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Veröffentlicht: 01.10.2011, 10:00 Uhr

Rückgabe einiger Schädel Eine Geste des Bedauerns

Vor 100 Jahren wurden in Deutsch-Südwestafrika Schädel der Herero und Nama zu „wissenschaftlichen“ Zwecken gesammelt. Nun hat die Charité einige von ihnen an die Nachfahren übergeben.

von , Berlin
© dapd Hundert Jahre ein Streitobjekt: Die Schädel wurden von der Berliner Charité nun an Nachfahren der Herero und Nama zurückgegeben

Sie sind gekommen, um nach mehr als 100 Jahren die wohl präparierten Überreste ihrer toten Vorfahren in ihre Heimat Namibia zurückzubringen. Am Freitagnachmittag nahmen Vertreter der Völker der Herero und Nama 20 Schädel von Stammesangehörigen entgegen, die ihnen von der Charité bei einer festlichen Zeremonie aus der medizinhistorischen Sammlung übergeben wurden. Es handle sich um eine Geste des Respekts und des Bedauerns, mit der man zum „ehrenvollen Andenken“ der Toten beitragen wolle, hieß es aus dem berühmten Berliner Klinikum.

Mechthild Küpper Folgen:

Die sechzigköpfige namibische Delegation will die Schädel am Montag in die Heimat bringen. Dort sollen sie ausgestellt werden. Max Einhäupl, der Vorstandsvorsitzende der Charité, sagte nach der Unterzeichnung der entsprechenden Vereinbarungen zwischen dem Klinikum und Esther Moombalah-Goagoses vom namibischen „Heritage Council“, die Zeremonie werfe Licht auf ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte. Der Völkermord im damaligen Deutsch-Südwestafrika habe die Ereignisse der vierziger Jahre vorweggenommen. Die Wissenschaft, auch die Medizin, habe am damals üblichen „wissenschaftlichen Rassismus“ teilgehabt. „Mit diesem Schritt stellen wir uns einem unrühmlichen Kapitel deutscher Wissenschaftsgeschichte“, sagte Einhäupl. Die Charité ist nach eigenen Angaben die erste deutsche wissenschaftliche Einrichtung, die menschliche Überreste zurückgibt.

Die Rückführung der Schädel

Um die Rückgabe der Schädel hatte es am Freitag diplomatische Verstimmungen gegeben. Die Bundesregierung „ignoriert uns vollständig“, sagte ein Mitglied des namibischen Parlaments, Katuutire Kaura. Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, wurde bei ihrer Rede mehrfach unterbrochen. Sie sprach von Versöhnung, nicht aber von Entschuldigung. Der namibische Kulturminister hatte darauf verzichtet, die Dokumente feierlich zu unterzeichnen.

Anlässlich „der Rückführung menschlicher Gebeine der Opfer deutscher Kolonialherrschaft über Namibia und seine Völker“, wie es in der Einladung des namibischen Botschafters in Deutschland hieß, fand tags zuvor ein Gedenkgottesdienst in der St. Matthäuskirche am Kulturforum statt. Die Botschaft blieb am Donnerstag und am Freitag geschlossen: So dokumentiert Namibia, wie ernst es diesen ersten Akt nimmt und für wie gewichtig sie ihn hält. Sie veröffentlichte zugleich auf ihrer Internetseite einen Aufsatz des ehemaligen namibischen Botschafters in Deutschland, Peter Katjavivi, der sich vor Jahren für die Rückführung der Schädel aus den medizinischen Sammlungen der Universitäten, etwa in Berlin und Freiburg, einsetzte. Die erste Lektion der Rückführung, so Katjavivi, sei, dass Namibia sich ehrlich seiner Geschichte stellen müsse, um Würde wiederzuerlangen und die Wunden der Vergangenheit heilen zu können. Als unabhängiger Staat könne Namibia den Schädeln ein „angemessenes Willkommen“ als den „gefallenen Pionieren des langen und bitteren Widerstands gegen die fremde Besatzung“ von Namibia bereiten.

7000 Schädel aus den verschiedenen Zeiten

Seit 2010 arbeitet die Charité an der Geschichte ihrer Sammlungen, „Human Remains Project“ heißt die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Studie, in der die großen anthropologische Schädel- und Skelettsammlungen untersucht werden sollen, die zum Teil in der Kolonialzeit zusammengetragen wurden. Die Charité besitzt allein 7000 Schädel aus den verschiedensten Zeiten und Regionen. Es sollen „verlässliche Informationen über die Herkunft und den Erwerbskontext der Sammlungsstücke zusammengetragen werden“, heißt es in der Beschreibung des Projekts, aber darüber hinaus soll die „Sammlungs- und Sammlergeschichte in ihrem wissenschafts- und kolonialhistorischen Kontext“ aufgearbeitet werden. Berlin und die Charité-Sammlungen sind der geeignete Ort für diese Untersuchung, weil hier Ende des 19. Jahrhunderts die Anthropologie als Wissenschaft entstand.

Bislang habe man über die eigenen Sammlungen nicht genug gewusst, um auch nur einigermaßen angemessen auf Restitutionsforderungen eingehen zu können, wie sie etwa 2008 aus Namibia kamen, aber auch aus Australien und Neuseeland vorliegen. Thomas Schnalke, der Direktor des Medizinhistorischen Museums, sagte bei der Vorstellung des Projekts in dieser Woche: „Die Wissenschaft und Forschung hat sich damit schuldig gemacht.“ Er bat dafür um Verzeihung.

„Rassenanatomische Untersuchungen“

Die nun eindeutig Namibia zugeordneten Schädel liegen seit mehr als 100 Jahren in Berlin. Sie gehören Opfern des Massenmordes an den Bewohnern des heutigen Namibia, früher Deutsch-Südwestafrika, die sich 1904 gegen die deutsche Kolonialherrschaft (1884 bis 1918) erhoben hatten. Die blutige Niederschlagung und die Verfolgung, Internierung und systematische Ermordung von Herero und Nama gelten als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts. Präparierte Schädel von Opfern dieser Verbrechen wurden nach Berlins ans Pathologische Institut und andere deutsche Universitäten geschickt, wo „rassenanatomische Untersuchungen“ an ihnen vorgenommen wurden.

Am Freitag wurden die Schädel von vier Frauen, 15 Männern und einem etwa dreijährigen Jungen übergeben. Elf von ihnen gehörten der Volksgruppe der Nama an, neun sind Herero; die Erwachsenen waren zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 20 und 40 Jahre alt. Zwar sind die Schädel beschriftet, doch beziehen sich die Nummern oder Inschriften möglicherweise auf Kataloge, nicht aber auf die Orte und die Umstände, unter denen der betreffende Mensch gestorben ist.

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