika bereist – hatte das Buch gelesen und die Studie angeregt. Bislang ist Hannover offenbar die einzige Landeskirche, die sich den Vorwürfen stellt. Es gibt aber parallel weitere Studien sowie Erörterungen im Petitionsausschuss des Bundestages. Vor mehreren Jahren hatte der Landeswohlfahrtsverband in Hessen Missstände in seinem Heim in Idstein untersucht.

Caritas: „bedauerliche Einzelfälle“

Der Bundesverband Diakonie hat eine unabhängige Studie über die konfessionelle Heimerziehung in der Nachkriegszeit angeregt, die an der Universität Bochum angefertigt wird. Als vorbildlich in ihrer Selbsterforschung gilt die Diakonie Freistatt bei Nienburg im Westen Niedersachsens, die Gespräche zwischen ehemaligen Heimbewohnern und Mitarbeitern organisierte, ihren Aktenbestand sichtete und einen ehemaligen „Zögling“ als Ombudsmann für jetzige Heimbewohner einsetzte. Sie plant zudem eine Dokumentationsstätte.

Die Caritas spricht dagegen bislang nur von „bedauerlichen Einzelfällen“, der Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen indes von „Einzelfällen, die sich mächtig häuften“. Bauer weist auf die Mitverantwortung der Jugendämter und der Heimaufsicht hin. Das Unrecht sei zum großen Teil mit deren Wissen geschehen; sie profitierten von niedrigen Pflegesätzen. Prügelstrafen wurden in Strafbüchern festgehalten, die monatlich an die Landesjugendämter geschickt wurden.

Kinder von Eltern allein gelassen

Eltern halfen ihren Kindern wenig. Sie sagten, Prügel seien damals üblich gewesen und glaubten Berichten ihrer Kinder nicht. Vereinzelt betrieben Eltern die Einweisung ihrer Kinder. So musste ein 16 Jahre alter Maurerlehrling ins Heim, weil er sich weigerte, seinen gesamten Lohn daheim abzugeben und beim Ausbau des Elternhauses mitzuhelfen. Bauer sagt, Einrichtungen müssten sich die Frage gefallen lassen, was sie gegen den „Zeitgeist“ unternommen und ob sie diesen nicht mitgeprägt hätten.

Der Diakonie-Direktor Schwetje sagte, eine Entschuldigung werde wohl „Teil des Gesamtprozesses“ sein. Damit sei es aber nicht getan – die Opfer müssten sagen, was sie erwarteten. Denkbar sei eine materielle Entschädigung über einen Fonds, für den sich, angeregt von der Bundestagsabgeordneten Renate Künast, die BündnisGrünen einsetzen. Dafür müsse, so Schwetje, die Politik Vorgaben machen.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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