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Russland Abschied von der Scholle

 ·  Eine große Eisscholle, darauf Forschungsstationen, Kleinkraftwerke und Bulldozer: Jahrzehntelang betrieb Russland in der Arktis Eisdriftstationen. Nun setzt der Klimawandel ihnen ein Ende. Nachruf auf das sonderlichste aller Verkehrsmittel.

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© culture-images Auf der Eisdriftstation „Nordpol 1“ im Jahr 1938

Auf dieses sonderbare Verkehrsmittel hatte Russland ein Monopol: Da lässt sich eine Mannschaft von Wissenschaftlern und Technikern auf einer großen Eisscholle nieder, richtet sich häuslich ein mit Kantine, Speisesaal und Wohnhütten, mit Kleinkraftwerk und Mini-Bulldozern, mit Aussichtsturm und Wachhunden, und treibt durch die Arktis, mitunter jahrelang, ohne zu wissen, wohin genau es gehen wird. Die Amerikaner hatten es auch mehrere Male versucht, mit Camps auf riesigen Eisplateaus.

Doch nach wenigen Jahren verloren sie die Lust daran, zu langsam das Ganze. Blieben nur die Russen übrig, die seit 1937 mit zeitlichen Lücken wegen des Zweiten Weltkrieges und nach dem Zerfall der Sowjetunion insgesamt 40 Eisdriftstationen losschickten. Der Einfachheit halber hat man sie allesamt durchnummeriert, von „Sewerny Poljus-1“ (Nordpol-1) bis zur „Sewerny Poljus-40“ (Nordpol-40), die zur Zeit durch die Arktis treibt.

Nordpol-41 wird es nicht geben, zumindest nicht wie bisher: Vor kurzem gab Russland bekannt, dass es in Zukunft keine Eisdriftstationen mehr aussenden werde. Dazu braucht man eine mindestens drei Meter dicke Eisscholle aus mehrjährigem, festem Eis, und das in einer Größe, dass Flugzeuge darauf landen können. Schollen dieser Güte gibt es aber nicht mehr, von Jahr zu Jahr hatten die Russen immer größere Schwierigkeiten, einen geeigneten Kandidaten zu finden: Manche der Suchaktionen quer durch die Arktis dauerten mehrere Wochen. Damit endet diese typisch russische Institution.

Der Russe hat ein hochentwickeltes Schollenbewusstsein

Warum gerade die Russen dieses Verkehrsmittel so sehr schätzen, könnte verschiedene Gründe haben. Manche sagen lapidar: Eine Scholle gibt es gratis, Schiffe dagegen sind teuer. Wer das Land aber kennt, denkt an die Poljarniki der arktischen Stationen, an die Kapitäne der Atom-Eisbrecher auf dem Nördlichen Seeweg, die in der Sowjetunion ein Mythos waren. Auf der ungeschriebenen Rangliste der Helden des Landes kamen sie gleich nach den Kosmonauten. Das wäre dann der Standpunkt der offiziell Orientierten.

Wer aber den Nationalcharakter der Russen in Rechnung stellt, denkt ans Eisangeln: Russen lieben es, bei minus 20 Grad auf einem zugefrorenen Flusslauf ein Loch ins Eis zu schlagen und eine Angelschnur hineinzuhängen. Sie setzen sich auf eine Holzkiste daneben und harren stundenlang aus, regungslos, in Gedanken versunken, Hauptsache, die Wodkaflasche ist mit ihnen. Irgendwann holen sie die Schnur ein, kein Fisch hat angebissen, und gehen zufrieden nach Hause. Der Russe hat eben ein hochentwickeltes Schollenbewusstsein.

Dabei haben die Russen das Geschäft der Eisdriftstationen mit dem größtem Ernst betrieben. Von Müßiggang war keine Spur, es wurde geforscht. Was genau, ist noch am besten bekannt von der ersten Station „Sewerny Poljus-1“, die 1937 am Nordpol abgesetzt wurde: In einem kühnen Unterfangen landeten mehrere Flugzeuge auf dem Eis, tagelang wurde die Ausrüstung abgeladen, darunter eigens angefertigte Zelte, Funkstation, Brennstoff und Lebensmittel, dann wurde die Station aufgebaut. Zurück blieben vier Mann. Nachdem sie 1938 unter größtem Jubel wieder heimgekehrt waren, schrieben die Vier von der Scholle ihre Polar-Erinnerungen, Bestseller, versteht sich. Allerdings waren die Forschungen damals nicht ganz so zielgerichtet wie heute. Eis gab es genug, von Klima redete keiner.

