29.12.2006 · Schibam, die Stadt mit den Lehmhochhäusern, lebt wieder auf. Die Straßenschluchten erinnern an Chicago und Manhattan. Kein Wunder - die Hochhäuser sind knapp 30 Meter hoch. Doch beinahe wäre Schibam zur Geisterstadt geworden.
Von Hans-Christian Rößler, SchibamWenn nach dem Nachmittagsgebet die Schatten länger werden, füllen sich die Gassen wieder mit Menschen. Zwischen Ziegen wirbeln spielende Kinder braunen Staub auf, und Händler öffnen die schweren Schlösser an den ächzenden Metalltüren ihrer Geschäfte. Langsam kehrt das Leben in die Straßenschluchten von Schibam zurück - und die sind wirklich tief. An Chicago und Manhattan fühlten sich schon die ersten Europäer erinnert, als sich vor ihnen die Lehmhochhäuser im Wadi Hadramaut auftürmten. Knapp 30 Meter sind sie hoch, die ältesten fast 400 Jahre alt.
Um ein Haar wären die rund 400 Lehmhäuser zur Geisterstadt geworden und Faraj Salem Kwairans Geheimnisse ganz in Vergessenheit geraten. Wenn sich die Mittagshitze gelegt hat, die im Sommer mehr als 50 Grad erreichen kann, klettern der Baumeister und seine Gesellen die steilen Treppen hoch und rühren auf der Dachterrasse Nura an. Für den weißen Putz haben sie ein besonderes Rezept. Sand und Kalk mengen sie auch braunen Zucker und manchmal etwas Asche bei. So halten die Mauern der erbarmungslosen Wüstensonne genauso stand wie den heftigen Niederschlägen in den Regenzeiten.
Altstadt zählt zum Weltkulturerbe
„Das habe ich von meinem Vater gelernt und der von seinem“, sagt der Baumeister, der noch vor wenigen Jahren zu den letzten seiner Zunft gehörte. Jetzt sind diese Kenntnisse wieder gefragt und die Auftragsbücher des Baumeisters Kwairan und seiner neuen Kollegen gut gefüllt. Noch vor wenigen Jahren schien der Exodus aus der Altstadt, die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde, kaum noch zu stoppen, und die Häuser verfielen. Nach der Machtübernahme der Sozialisten im Südjemen flohen viele Mitglieder der akademischen und wirtschaftlichen Elite aus dem Hadramaut. Andere Einwohner der alten Handelsstadt suchten Arbeit in Saudi-Arabien und Singapur. Manche zogen lieber in ein modernes Haus mit etwas mehr Komfort und einem Parkplatz vor der Tür in Neu-Schibam.
Ein Museum soll Schibam nach Ansicht von Omar Abdulaziz al Hallaj deshalb aber ebensowenig werden wie eine Feriensiedlung für Reiche aus der Hauptstadt Sana. „Die Stadt muß für die Menschen da sein, nicht für ihre Besucher. Man renoviert für die Einwohner, nicht um der Gebäude willen“, sagt der syrische Architekt, der in Schibam für die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) versucht, die früheren Bewohner der Altstadt wieder zur Rückkehr zu bewegen. Denn leben sie erst einmal wieder dort, sind sie selbst daran interessiert, daß die alten Häuser wieder in Ordnung kommen. Davon profitieren erst einmal die Handwerker und eines Tages auch die Einwohner, wenn wieder mehr Touristen in die Stadt kommen. Bislang sind aber von den knapp 7000 Menschen, die einst in den Hochhäusern lebten, nur etwa 3000 zurückgekommen. Ein Zehntel der Altstadt bestand um die Jahrtausendwende aus Ruinen, fast jedes dritte Haus mußte dringend repariert werden.
Renovierungskosten von bis zu 7000 Dollar
„Eigentlich können Lehmhäuser unbegrenzt leben, wenn sie ordentlich instandgehalten werden. Aber wir zwingen niemanden“, sagt der syrische Architekt. „Dann müssen eben ein, zwei Häuser zerfallen, bis die Leute begreifen, was sie zu verlieren drohen.“ Das scheint mittlerweile auch den Menschen in Schibam klargeworden zu sein: Mehr als ein Drittel aller Häuser wurden schon wieder hergerichtet, oder die Einwohner haben damit begonnen. 35 Prozent der Kosten bekommen sie vom GTZ-Büro dafür ausgezahlt, wenn sie sich an die Denkmalschutzauflagen halten; den Rest müssen sie selbst aufbringen. Das Geld stammt aus dem vom jemenitischen Staat verwalteten internationalen Geberfonds. Omar Hallaj hält es für ein gutes Zeichen, daß mittlerweile Mietinteressenten anfangen, Eigentümer selbst in Saudi-Arabien und anderswo im Ausland aufzuspüren, und ihnen anbieten, ihre Häuser zu renovieren, wenn sie dann länger in ihnen wohnen dürfen. Dabei können bei einem noch halbwegs intakten Haus Kosten von bis zu 7000 Dollar entstehen.
