19.04.2010 · Die Rückreise der Kanzlerin aus Kalifornien geriet wegen der Aschewolke zur Odyssee. Eine Reise, die in der Moderne nur Stunden dauert, sollte Tage währen - eine erzwungene Übernachtung in Lissabon, eine in Bozen. Das Kanzleramt mutierte zum Reisebüro; Frau Merkel behielt die Contenance.
Von Günter BannasAm Donnerstag, den 15. April, sollte in San Francisco an der amerikanischen Westküste ein langer Tag beginnen. In Deutschland wird es schon Abend; es war ein schlimmer Tag für die Bundeswehr. Vier Soldaten in Afghanistan waren gefallen. Angela Merkel gibt eine Erklärung ab. Betroffenheit, Gedenken und die Versicherung, der Einsatz in Afghanistan sei trotz aller Zweifel in der Bevölkerung richtig. Die Mitarbeiter hatten im ehrwürdigen "Fairmont Hotel San Francisco" ein passendes Ambiente zu organisieren. Kein Schmuck, eher grau als weiß und doch hell genug. Erste Hinweise erreichen die Reisegruppe, womöglich sei noch Schlimmeres passiert: Vulkanausbruch in Island.
Ein straffes Programm am letzten Tag der Amerika-Reise. Berkeley, Stanford, Silicon Valley. Der nordeuropäische Luftraum sei gesperrt. Das sei nicht weiter schlimm, sagen die einen. Frühestens in zwölf Stunden sei man dort. Dann werde alles besser. Werde es nicht, sagen die anderen. Abflug pünktlich um 17.30 Uhr Ortszeit. In Deutschland ist es schon Freitag, halb drei Uhr morgens. Abendessen an Bord. Die Bundeskanzlerin spricht mit den Journalisten. Afghanistan. Innenpolitik. Es geht nach Grand Forks, gelegen an der Grenze zu Kanada. Dort liegt ein Militärflughafen der amerikanischen Armee. Auftanken des Bundeswehr-Airbus 310 ("Konrad Adenauer"). 59000 Liter Kerosin. Der amerikanische Kommandeur macht seine Aufwartung. Was die Bedeutung von Grand Forks sei, fragt Frau Merkel. Früher sei es ums Auftanken amerikanischer Militärmaschinen gegangen. Heute seien fast alle Flugzeuge im Irak. Nun werden von hier aus unbemannte Drohnen gesteuert. Abflug. Der Kommandant sagt, es werde eine südliche Route geflogen. Dann werde man weitersehen.
Freitag, 16. April. Im Bordprogramm läuft der Film "Haben Sie das von den Morgans gehört?" Gehobene Unterhaltung, manche schlafen. Die vergangenen Tage, die ständigen Zeitumstellungen, waren anstrengend. Früh wird es hell. Die Passagiere denken, es gehe nach München, vielleicht nach Nürnberg. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm hatte gesagt, von dort aus würden Busse eingesetzt nach Berlin - wenn gewünscht. Die einen meinen, ja, die anderen meinen, mit dem Zug gehe es schneller, die dritten meinen, die Züge seien ausgebucht, die vierten denken an Mietwagen und wollten selber fahren. Es kommt Karl Albrecht Wokalek, stellvertretender Protokollchef. Der sagt, es gehe nach Lissabon. Weil er als Botschafter früher im Kongo und im Kosovo gedient hatte, war er gelassen. Er hatte schon Aufregenderes erlebt.
Rüttgers muss alleine kämpfen
In Berlin ist es Mittag. In der Bundespressekonferenz wird mitgeteilt, die Kanzlerin fliege nach Lissabon. An der Botschaft dort war das zuerst nur ein Gerücht. Am Donnerstag und am Freitagmorgen hatten die Mitarbeiter noch geglaubt, entspannt sein zu dürfen, weil die Wolke aus Vulkanasche viele tausend Kilometer nördlich liege. Manche wollten sich einen ruhigen Abend machen. Anrufe. Hinweise. Es ist für eine Botschaft immer aufregend und aufwändig, wenn eine Kanzlerdelegation kommt. Zwei Hotels werden benötigt und zwei Omnibusse. Früher als gedacht landet der deutsche Airbus auf dem militärischen Teil des Flughafens. Lange fehlt die Treppe zum Ausstieg. Der Ministerpräsident Sócrates empfängt die Bundeskanzlerin herzlich.
