02.02.2006 · Wegen drohender Hörschäden durch iPod-Geräte hat ein Mann aus dem Bundesstaat Louisiana den Computerkonzern Apple auf Schadensersatz verklagt.
Von Katja Gelinsky, WashingtonWegen drohender Hörschäden durch iPod-Geräte hat ein Mann aus dem Bundesstaat Louisiana den amerikanischen Computerkonzern Apple auf Schadensersatz verklagt. John Kiel Patterson behauptet in seiner Klage, die er bei einem Bundesbezirksgericht im kalifornischen San Jose einreichte, die populären tragbaren Musikabspielgeräte, die mit Kopfhörern ausgestattet sind, seien „fehlerhaft im Design“. Ferner fehlten angemessene Warnhinweise. Apple warnt in der Bedienungsanleitung für die iPods, das „dauerhafte Hörschäden“ auftreten könnten, wenn Musikabspielgeräte mit Kopfhörern auf hohe Lautstärke gedreht würden. Das Unternehmen werbe aber zugleich dafür, „die Musik voll aufzudrehen“, wird in der Klageschrift gerügt. (Siehe auch: Hörschäden durch MP3-Player: Wie neben einer Düsenturbine)
Der Kläger hatte sich 2005 einen iPod gekauft. Ob er Hörschäden habe, wisse er nicht, sagte sein Anwalt Steve Berman aus Seattle. Aber darauf komme es auch nicht an. Entscheidend sei, daß iPods, so wie sie gegenwärtig in den Vereinigten Staaten verkauft würden, wegen der Gefahr von Hörschäden „nicht sicher“ seien. Sein Mandant habe für ein Produkt bezahlt, daß „fehlerhaft“ sei. Das Gesetz sage ziemlich eindeutig, daß derjenige, der ein defektes Produkt verkaufe, zur Reparatur verpflichtet sei.
Zwischen Motorsäge und Preßlufthammer
Neben Schadensersatz in unbenannter Höhe verlangt der Kläger, daß Apple bessere Vorkehrungen gegen mögliche Hörschäden treffen müsse. In der Klageschrift heißt es, iPods könnten mit 115 Dezibel eine Lautstärke erreichen, die schon bei einer Nutzung des Geräts von nur 28 Sekunden am Tag zu Hörschäden führen könne. Die maximale Lautstärke eines iPod liege damit zwischen der einer Motorsäge (110 Dezibel) und eines Preßlufthammers (120 Dezibel). Angeblich sind die iPods lauter als digitale tragbare Musikabspielgeräte anderer Hersteller, weil Steven Paul Jobs, der Mitgründer von Apple schwerhörig ist. Ben Knauss, ein früherer Manager des Unternehmens PortalPlayer, das an der Entwicklung des iPod beteiligt war, behauptete 2004 in einem Interview mit der Multimedia-Zeitschrift „Wired“, bei der Entwicklung des iPod sei die Lautstärke des Geräts mit Rücksicht auf Jobs Schwerhörigkeit erhöht worden. Apple hat seit 2001 insgesamt mehr als 42 Millionen iPods verkauft. In Frankreich hatte das Unternehmen die Geräte 2002 vorübergehend vom Markt nehmen und so einstellen müssen, daß eine Lautstärke von 100 Dezibel nicht überschritten wird.
In der Klageschrift gegen Apple wird auch die Konstruktion der Kopfhörer gerügt, die zusammen mit dem Abspielgerät geliefert werden. Die Einsteckkopfhörer werden in die Ohrmuschel eingesetzt. Damit wachse die Gefahr von Hörschäden, da die Töne direkt und ungedämpft auf das Ohr träfen, rügt der Kläger. Die meisten amerikanischen Ohrenärzte und Audiologen sagen jedoch, daß die Gefahr von Hörschäden weniger von der Konstruktion der Kopfhörer als von der Lautstärke und der Zeitdauer der Beschallung abhänge. Doch sagt der Audiologie-Professor Jerry Punch von der Michigan State University, daß beim Einsatz von Einsteckkopfhörern schneller potentiell gefährliche Lautstärken erreicht wrden. Zu ihm kämen Patienten im Alter von Anfang Zwanzig, deren Ohren audiologisch betrachtet den Ohren von Patienten im Alter von 50 Jahren glichen. Amerikanische Kinderärzte schätzen, daß 12,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von sechs bis 19 Jahren Anzeichen von Hörschäden zeigten, die auf übermäßige Lautstärke zurückzuführen seien.
„Sammelklage“ gegen Apple?
Bislang scheint es in den Vereinigten Staaten keinen Fall zu geben, in dem Klägern, die Hörschäden durch tragbare Musikabspielgeräte behaupten, Schadensersatz zugesprochen wurde. Patterson will erreichen, daß seiner Klage der Status einer Sammelklage zuerkannt wird. Doch für das aufwendige und langwierige Verfahren einer Sammelklage, das oft angestrebt wird, um den Druck auf die verklagten Unternehmen zu erhöhen, müßten sich zunächst weitere Kläger mit ähnlichen Beschwerden finden. Im Internet sucht das Unternehmen „Online Legal Marketing“, das juristische Dienstleistungen anbietet und vermittelt, unabhängig von Pattersons Klage Personen, die Hörschäden durch iPods erlitten haben und sich deshalb einer „möglichen Sammelklage“ gegen Apple anschließen möchten.
Pete Townshend warnt vor Taubheit
Kritik an den Hörgewohnheiten in Zeiten von MP3 kommt auch von ungewohnter Seite. Pete Townshend, der Gitarrist der ziemlich lauten Rockband „The Who“, machte vor kurzem MP3-Fans darauf aufmerksam, daß das Hören von Musik über Kopfhörer zu Taubheit führen könne. „Ich habe unfreiwillig zur Erfindung und Verfeinerung eines Musiktyps beigetragen, der seine eigenen Vertreter taub macht“, schrieb er in einem Tagebucheintrag auf seiner Internetseite. Der Verlust des Gehörs sei schrecklich, weil er nicht wieder rückgängig gemacht werden könne. „Wenn ihr oder eure Kinder einen MP3-Player wie etwa den iPod benutzen, mag es euch ja jetzt noch ganz gutgehen. Aber mein Gefühl sagt mir, daß euch schreckliche Probleme erwarten“, schrieb der Musiker, dessen Gruppe für ihre ohrenbetäubenden Konzerte bekannt ist.
Townshend will bald mit „The Who“ auf Tour gehen und das erste neue Studioalbum seit 1982 einspielen. Die Arbeit mit Roger Daltrey an dem Album und der Tour seien aber verschoben worden, „weil es in meinen Ohren laut klingelt“. Heute müsse er nach jeder Session sein Gehör mindestens 36 Stunden lang schonen. Manchmal seien die Arbeiten an Tonaufnahmen unmöglich. Townshend machte vor allem die Arbeit mit Kopfhörern im Studio für seine Schwierigkeiten verantwortlich. Townshend schrieb, nicht er allein leide an den Folgen. John Entwistle, der inzwischen verstorbene Bassist von „The Who“, habe oft in Konzerten den Takt verfehlt, weil er nicht mehr richtig habe hören können. Auch andere Musiker klagen über Hörverlust. So hat Phil Collins - allerdings vermutlich auch vom Schlagzeugen - 60 Prozent seiner Hörfähigkeit eingebüßt. Auch die Rapperin Foxy Brown und die Sängerin Barbra Streisand klagen über Beeinträchtigungen.
amerikaner sind wie kleine kinder
christian rohloff (elvisthe)
- 03.02.2006, 00:53 Uhr