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Veröffentlicht: 28.01.2015, 15:59 Uhr

Samenspende-Urteil Das Geheimnis der anderen Hälfte

In einem Grundsatzurteil stärkt der Bundesgerichtshof die Rechte von Spenderkindern. Sie haben – ganz unabhängig vom Alter – einen Anspruch darauf, den Namen ihres leiblichen Vaters zu erfahren.

von , Karlsruhe
© dpa

Über die andere Hälfte wollen wir auch etwas wissen.“ Mit diesem Satz spricht Stina vielen aus dem Herzen, die gezeugt wurden wie sie: mit dem Samen eines anonymen Spenders. „Es ist nicht so, dass wir keinen Vater haben, der sich um uns kümmert. Wir wollen einfach wissen, von wem das genetische Material stammt, das uns zur Hälfe ausmacht.“ Seit den siebziger Jahren wurden in Deutschland rund 100000 Kinder durch künstliche Befruchtung mit Spendersamen geboren, schätzt der Verein „Spenderkinder“, dessen Gründungsmitglied Stina ist.

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Das System, das auf Anonymität basiert, ermöglichte den Eltern, das Bild einer ganz „normalen“ Familie aufrecht zu erhalten. Die Spender mussten keine Forderungen vonseiten ihrer Kinder befürchten. Und für die Reproduktionsmediziner war es ohnehin ein gutes Geschäft. Nur an die Kinder, die auf diese Weise auf die Welt kommen, dachte lange niemand. Dabei ist es kein Geheimnis, dass es eine schwere Identitätskrise auslösen kann, wenn Menschen irgendwann durch Zufall erfahren, dass ihr Vater gar nicht ihr leiblicher Vater ist.

In einem Grundsatzurteil hat sich der Bundesgerichtshof nun auf die Seite der Spenderkinder gestellt. „Die Kinder haben ein verfassungsrechtlich gesetztes Recht zu erfahren, wer ihre biologischen Väter sind“, sagte der Vorsitzende Richter des XII. Zivilsenats, Hans-Joachim Dose, bei der Urteilsverkündung am Mittwoch. Aus Karlsruher Sicht kommt es nicht darauf an, wie alt die Kinder sind. Deshalb hoben die Richter die Entscheidung des Landgerichts Hannover auf, das der Auffassung war, der Auskunftsanspruch bestehe erst nach Vollendung des 16. Lebensjahrs. Erst dann, so hatte man es in Hannover gesehen, seien die Kinder in der Lage, die Konsequenzen der Auskunft zu beurteilen und zu verarbeiten. Doch der Bundesgerichtshof sieht das anders: Kinder würden schon „im Kindergarten“ anfangen, über sich nachzudenken, sagte Richter Dose.

© dpa, reuters BGH billigt Kindern Recht auf Vaterschafts-Auskunft bei Samenspende zu (Januar 2015)

Eltern dürfen keine Eigeninteressen verfolgen

Die Eltern können den Auskunftsanspruch zwar im Namen der Kinder geltend machen, aber dürfen damit niemals eigene Interessen verfolgen, sondern nur die Interessen ihrer Kinder. Ausreichend sei jedoch, wenn die Eltern den Namen des Spenders erfahren wollen, um das Kind zu einem späteren Zeitpunkt zu informieren. In diesem Punkt lag die Besonderheit des Falls.

Nach Karlsruhe zogen nicht die Kinder eines anonymen Spenders, sondern deren Mutter und ihr Ehemann. Sie wollten von der Reproduktionsklinik, in der ihre beiden Töchter gezeugt wurden, den Namen, das Geburtsdatum und die Anschrift der biologischen Väter erfahren. Doch die Klinik weigerte sich. Als der Rechtsstreit vor knapp drei Jahren vor dem Amtsgericht Hameln begann, wussten die beiden Mädchen, die damals 14 und zehn Jahre alt waren, noch nicht, dass sie mithilfe des Samens eines fremden Mannes gezeugt wurden. Die sozialen Eltern argumentierten, dass die Kinder mit fortschreitendem Alter nach ihrer biologischen Abstammung fragen würden. Darauf wollten sie vorbereitet sein. Nach eigenen Angaben haben sie ihre Kinder inzwischen informiert.

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