Es ist Abend. Angela Merkel sagt, sie wolle 24 Stunden später in Berlin sein. Ein Wahlkampfauftritt bei der CDU in Neuss für Jürgen Rüttgers wird abgesagt. Die angeblich Wissenden sagen, am Samstag werde man nach Mailand fliegen. Dann vielleicht weiter nach München. Oder gleich mit dem Bus nach Südtirol, über den Brenner, Innsbruck, München, Berlin. Den scheinbar Unwissenden graut davor. Sie zweifeln. Sie kennen Nachrichten, auch der Luftraum über Italien sei gesperrt. Frau Merkel geht mit engen Beratern zum Essen, Fisch. Die anderen auch. Schöner Blick. Manche glauben, ein unerwarteter freier Tag komme Frau Merkel zupass. Jemand sagt Frau Merkel, der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg habe in New York ein neues iPad gekauft. Nun regiere er mit dessen Hilfe sein Land. Angela Merkel hat auch ein neues iPad: ein Geschenk Arnold Schwarzeneggers, des kalifornischen Gouverneurs.
Ganz in der Früh ein neues Kommando
Samstag, 17. April. Um sechs Uhr morgens sollen die Koffer bei den Leuten vom Bundeskriminalamt abgegeben werden. Hoffnungen, dann bald abfliegen zu können. Ganz in der Früh ein neues Kommando. Luftraum gesperrt, kein Flug nach irgendwo, schon gar nicht nach Mailand, wohin schon Busse des Auswärtigen Amtes in Bewegung gesetzt waren. Für die Gruppe des Kanzlerinnentrosses wird eine Stadtrundfahrt durch Lissabon organisiert. Es ist ein komfortables Anstranden. Kaffee. Andere haben es schlechter: 10000 Feldbetten auf dem Frankfurter Flughafen, Chaos über Europa. Man könnte über die Entschleunigung sprechen. Immerhin ein Zeichen von Geschwindigkeit: Der Abfahrtstermin zur Stadtrundfahrt wird vorverlegt - von zehn auf halb zehn Uhr.
Die Fahrt freilich geht zum Flughafen - mit Rom als neuem Ziel. Staunend sieht die Reisegruppe ein zweites deutsches Regierungsflugzeug. Es ist der noch namenlose neue Airbus 319, der nach einem Testflug nach Neufundland ebenfalls nach Lissabon umgeleitet worden war. Kaffee im Offizierskasino, das auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Aus Spanien kommend stößt Jörg Asmussen, Staatssekretär im Finanzministerium, dazu, der in Madrid den Minister Schäuble beim Finanzministertreffen der Euro-Staaten vertreten hatte. Dort sitzen die anderen Teilnehmer fest. Zu Recht dachte sich Asmussen, wenn es jemanden gebe, der ihn nach Hause schaffen könne, dann Frau Merkel. Nach Rom also, gegen Mittag.
Von neuen Varianten wird berichtet, sie werden im engsten Kreis erörtert. Ungewiss sei, ob die Asche das Fliegen tatsächlich unmöglich mache. Das Fliegen liege in der Verantwortung des Piloten. Wolfgang Watz, als Oberstleutnant Kommandant des "Konrad Adenauer", sagt, kein Pilot im nördlichen Europa fliege. Er könne die Verantwortung nicht übernehmen - zumal mit der Bundeskanzlerin an Bord. Vom Testflug der Lufthansa zwischen Frankfurt und München wird berichtet. Fragen kommen auf, ob die gesamte nordeuropäische Industriegesellschaft, technologisch und intellektuell hoch gerüstet, einem Wahn verfallen sei, einer neuen Form von Irrationalität.
