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Rote Hosen : Siegeszug nach Germanien

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Die entscheidende Frage: Was um alles in der Welt lässt sich mit einer roten Hose kombinieren? Bild: Kien Hoang Le

Ihre Wurzeln liegen eigentlich an der amerikanischen Ostküste und auf englischen Rasenflächen. Seit einiger Zeit fühlt sich die rote Hose aber auch in deutschen Fußgängerzonen überraschend zu Hause.

          Mickey Mouse trägt eine. Asterix sowieso, und auch Pinocchio kommt nicht ohne sie aus: die rote Hose. Zugestanden, diese kleine Liste ist nicht geeignet, um dem modebewussten Mann rote Beinkleider als dringend benötigte Anschaffung zu empfehlen. Und für viele deutsche Jeansträger ist die Vorstellung, eine rote Hose zu tragen, noch immer schockierend. Doch was sich vor zwei Jahren zunächst ganz zaghaft andeutete und im vergangenen Winter nur noch mit einiger Ignoranz zu übersehen war, drängt nun mit den ersten Sonnentagen machtvoll an die Frühlingsluft: Mann trägt rote Hose. Frau übrigens auch.

          Gleichgültig welche Altersklasse, ob Schüler oder Student von nebenan, ob Hipster vom Berliner Prenzlberg, Schwabinger Bonvivant, ob gentleman oder fashion victim im Brit-Look - die rote Hose macht in ihrem Siegeszug in diesem Jahr vor kaum einer sozialen Gruppe halt.

          Von Nuntucket nach Neuss: rote Hosen aus dem Sortiment deutscher Läden

          Dies ist umso bemerkenswerter, als der deutsche Durchschnittsmann, wenn er sich mutig mal etwas Farbiges gönnt, üblicherweise zu Tönen greift, die irgendwo zwischen einem verwegenen Graublau und einem pfiffigen Taubenblau changieren. Über des Deutschen Neigung zur Farbtristesse lässt sich lange philosophieren. Liegt es an der Düsternis der Wälder Germaniens? Am schlechten Wetter? An seinem schwermütigen Wesen? Oder an einem Mangel an Kultur, der Buntes und Urbanes als oberflächlich und dünkelhaft abtut? Provinzialität getarnt als Tiefsinnigkeit?

          Die deutsche Verachtung für alles Weltstädtische

          Ganz anders sieht die Sache in England aus. Dessen traditionelle Herrenmode ist vom Landadel geprägt. Der teilte die deutsche Verachtung für alles Weltstädtische noch nie - immerhin musste man nebenbei ein Weltreich regieren. Dass man es dort schon immer etwas farbenfroher liebte, liegt auch daran, dass wesentliche Elemente des englischen Gesellschaftslebens von Farben geprägt sind: die Jagd, das Polo-Spiel, die Farben der Privatschulen und Regimenter, die Jacketts der Yacht- und Ruderclubs.

          In den achtziger Jahren erlebte die englische Peer- und Gentry-Mode mit ihrer Neigung zur Farbigkeit schließlich ein erstaunliches Revival durch die sogenannten „Sloane Ranger“. Die „Sloanies“, benannt nach dem Londoner Sloane Square, waren in der Mehrheit Angehörige der Londoner Upper-Middle-Class-Jugend und holten neben hunting jackets, tweed und wellies auch bunte Cord- oder Moleskin-Hosen in die Großstadt. Interessanterweise ist der Sloane-Look nie ausgestorben. Im Gegenteil, er hat das, was heutzutage von Tokio bis Madrid als Brit-Look gilt, nachhaltig geprägt. Die allgegenwärtige Wachsjacke ist nur ein Zeugnis davon.

          Nur wer die Welt umsegelt hat, darf eine rote Hose tragen

          Doch der Trend zur roten Hose wurzelt nicht nur in der Tradition des englischen Landadels und deren ironischer Modifikation durch die Sloanies. Der zweite Impuls stammt aus Neuengland, mithin von der amerikanischen Ostküste: Ende der fünfziger Jahre begann sich bei den Studenten in Harvard, Princeton, Yale und anderen Ivy-League-Universitäten der Preppy-Look durchzusetzen. Seitdem gehören dazu neben Button-Down-Hemden, bunten Pullovern, Cardigans, farbenfrohen Socken und den unvermeidlichen Penny Loafers auch Nantucket Reds - Hosen in einem blassen Rot, die mit zunehmendem Alter ins Zartrosa wechseln. Diese werden von „Murray’s Toggery Shop“ auf Nantucket, einer Insel dreißig Meilen südlich vor Cape Cod, produziert.

          Ursprünglich gehörten solche roten Hosen zusammen mit einem blauen Blazer zum offiziellen Outfit des legendären „New York Yacht Club“, der mit dem Schoner „America“ im Jahr 1851 den ersten - später nach dem Siegerschiff benannten - America’s Cup gewann. Aus diesem Umfeld stammt wahrscheinlich auch die Legende, dass nur derjenige eine rote Hose tragen darf, der den Atlantik überquert hat - und zwar nicht an Bord eines Airbus, sondern eigenhändig per Segelschiff.

          „Look at my fucking red trousers!“ - in diesem Blog finden sich Anregungen zum modischen Gebrauch der roten Hose.

          Wer sich von solchen Einschüchterungsversuchen dennoch nicht abhalten lässt und nach der definitiven roten Hose für den Sommer sucht, ist mit einer Nantucket Red natürlich optimal und stilsicher bedient. Auch die roten Hosen der amerikanischen Marken Tommy Hilfiger und Ralph Lauren treten in deutschen Fußgängerzonen mit einem gewissen Ostküsten-Flair auf. Und die Modelle des britischen Hauses Jeremy Hackett, das eh schon eine Bastion des ewigen Sloanie-Looks ist, sind Verkaufsschlager, auch in Deutschland.

          Bleibt nur noch die Frage offen, wie und mit was um alles in der Welt sich rote Hosen einigermaßen sinnvoll kombinieren lassen. Der Blog „Look at my fucking red trousers!“ gibt Antworten. Dort sieht man, was gut und was gar nicht geht. Als Grundregeln könnten etwa gelten: niemals schwarze Schuhe, immer braune, und dazu ein grünes Jackett aus Tweedstoff oder den eben unvermeidlichen Blazer. Wenn die Socken auch noch in Kobaltblau oder in Senfgelb erstrahlen, gehört man schon zu den fortgeschrittenen Trägern roter Beinkleider - und sollte unbedingt ein Foto zur Veröffentlichung auf dem Blog einsenden. Samstags mit der roten Hose in der Fußgängerzone spazieren gehen kann schließlich jeder Sloanie.

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