02.03.2004 · Die Europäer starten am 26. Februar den Satelliten „Rosetta“, der auf auf einem Kometen landen soll. Das 770 Millionen Euro teure Vorhaben soll erklären helfen, wie das Sonnensystem und auf der Erde Leben entstand.
Erstmals in der Geschichte der Raumfahrt wollen die Europäer auf einem Kometen landen, der mit einer Geschwindigkeit von 135.000 Stundenkilometern durch das All rast. Am 26. Februar startet von der Bodenbasis Kourou in Französisch Guayana die „Rosetta“-Mission der europäischen Raumfahrtagentur Esa.
Das 770 Millionen Euro teure Vorhaben soll helfen zu erklären, wie das Sonnensystem entstand und auf der Erde Leben entstehen konnte. „“Rosetta“ ist eine der anspruchsvollsten Missionen, die je unternommen worden sind“, sagt David Southwood, wissenschaftlicher Direktor der Esa: „Niemand hat bisher ein ähnliches Vorhaben gewagt.“
Der Komet Tschurjumow-Gerasimenko
Ziel der rund drei Tonnen schweren Raumsonde, die von einer Ariane-5-Rakete in den Weltraum geschossen wird, ist der Komet Tschurjumow-Gerasimenko. In seinem Roman „Reise durch das Sonnensystem“ hat der französische Schriftsteller Jules Verne schon vor rund 130 Jahren die Landung auf einem Kometen beschrieben. Doch ein simples Hinübergleiten von der Erde zum Kometen, wie es die Romanhelden unter Führung des kauzigen Physikers Palmyrin Rosette erleben, wird es für „Rosetta“ nicht geben. Bis die Raumsonde den Kometen erreicht, werden mehr als zehn Jahre vergehen.
Um zu Tschurjumow-Gerasimenko zu gelangen, muß „Rosetta“ eine Strecke zurücklegen, die der Distanz zwischen Erde und Jupiter entspricht. Für diese Reise reicht selbst die Schubkraft einer Ariane 5 nicht aus. Daher muß die Sonde vier Mal durch Vorbeiflüge an Planeten zusätzlichen Schwung holen. Im Frühjahr 2014 ist es dann so weit. In einem Abstand von 675 Millionen Kilometer zur Sonne wird das Raumschiff nach Angaben der Esa den Kometen erreichen. Anschließend soll die Sonde für rund sechs Monate Tschurjumow-Gerasimenko umkreisen und von allen Seiten fotografieren.
Spezialkameras und Spektrometer sollen Aufschluß über Dichte, chemische Zusammensetzung und Temperatur des Kometen geben. Im November 2014 wird „Rosetta“ dann aus einer Höhe von einem Kilometer den kompakten Landeroboter „Philae“ abwerfen. Den Namen des Geräts hatte die Esa von europäischen Jugendlichen in einem Wettbewerb vorschlagen lassen und sich am 5. Februar für den namen entschieden. (siehe: Das Landegerät der Rosetta-Mission sucht einen Namen)
Philae ist eine Insel im Nil, auf der ein Obelisk mit zweisprachigen Inschriften gefunden wurde, darunter die Namen von Kleopatra und Ptolemäus in Hieroglyphenschrift. Diese Entdeckung gab dem französischen Historiker Jean-François Champollion die letzten Hinweise, die er zur Entschlüsselung der Hieroglyphen auf dem Stein von Rosetta und damit zur Lüftung der Geheimnisse des antiken Ägyptens benötigte. So wie der Obelisk Philae und der Stein von Rosetta tiefgehende Einblicke in eine vergangene Zivilisation ermöglicht haben, sollen das Landegerät Philae und der Rosetta-Orbiter nun dazu beitragen, die Rätsel um die ältesten Bausteine unseres Sonnensystems, die Kometen, zu lösen.