Per Hubschrauber nach Berlin? Merkel sagt nein
Das zum Reisebüro avancierte Kanzleramt hat die nach Mailand beorderten Busse zur Weiterfahrt nach Rom bestimmt. Ein neuer Plan. Beate Baumann, die Leiterin des Kanzlerinnenbüros, sagt, von Rom aus solle es in den Bussen nach Norden gehen. So weit es gehe jedenfalls: Frau Merkel, die Staatssekretäre, die Sekretärinnen, die hinterherlaufenden Medienleute. Übernachtungsmöglichkeiten seien vorbereitet, in Bozen oder auch in Kaltern. Angela Merkel hat entschieden, die Gruppe beisammenzuhalten. Womöglich wäre es ein Leichtes gewesen, die Kanzlerin per Hubschrauber nach Berlin zu bringen. Sie sagt nein. Von Südtirol solle es dann am Sonntag, so die Kalkulationen vom Samstag, irgendwie weiter nach Norden gehen. Vielleicht nach München - dann per Eisenbahn oder auch kleinen Propellermaschinen. Zu Beginn der politischen Arbeitswoche will Frau Merkel wieder in Berlin sein, lautet die neue Vorgabe.
Start um 11.30 Uhr in Lissabon. Ein sensationeller Blick auf Korsika und Sardinien. 15 Uhr Landung in Rom - erstmals seit sechs Tagen im Bereich der mitteleuropäischen Zeitzone. Fünf Stunden vorher hat Michael Steiner, deutscher Botschafter in Rom, von der bevorstehenden Landung erfahren. Kaffee und Snacks stehen am Flughafen Ciampino bereit. Eine Wagenkolonne wartet. Aus Mailand ist sogar der Dienstwagen Frau Merkels nebst Fahrer gekommen, von dort also, wo die Delegation erwartet worden wäre, wäre die Aschewolke nicht nach Süden gezogen. Am Vortag eigentlich war Steiners Tätigkeit in Rom zu Ende gegangen. Er ist nun Afghanistan-Beauftragter der Bundesregierung. Er freut sich, alte Bekannte aus Gerhard Schröders Zeiten zu sehen, dem er einst als außenpolitischer Berater diente. Frau Merkel telefoniert mit Silvio Berlusconi. Der hängt in Mailand fest. Manche erzählen, nun sei auch Rom gesperrt - nach dem Abflug des Papstes. 16 Uhr Abfahrt. Vorneweg Polizei und Frau Merkel, einige Kleinbusse, hinten der Bus für die professionell neugierigen Begleiter. Bozen ist das Ziel für die Übernachtung.