Man maß, was sich mit einfachen Mitteln messen ließ - Wassertiefe, Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchte, Salzgehalt, Strömungen, Wind und den aktuellen Standort. Im Zickzack ging es auf Grönland zu. Erst 1950 machte die Sowjetunion weiter. Es herrschte Kalter Krieg, was bedeutet, die Forschungen blieben geheim. Noch heute ist nicht bekannt, in welchem Ausmaß die immer größer werdenden Mannschaften auf den Eisschollen auch militärische Forschungen trieben, darunter vermutlich die Ortung von U-Booten mit Unterwasser-Mikrofonen. Die Arktis war ein strategischer Raum, aus dem nach einem feindlichen Angriff der atomare Zweitschlag kommen sollte, weshalb zu erforschen war, wie man die eigenen U-Boote unter dem Eis verstecken, die feindlichen aber aufspüren konnte.

Jede Eisdriftstation hatte ihr eigenes Schicksal

Der Aufwand, den die Sowjetunion für ihre Eisdriftstationen trieb, war immens. Es wurden in Fertigbauweise spezielle Arktishütten entwickelt, die über Telefon, Heizung und Licht verfügten, für je zwei Mann. Die Arbeitsteilung war perfekt, neben Koch und Arzt gab es Maschinisten, die die Kraftstation und die kleinen Bulldozer warteten, es gab einen 24-Stunden-Wachdienst, der mit dem Gewehr nach Eisbären Ausschau hielt, und einer der mitreisenden Glaziologen musste neben seiner Forschungsarbeit stets den Zustand der eigenen Scholle überwachen.

Jede Eisdriftstation hatte ihr eigenes Schicksal. Auf „Nordpol-4“ sackte das Camp allmählich so stark ab, dass sich im Sommer große Mengen Schmelzwasser in der Lagermulde ansammelten und die Hütten und Zelte zu überschwemmen drohten. Das Camp soff geradezu ab, wochenlang waren die Wissenschaftler nur mit Abpumpen beschäftigt. Station „Nordpol-8“ geriet in den Strömungswirbel der Beaufortsee vor der Küste Kanadas und musste evakuiert wurden.

Der amerikanische Geheimdienst CIA nutzte sie Chance und startete Aktion „Cold Feet“: Per Fallschirm wurde ein Team auf der verlassenen Scholle abgesetzt, es blieben nur wenige Stunden, die Überreste der Station zu durchsuchen. Zeitweilig trieben bis zu drei Stationen durch die Arktis. Am längsten unterwegs war die 1973 gestartete Mission „Nordpol-22“, die in einem mächtigen Zirkelschlag durch die Beaufortsee driftete und erst nach neun Jahren die Fram-Straße erreichte, wobei die Mannschaften regelmäßig ausgetauscht wurden. „Nordpol-32“ musste Anfang März 2004 mit Hubschraubern evakuiert werden, nachdem die Scholle von einer mächtigen Eispressung heimgesucht worden war. Bei „Nordpol-35“ erlaubten die Russen erstmals einem Ausländer die Mitreise, die Wahl fiel auf den Deutschen Jürgen Graeser von der Forschungsstelle Potsdam des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung.

Entdeckt wurde das billige Transportmittel bei einer Havarie.

Entdeckt wurde dieses billige Transportmittel und die simple Tatsache, dass man auf einer Scholle arbeiten kann, bei einer Havarie. Im Februar 1934 wurde die „Tscheljuskin“, ein Dampfer mit primitiver Eisverstärkung, in der Nähe der Wrangel-Insel vom Packeis zerquetscht und sank. In einem dramatischen Kampf konnte die Mannschaft unter dem Kommando von Otto Juljewitsch Schmidt genügend Lebensmittel, Zelte, Treibstoff und die wichtige Funkstation auf das Eis retten. Schmidt ließ ein Lager mit Holzhütten und Zelten aufbauen und teilte die Arbeiten ein: Kochtrupp, Lagerwache, eine Gruppe legte eine Landepiste an. Sogar eine Parteizelle nahm ihre Arbeit im Packeis auf und schrieb eine Wandzeitung. Die mitgereisten Forscher, die ursprünglich zur Station auf der Wrangel-Insel abkommandiert waren, teilte Schmidt zur Datenerhebung ein. Es war die Geburtsstunde wissenschaftlicher Arbeit auf eisiger Scholle. Nach zwei Monaten wurde die Mannschaft mit Flugzeugen gerettet, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Eisarbeit ließ Schmidt veröffentlichen.

Mit dem gemächlichen Driften im Eis ist nun Schluss. Russland will die Nordostpassage ausbauen, mit größeren Häfen, Rettungsstationen, mit neuen Atomeisbrechern und mit mehr Satelliten, welche die Funkarmut auf der einsamen Strecke beseitigen sollen. Forschen auf der Scholle wäre da ohnehin nicht mehr zeitgemäß. Russland wird automatische Messbojen aussetzen, die durch den Ozean treiben, und bemannte Forschungsstationen auf einer noch zu bauenden Plattform aussenden. Es bleibt also dabei - kein fester Kurs, kein Ziel. Die Russen wollen weiter durch die Arktis treiben, als wären sie See-Nomaden.

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