20.06.2006 · Robin Hood, Sherwood Forest, Nottingham - das gehört zusammen, wie nicht nur jedes englische Kind weiß. Aber stimmt es wirklich? Unerschrockene Forscher aus Sheffield rütteln nun am Denkmal und krempeln die britische Sagenwelt um.
Von Claudia BröllFür die Mitarbeiter im „Nottinghamshire County Council“ war es eine schlechte Nachricht. Robin Hood, der englische Volksheld und begnadete Bogenschütze, soll nicht, wie bislang angenommen, aus den Wäldern um Nottingham stammen, sondern aus dem 83 Kilometer entfernten Dorf Bolsterstone in der nördlichen Nachbargrafschaft Yorkshire.
Dort fanden Archäologen und Historiker von der Universität Sheffield jetzt die Überreste eines kleinen Familienschlosses aus dem elften Jahrhundert, welches das Heim des sagenumwobenen Kämpfers im Dienste der Armen gewesen sein könnte. Wie mehrere Londoner Zeitungen berichteten, soll das Schloß zunächst dem tapferen Waltheof, seines Zeichens Earl von Huntingdon, gehört haben. Der Earl wurde im Jahr 1076 im Alter von 30 Jahren hingerichtet, als er eine Attacke gegen die normannischen Eroberer plante. Das Schloß erbte sein Sohn Robert Fitzwalter, ein guter Bogenschütze und möglicherweise der Mann, der später als Robin Hood bekannt werden sollte.
„Dieser Ort kann größere geschichtliche Bedeutung haben“, sagte der Forscher Steve Moxon. „Natürlich war Robin Hood vor allem eine Figur aus der Sagenwelt. Doch Waltheof war die Inspiration für die Ballade über den Tod des Mannes namens Hood und die später im 15. Jahrhundert darauf aufbauende Prosa.“ Einige Wissenschaftler und Tourismusbeauftragte der Umgebung vertraten schon zuvor die These, daß Robin Hood eigentlich aus Yorkshire stammte. Immerhin soll sein Kompagnon „Little John“ nahe Sheffield geboren und auf dem Friedhof von Hathersage begraben sein. Die Touristen hat das aber bislang wenig interessiert. Der Ort Bolsterstone am Stadtrand von Sheffield war bisher allenfalls den Freunden von Männerchorgesang ein Begriff.
Hunderttausende fehlgeleitete Touristen?
Die Geschichte um Robin Hood wird seit mehr als 700 Jahren erzählt, berühmt wurde sie in jüngerer Zeit durch Leinwandstars wie Errol Flynn in „Robin Hood, König der Vagabunden“, Kevin Costner in „Robin Hood, König der Diebe“ und Sean Connery an der Seite von Audrey Hepburn in „Robin und Marian“. Der Komiker Otto Waalkes verulkte ihn in einem viel zitierten Sketch als „Rechner der Vererbten“. Wer Robin Hood gewesen ist, und ob es ihn überhaupt gegeben hat, ist unter Wissenschaftlern heftig umstritten. Die Forschung wird dadurch erschwert, daß Hood, Hod und Hode beliebte Nachnamen im mittelalterlichen England gewesen sind, ebenso wie Robert und Robin als Vornamen häufig anzutreffen waren.
Nichtsdestotrotz pilgern jedes Jahr 500.000 Touristen in den Sherwood Country Park, um den Wald zu besichtigen, in dem Hood sich der Sage nach mit seinen Männern versteckt und mit Pfeil und Bogen reiche Reisende um einige Taler für die Armen erleichtert haben soll. Auch eine große etwa 800 Jahre alte Eiche ist dort zu finden. Ihr hohler Stamm soll Robin Hoods Leuten als Versteck gedient haben - auch wenn der Baum in der Zeit des „Königs der Diebe“ allenfalls ein dürres Pflänzchen gewesen sein kann. Im Juli und August findet zu Ehren des legendären Räubers sogar ein Festival in Nottingham statt.
Bestätigt sich die Vermutung der Archäologen, dürfte es still werden in dem Gehölz um die Grafschaft. Die Tourismusbehörde bangt daher nicht umsonst um ihre wichtigste Einnahmequelle. Doch bislang ist der wahre Ort, an dem Robin Hood sein Unwesen für eine gute Sache trieb, nicht bis ins letzte geklärt. Die Forscher von der Universität Sheffield warten zur Zeit noch auf weitere Forschungsmittel aus dem Lotteriefonds, um ihre Ausgrabungen fortsetzen und den Beweis für ihre These liefern zu können. Bogenteile, Pfeilspitzen oder gar Hutfedern, die auf den legendären Helden hinweisen könnten, sind freilich an dem kleinen Familienschlößchen, von dem nur noch ein paar Steine vorhanden sind, nicht gefunden worden.