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Schifffahrt Die „Arctic Sea“ offenbart Sicherheitslöcher

 ·  Der mysteriöse Fall des Holzfrachters „Arctic Sea“ wirft viele Fragen auf. Vor allem die, wie ein Schiff so spurlos von den Überwachungssystemen verschwinden kann. So wird offenbar, wie lückenlos die Sicherheitssysteme in der Seefahrt sind.

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Der Fall des verschollenen Frachters „Arctic Sea“ gibt viele Rätsel auf, vor allem, was die Hintergründe des Überfalls Ende Juli vor der schwedischen Küste betrifft. Die wichtigste Frage: Wie kann ein Schiff spurlos von den Bildschirmen der Verkehrsüberwachung verschwinden? Die Frage stellt sich noch drängender, weil die Europäische Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (Emasa), eine Behörde der Europäischen Union, erst Anfang Juli in Lissabon eine Kontrollstelle eröffnet hat, die solche Fälle vermeiden soll: Das Long Range Identification and Tracking of Ships Data Centre (LRITDC).

Diese Kontrollstelle überwacht den Schiffsverkehr bis zu einer Entfernung von 1000 Seemeilen (1852 Kilometern) vor den Küsten. Etwa 10 000 Schiffe am Tag sind in diesem Gebiet unterwegs. Dabei fragt ein Satellit alle sechs Stunden die Positionsdaten der Schiffe ab und sendet sie an das Kontrollzentrum.

Zuständigkeit beim Flaggenstaat

Für die Abfragen ist der Flaggenstaat zuständig, bei der Arctic Sea also Malta. Über die Position des Schiffes liegen aber keine Daten vor. Warum nicht? Auf Anfrage ist von der zuständigen Behörde, der Malta Maritime Authority, keine Antwort zu bekommen. Die Pressemitteilungen lauten lapidar, dass man keinen Kontakt zum Schiff habe. Das Datenzentrum in Lissabon ist noch im Aufbau begriffen“, sagt Christoph Brockmann, Abteilungsleiter beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), in Hamburg dazu.

Es haben noch nicht alle Staaten das neue System umgesetzt.“ Das LRIT ist nicht das einzige Kontrollsystem. Eine wichtige Navigationshilfe im Nahbereich ist das Automatische Identifikationssystem (AIS), das den Schiffsführern und den Verkehrsbehörden der Küstenstaaten Daten sendet. Weiterhin müssen Schiffe einen Notknopf haben, das Ship Security Alert System (SSAS). Wenn man bei Gefahr diesen Knopf drückt, wird ein stilles Signal abgesetzt mit Angaben zur Position“, erklärt Brockmann. Das ist offenbar im Fall der Arctic Sea nicht geschehen. Alle drei Techniken basieren auf Signalen, die vom Schiff ausgehen, und jede von ihnen lässt sich an Bord abschalten oder unterdrücken.

Lücken im Sicherheitssystem

Auch wenn Malta das LRIT schon in die Praxis umgesetzt hätte, bestünde keine Garantie für zuverlässige Positionsmeldungen. Warum in einem der am meisten befahrenen Seegebiete Europas sich Zustände wie im 17. Jahrhundert zu wiederholen scheinen, ist ein Rätsel, das viele Fachleute beschäftigt. Auch Christoph Brockmann kann sich nicht an einen Fall wie den der Arctic Sea erinnern. Sonderbar ist nicht nur der Überfall, sondern auch, dass das Schiff ohne Überprüfung seine Fahrt fortsetzte.

Dafür wäre der Flaggenstaat zuständig. Wenn es sich um ein Schiff unter deutscher Flagge gehandelt hätte, wäre es im nächsten Hafen überprüft worden“, versichert Brockmann. Der Fall der Arctic Sea lässt Lücken im Sicherheitssystem erkennen. Abhilfe schaffen könnte nur ein Sender, der automatisch die Position übermittelt und an Bord versteckt installiert ist - unerreichbar für ungebetene Gäste und für die Besatzung.

Die Arctic Sea hat möglicherweise einen zweiten Hilferuf wegen des mutmaßlichen Überfalls durch Piraten abgesendet. Der „Daily Telegraph“ meldete, es sei eine Woche nach der ersten Sprechfunknachricht, die in der Ostsee von Mitgliedern der russischen Besatzung abgegeben wurde, noch eine weitere Meldung abgesetzt worden, nachdem das Schiff den Ärmelkanal passiert hatte und sich schon in der Biskaya befand.

Zu den Spekulationen über den Aufenthaltsort des Frachters, der seinen Bestimmungsort in Algerien nicht erreichte, gesellen sich immer mehr Spekulationen über eine geheime Fracht neben der offiziellen Holzladung. Englische Zeitungen zitierten am Freitag den Herausgeber eines russischen Schiffsnachrichtenblattes, Michael Woitenko, der angab, eine geheime Beiladung sei „die einzige vernünftige Erklärung“ für den Überfall auf die Arctic Sea und ihr Verschwinden. Es müsse ins Kalkül gezogen werden, dass der Frachter vor seiner Beladung in Finnland zwei Wochen in einer Werft in Kaliningrad (Königsberg) verbracht habe.

Woitenko sagte, er glaube nicht, dass es sich bei einer Geheimladung um Rauschgift oder kriminelle Konterbande handele, sondern „um etwas viel Teureres und Gefährlicheres“. Die russische Marine setzte die Suche nach der Arctic Sea im Atlantik auch am Freitag fort. Der Fall sollte auch bei einem Treffen des russischen Präsidenten Medwedjew mit Bundeskanzlerin Merkel erörtert werden. (Lt.)

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