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Sächsisch: Der verkannte Dialekt : Das Weiche besiegt das Harte

Das waren noch Zeiten: Unter Kurfürst August dem Starken (1670 - 1733) blühte Sachsen Bild: picture-alliance/ dpa

Beim Verständnis des Sachsen hilft uns Laotse, zum besseren Verständnis des Sächsischen erhalten Studenten aus dem Westen in Leipzig einen Einführungskurs in Wesen, Würde und Vokalbildung. Eine Sternstunde.

          Tiefer, breiter, weicher: Wenn Annekatrin Michler den gut vierzig jungen Leuten, die am Anfang ihres Studiums an der Universität Leipzig stehen, an diesem Novembertag im Hörsaal 16 das örtliche Idiom nahebringt, beugt sie sich leicht vor, lässt die Schultern hängen und schiebt den Unterkiefer nach vorne. Sie hält ein Schild hoch, auf dem „Vokale“ steht, dreht es um: „Wogahle“, heißt es da. „Wir machen alles breiter“, sagt sie und erläutert die Grundregeln: A wird zu O, das seinerseits zu OO wird. E wird Ä, AU zu O - grundsätzlich jedenfalls, Augen sind „Ogen“, aber: „Saufen bleibt saufen.“ Aus EI wird EE, weich so zu „weech“. Aber Leipzig bleibt „Leiptsch“. Dann die „Gonsonanden“: P wird Beh, T zu Deh, K zu Geh, wie in Kuchen - „Guuchen“. „In Sachsen“, resümiert die Fünfzigjährige vor den Studenten, von denen die meisten aus den westlichen Bundesländern kommen, „besiegen die Weichen die Harten“.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          In diesem Kampf stehen die meisten Deutschen lieber auf Seiten der Verlierer. Das Sächsische, als das ein Sammelsurium mitteldeutscher „Sprachraumkonzepte“ (so die Sprachwissenschaft) gemeinhin bezeichnet wird, ist regelmäßig Spitzenreiter in Umfragen zur Beliebtheit von Dialekten - wenn die Frage darauf kommt, was nicht „gemocht“ wird oder gar als „unsympathisch“ gilt. Schuld ist daran, unter anderem, die innerdeutsche Teilung.

          Statusfragen

          Vormals Westdeutsche berichten von Reisen in die DDR, dass Grenzsoldaten die Aufforderung, dieses oder jenes zu tun, mit einem „Gänsefleisch“ einleiteten: Können Sie vielleicht? Walter Ulbricht war hörbar (“Bardeigenossen“, „Wergdädige“, „Arbeidsbrodugdividäd“) Leipziger. In der Nikolaikirche, nur wenige Meter von dem Hörsaalgebäude entfernt, in dem die Studenten jetzt unterwiesen werden, fanden die Friedensgebete statt, aus denen 1989 die Montagsdemonstrationen wurden; dennoch klingt Sächsisch in der Ohren der lauschenden Mehrheit nicht wie die Sprache der Freiheit.

          Deshalb versteht die Dozentin ihren rund einstündigen, freiwilligen Kurs auch als Beitrag „fier de innerdeidsche Endwigglung“. Aufgrund großer Nachfrage findet er in diesem Semester schon zum zweiten Mal statt, als Teil der Kampagne „Abenteuer FernOst“, mit der Westdeutsche an die von Studentenschwund bedrohten ostdeutschen Universitäten gelockt werden sollen. Nun sind die Hamburger, Hessen, Niedersachsen und der blonde Schwabe in der ersten Reihe, der eben so schön „Ooma“ gesagt hat, schon in „Fernost“ - aber vielleicht sollen die Grundkenntnisse in der Sprache ihrer neuen Umgebung sie ja nun hier halten. Sie erfahren, dass „Wannsdrameln“ Bauchschmerzen sind und „Leffel“ Ohren. Dass einem Sachsen, der klagt, „mir brummd dr Nischl“, der Kopf weh tut. Dass auch in Sachsen gilt, dass „de Bolidig de baar Fänge zäsammahalde“ - sparen - muss. Und dass „rammeln“ nicht nur für das steht, was Sie jetzt denken, sondern als „anrammeln“ (sich stoßen), „hineinrammeln“ (hineinstoßen), „abrammeln“ (sich abarbeiten) oder, substantiviert, als „Rammelei“ (Drängelei) vielerlei Konnotationen hat.

          Doch die Stunde soll auch dazu dienen, „den Sachsen“ zu verstehen. Der nicht „nein“ sagen könne, lieber betreten schweige. Und von dem man lernen könne: Die jungen Menschen, die ihr als Kommunikationstrainerin begegneten, sagt Frau Michler, wollten immer so perfekt sein - der Sachse hingegen sei so „härrlich unbärfägd“. Sie wirbt um Verständnis für Unterschiede: Wo der „Westeuropäer“ von der Mutter zu aufrechtem Gang und Auftrumpfen angehalten worden sei („Hochstatus“, nennt sie das), habe der Sachse mit auf den Lebensweg bekommen, sich „nicht so wichtig“ zu nehmen; daher sein „Tiefstatus“.

          Grillparzer hätte besser geschwiegen

          Dabei hätte der Sachse allen Grund dazu, seinem westdeutschen Gegenüber hocherhobenen Hauptes gegenüberzutreten. Wenige Jahrhunderte zurück, ist das Sächsische die Kultursprache in deutschen Landen. Es entwickelt sich im Laufe des Mittelalters aus den Sprachen der Siedler, die sich auf dem Gebiet des heutigen Sachsens niederlassen, verquickt Einflüsse aus dem Flämischen, Thüringischen und Sorbischen in eine einheitliche Verkehrssprache: die Meißnische Kanzleisprache, „welcher nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland“, so Martin Luther, der sich ihrer für seine Bibelübersetzung bedient. Mitte des 18. Jahrhunderts gilt gar: „Süd und Nord beugen sich vor der Überlegenheit des sächsischen Deutsch“ (so die „Sächsische Mundartenkunde“ von Horst Becker und Gunter Bergmann, Halle 1969). Sogenannte bessere Kreise lassen ihre Kinder sächseln lernen, in Leipzig studieren.

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