Für die Baumeister, die noch die dafür notwendigen traditionellen Techniken beherrschen, bedeutete das eine neue Konjunktur. Hatten sich lange Zeit die fähigsten Bauleute im Ausland ein neues Auskommen gesucht, gibt es jetzt wieder in Schibam etwas für sie zu tun. Aus zwei sind mittlerweile wieder 35 Baumeister geworden; sie beschäftigen jeweils eine Mannschaft von bis zu acht Personen. Die Baumeister haben sich in einer Vereinigung zusammengeschlossen, die einer mittelalterlichen Zunft gleicht. Wer Mitglied werden will, muß den anderen Baumeistern beweisen, daß er die überlieferten Techniken beherrscht. Die Anerkennung durch die anderen ist entscheidend und bringt geschäftliche Vorteile. Denn Konkurrenz von außen müssen die Mitglieder nicht mehr fürchten. Nur sie dürfen in der Stadt renovieren und können sich allenfalls untereinander Konkurrenz machen. Die Nachfrage hat sich vervielfacht. Zahlreiche neue Arbeitsplätze sind entstanden - in einem Land, in dem bis zu 40 Prozent keine Stelle haben. Arbeit gibt es auf längere Zeit genug, denn die alten Gebäude brauchen regelmäßige Pflege: Alle zehn Jahr muß das Dach, alle 40 Jahre müssen die Seitenwände und alle 80 Jahre muß das Holz erneuert werden. Dieser Rhythmus hat sich seit Jahrhunderten bewährt. Steingraffiti aus der Zeit vor dem Islam zeigen schon Häuser mit zehn und mehr Stockwerken. Lange vor den Erbauern der Hochhäuser in Frankfurt und New York hatten die jemenitischen Maurer gelernt, daß sie ihre Bauten nicht zu starr errichten dürfen, damit sie Beben, Wind und Klima standhalten. Der traditionelle Zement erlaubt den Gebäuden dabei die nötige Bewegungsfreiheit. Auch für die großen Temperaturunterschiede mußten sich die Bauleute etwas ausdenken. Zwischen der Schattenseite und den Mauern mit direkter Sonneneinstrahlung unterscheiden sie sich im selben Gebäude oft erheblich.
Häuser nicht höher als acht Stockwerke
Mindestens zehn Grad kühler ist es in den Lehmhäusern als draußen. Diese „Klimatisierung“ hat ebenfalls bauliche Gründe: Warme Luft entweicht durch die Fenster, kühlere kommt durch den Schacht, der von der Decke bis ins Erdgeschoß reicht. Zur Grundausstattung gehört aber auch eine Dachterrasse, auf der die Bewohner in den heißesten Nächten des Sommers schlafen, wenn die Kühlung in den Innenräumen einfach nicht mehr ausreicht. Nicht höher als acht Stockwerke sind deshalb die meisten Häuser - damit die Nachbarn sich nicht gegenseitig auf die Terrassen schauen können, was in dem konservativen islamischen Land auch für die Bewegungsfreiheit der Frauen wichtig ist.
Mit diesen Fortschritten ist Omar Hallaj zufrieden, Sorgen bereitet ihm aber die Zukunft. Den Kindern, die auf den Straßen der Stadt und der Dörfer ringsum spielen, ist ihre Tradition fremd geworden. Als in der Schule ein Lehrer seine Klasse gebeten habe, Häuser zu malen, hätten die Kinder Gebäude mit roten Ziegeldächern und einem Jägerzaun rundherum gezeichnet. Deshalb wurden in sein Projekt auch die jungen Bewohner Schibams einbezogen: In den Schulen basteln sie kleine Lehmhäuser aus Holz oder Karton, sammeln Märchen und lernen Volkslieder. „Es geht nicht nur darum, Architektur zu erhalten, sondern die Kultur, die dahintersteckt. Es reicht oft eine Generation, und sie ist verloren“, befürchtet Omar Hallaj.
Das Manhattan der Wüste
Erich Helmensdorfer (helmens2)
- 29.12.2006, 09:58 Uhr
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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