„Im Tiefkühlschrank des Sonnensystems“
Wie Manfred Warhaut, Chef der „Rosetta“-Mission bei der Esa in Darmstadt berichtet, hat der Komet lediglich einen Durchmesser von zwei bis zweieinhalb Kilometer. Entsprechend gering ist die Anziehungskraft von Tschurjumow-Gerasimenko. Um zu vermeiden, daß der Landeroboter nach dem Aufsetzen direkt wieder herunter fällt, wird eine Harpune in den Boden geschossen. Die Landeeinheit soll anschließend Bohrungen vornehmen, Bodenproben nehmen und diese analysieren. „Wir betreten mit dieser Mission Neuland, denn es gab noch nie eine Begegnung mit einem Kometen, bei der ein Satellit länger bei seinem Untersuchungsobjekt verweilte“, erklärt Gerhard Schwehm, leitender Wissenschaftler des Rosetta-Projekts.
„Rosetta“ ist eine drei Tonnen schwere, rund drei Meter hohe kastenförmige Sonde mit zwei 14 Meter langen Solarzellenauslegern. Die Sonde besteht aus einem Orbiter und einem Landegerät. Das Landegerät hat einen Durchmesser von rund einem Meter und ist 80 Zentimetern hoch. Während der Reise zum Kometen Tschurjumow-Gerasimenko ist es seitlich am „Rosetta“-Orbiter befestigt. „Rosetta“ führt insgesamt 21 Instrumente mit, davon zehn auf dem Landegerät. Sie bleiben während des zehnjährigen Anflugs fast ständig abgeschaltet.
Kometen aus dem „Tiefkühlschrank des Sonnensystems“
Alle Kometen sind in den so genannten Oortschen Wolken entstanden, einer Zone am äußersten Rand unseres Sonnensystems, wie Warhaut erklärt: „Sie waren quasi im Tiefkühlschrank des Sonnensystems.“ Seit Entstehung des Sonnensystems vor etwa 4,6 Milliarden Jahren haben sich die Kometen kaum verändert. Die stoffliche Zusammensetzung eines Kometen kann der Wissenschaft daher Aufschluß geben über den Zustand des Sonnensystems, als es noch jung war. Zudem ist aus früheren Kometenmissionen bereits bekannt, daß Kometen Träger komplexer organischer Moleküle sind. Manche Wissenschaftler glauben, daß diese Stoffe über den Einschlag eines Kometen erstmals auf die Erde gelangt sind. Dies könnte eine Art Initialzündung für die Entstehung des Lebens gewesen sein.
Sollten sich die Hoffnungen der Esa-Forscher erfüllen, wird „Rosetta“ für eine weitere Premiere sorgen. Nach einem gemeinsamen Raumflug von rund 200 Millionen Kilometern werden Komet und Raumsonde voraussichtlich 2015 der Sonne so nahe kommen, daß sich der typische Kometenschweif entzündet. „Rosetta“ wird damit voraussichtlich das erste Raumfahrzeug sein, das die Bildung des Kometenschweifs aus nächster Nähe beobachten kann.
Ariane-Explosion sorgte für Verspätung
Ursprünglich sollte die Misison vor etwa einem Jahr starten; nach dem Fehlstart einer leistungsstärkeren Ausführung der Ariane-5 im Dezember 2002 wurde jedoch vorsichtshalber beschlossen, die Reise der Sonde zu verschieben. Wegen der Startverzögerung kann Rosetta ihren ursprünglichen Zielkometen Wirtanen nicht mehr anfliegen. (siehe Milliardenflop: Rosetta-Kometenmission endgültig gescheitert)
Die Mission Rosetta wurde 1993 beschlossen. Die Raumsonde wurde von Astrium Deutschland als Hauptauftragnehmer unter Beteiligung von über 50 Auftragnehmern aus 14 europäischen Ländern, Kanada und den Vereinigten Staaten - darunter Astrium UK (Plattform der Sonde), Astrium Frankreich (Avionik) und Alenia Spazio (Zusammenbau, Integration und Erprobung) - gebaut.
Die Sonde wurde nach dem berühmten Stein von Rosetta benannt, der vor nahezu 200 Jahren die Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen ermöglicht hat. In Anlehnung daran hoffen die Wissenschaftler, daß Rosetta helfen wird, die Geheimnisse des Sonnensystems zu enträtseln.