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Saale-Unstrut Bis Goethe nicht mehr nach Rheinwein ruft

Breitengrad51 – an der nördlichen Weinbaugrenze Deutschlands ist eine Verschwörung im Gange. Winzer wollen es mit den besten Gewächsen von Rhein und Main aufnehmen.

© Roger Hagmann Vergrößern Am 51. Breitengrad: Vom Weingut Hey aus geht der Blick über Rebstöcke nach Naumburg, wo sich die Verschwörer treffen

Johann Wolfgang von Goethe wusste es genau: „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht“, schrieb er vor annähernd 200 Jahren seinem Freund Friedrich von Müller, dem Staatskanzler des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Und obwohl Goethe schon viel wusste und verstand, widmete er sich im Sommer des Jahres 1828 lesend und beobachtend besonders intensiv dem Wein und dem Weinbau. Freilich war der Anlass ein betrüblicher: Es galt, den Tod seines Mentors und Weggefährten Großherzog Karl August zu verwinden. Der Zauber der Landschaft rings um das Renaissance-Schloss, das bei Dornburg die Saale überragt, tat bald seine Wirkung. „Die Aussicht ist herrlich und fröhlich, die Blumen blühen in den wohlunterhaltenen Gärten, die Traubengeländer sind reichlich behangen, und unter meinem Fenster seh ich einen wohlgediehenen Weinberg, den der Verblichene auf dem ödesten Abhang noch vor drei Jahren anlegen ließ und an dessen Ergrünung er sich die letzten Pfingsttage noch zu erfreuen die Lust hatte“, schrieb er bald darauf seinem Freund Carl Friedrich Zelter.

Daniel Deckers Folgen:  

Doch Weinberg hin oder her, zu trinken gab es in dem Schloss nichts, jedenfalls nichts, was vor dem gestrengen Urteil des Weinkenners Goethe hätte Bestand haben können. „Da in dem übrigens ganz anmutigen Schlößchen kein wohlversorgter Keller vorhanden ist, ich auch keinen in der Nähe weiß als Deinigen, so ersuche ich Dich, mich während meines hiesigen Aufenthalts mit Wein zu versorgen und mir vorerst durch Überbringer sechs Flaschen zu übersenden, auch von Zeit zu Zeit damit fortzufahren. Ich wünsche einen leichten reinen Würzburger und werde solchen nach abgeschlossener Wallfahrt auf irgendeine Weise dankbar ersetzen“, ließ er einen früheren Diener wissen.

Hofgärtner Carl August Christian Schell wollte indes wissen, dass Goethe außer nach Würzburger auch nach Moselwein zumute war, vor allem des Abends: „... aß darauf stets eine Franzsemmel und trank, die acht Tage ausgenommen, an denen er Dorndorfer Wein genoss - ein Viertel Moselwein“, hielt Schell im Jahr 1864 über das Abendessen Goethes fest. Nach Wein von den Hängen der Saale oder der Unstrut, die bei Naumburg in den vielbesungenen Fluss mit dem „hellen Strande“ mündet, war dem Dichter und Universalgelehrten demnach kaum zumute. Wusste er womöglich zu viel über den Wein, der in den Tälern von Saale und Unstrut wuchs, als dass er darin etwas erblicken konnte, das seiner Aufmerksamkeit als Weinkenner und nicht nur als Botaniker wert war?

Kleinste Parzellen in den Terrassen

Goethe wäre mit seiner Missachtung des Weins aus Kösen, Naumburg oder Freyburg mutmaßlich in bester Gesellschaft gewesen. Zwar war die Rebe hier schon seit der Kolonisierung der Region durch die Franken während des Frühmittelalters heimisch. Aber die Weinberge auf der Höhe des 51. Breitengrads, der seit unvordenklichen Zeiten als die nördliche Grenze des Weinbaus gilt, brachten in den allermeisten Jahren Trauben hervor, die zu Wein zu verarbeiten eine gehörige Portion Trotz erforderte. Denn in dem meist rauhen Klima wurden die Trauben gleich welcher Sorte nur in den allerwenigsten Jahren reif. Immerhin: Besser als das oft verunreinigte Wasser war herber, wenn nicht saurer Wein allemal.

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