Es hätte eine schöne Fahrt durch Italien werden können
Es hätte eine schöne Fahrt durch Italien werden können. Ein zügiges und zugleich begrenztes Tempo. Kleine Städte, alte Burgen. Wie in Hindernisspielen am Computer kommt ein neues Problem. 18.06 Uhr ist es, in Deutschland ist die Bundesliga beendet. Das letzte Fahrzeug der Kolonne, der große Bus mit dem Journalistentross, rumpelt und rattert - nahe Siena. Reifenpanne. Ohne auszubrechen, bringt der Fahrer den Wagen zum Stehen. Zerfetzt der rechte hintere Reifen. Weit vorne bleibt der Wagen Frau Merkels stehen. Warten auf der Autobahn, die an der Stelle weiß Gott nicht breit ist. Ist die Achse verbogen? Ist ein neuer Bus zu organisieren? Der Fahrer macht sich ans Werk des Reifenwechselns. Es hätte schnell gehen können, hätte er das richtige Werkzeug zur Hand gehabt. Die Polizei sperrt die Spur mit auf die Fahrbahn gelegten Fackeln, welche - es ist noch hell - von vielen Vorbeifahrenden ziemlich spät gesehen werden. Für wenige Minuten kommt der Regierungssprecher, zum Bus. Das Prinzip, die Kolonne beieinanderzuhalten, müsse aufgeweicht werden. Sicherheits- und auch Zeitbedenken. Die Spitze der Kolonne fährt weiter. Hinten packt der Fahrer den Ersatzreifen aus, der so wenig Profil hat, dass die BKA-Beamten nicht Verkehrspolizisten hätten sein dürfen. Nie wieder sollte die deutsche Botschaft mit diesem Unternehmen kooperieren. Es ist Stefan Lange, Reporter von AP, der es schafft, die Muttern zu lösen. Um halb acht geht es weiter. Regenbogen über der Toskana. Kurz nach neun Uhr am Abend die Mitteilung, Frau Merkel werde nicht zum Trauerakt am Sonntag nach Krakau fahren. Kurz vorher hatte sie im Wagen die Entscheidung getroffen. Um 21.45 Uhr Wechsel des Busses - das neue Fahrzeug scheint sicher. Kurze Zeit später erreicht Frau Merkel ihr Hotel in Bozen.
Merkwürdige Dinge passieren
Gegen zehn nach ein Uhr in der Früh passiert der Bus die Stadtgrenze von Bozen. Eine Taxe wird als Führungsfahrzeug geordert. Die Leute werden auf Hotels verteilt - Bezug derselben um Viertel vor zwei. Frühstück mit Tiroler Speck. Presseauflauf vor dem Hotel "Laurin". Frau Merkel sagt tatsächlich, es ist halb neun am Morgen: "Mit geht es wunderbar." Und: "Jetzt freuen wir uns auf die Heimreise." Sie trägt wieder ihr rotes Jackett mit schwarzer Hose. Politik besteht aus Bildern, die zu Legenden werden. Als Geste steigt sie in den Bus der begleitenden Journalisten - bis hinauf zum Brennerpass, wo sie sich verabschiedet.
Elf Stunden reine Fahrzeit bis Berlin sagt der Busfahrer voraus. Merkwürdige Dinge passieren: Kein Stau auf der Brennerautobahn. Kein Stau am Irschenberg. Über seltsame Dinge wird gesprochen. Bei den Testflügen der Lufthansa und von Air Berlin durch die Aschewolke sei nichts festgestellt worden. Rein gar nichts, erzählen die Leute vom Kanzleramt. Vom klaren und sonnigen Wetter in Frankfurt und in Berlin wird berichtet. Die Gefahr der Wolke, wird entgegengehalten, sei ja gerade deren Unsichtbarkeit.
Gleichwohl: Der Sonntagnachmittag der Kanzlerin bleibt arbeitsfrei. Die deutsch-italienischen Konsultationen in Hannover fallen aus. Berlusconi hat abgesagt. Um 15.05 Uhr trifft der Wagen der Kanzlerin am Regierungssitz ein. Für die 860 Kilometer von Bozen nach Berlin, für die der Routenplaner acht Stunden und 44 Minuten veranschlagt, hat sie sechseinhalb Stunden benötigt. Ende einer einmaligen Dienstfahrt - zwei Tage nach dem ursprünglich geplanten Ankunftstermin am Freitag um 15.30 Uhr.
Regierung + FAZ
Walter Schäfer (Bongard1)
- 19.04.2010, 11:09 Uhr
Merkels Odyssee....wenn interessiert das ???
angelika bayer (vintagetante)
- 19.04.2010, 11:26 Uhr
"Frau Merkel behielt die Contenance"
Andreas Breuer (IUSTINUS)
- 19.04.2010, 11:31 Uhr
Relation
Jörg Bierhance (JWBG)
- 19.04.2010, 13:08 Uhr
Wenn es für etwa gut sein kann....
Max Burg (MaxBurg)
- 19.04.2010, 16:47 Uhr