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Romantischer Brauch : Unser Schloss am Fluss

Schlösser an der Gitterwand vor dem Geländer der Götzenturmbrücke in Heilbronn Bild: dpa

Liebespaare in aller Welt bringen Schlösser an Brücken an, nicht nur zum Valentinstag. Über die Herkunft des Brauchs lassen sich viele hübsche Anekdoten erzählen - doch niemand weiß so ganz genau, woher er eigentlich kommt.

          Als Zeichen ihrer Liebe haben Steffen und Shanita ihre Namen in ein Vorhängeschloss mit dickem Bügel geritzt, darunter durchbohrt ein spitzer Pfeil zwei kleine Herzen. „Früchtchen & Frechdax forever“ steht in schwarzer Krakelschrift auf einem Schloss, das gleich daneben an das Geländer des Eisernen Stegs in Frankfurt gekettet wurde. Mehr als 90 metallene Liebesschwüre hängen an der Brücke. Sie sind Spuren eines neuen Brauchs, der sich rund um den Globus breit macht – und von dem niemand so genau weiß, woher er eigentlich kommt.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Auf dem Ponte Milvio in Rom, auf Brücken in Riga, Kaliningrad, St. Petersburg und über chinesischen Bergschluchten bringen Paare Vorhängeschlösser an. Seit einiger Zeit ist es auch in Deutschland so weit: Die Hohenzollernbrücke in Köln, der Eiserne Steg in Frankfurt, die Teerhofbrücke in Bremen, der Hiddo-Steg in Hitzacker und die Götzenturmbrücke in Heilbronn zeugen von der Verbreitung des romantischen Brauchs. In Zeiten von Umweltschutz und Verstädterung scheint das Schloss an die Stelle des in die Baumrinde geritzten Herzens zu treten – als einbruchsicherer Liebes- und Treueschwur. „Die Schlösser repräsentieren die Sehnsucht nach der einzigen und wahren Liebe“, sagt Dagmar Hänel vom Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landschaftsverbands Rheinland. Die Kulturwissenschaftlerin hat das Liebesritual in Köln erforscht. Mehr als 40.000 Schlösser, so schätzt sie, hängen dort an der Eisenbahnbrücke zwischen dem Hauptbahnhof und Deutz.

          Eine „nicht sehr subtile“ erotische Komponente

          Das Schloss sei ein sehr altes Symbol für die Liebe, sagt Hänel. Ursprünglich habe der Schlüssel für die Macht des Mannes über seine Frau gestanden. Mittlerweile symbolisiere er eher die Ausschließlichkeit einer Beziehung: Ein Schlüssel passe genau in ein Schloss. Zudem habe die Symbolik auch eine „nicht sehr subtile“ erotische Komponente.

          In Zeiten von Umweltschutz scheint das Schloss an die Stelle des in Baumrinde geritzten Herzens zu treten

          Wann und wo die ersten Liebesschlösser aufgehängt wurden, weiß auch Hänel nicht. Eine alte Tradition, wie Reiseführer immer wieder behaupteten, seien sie allerdings nicht. „Der Brauch taucht Ende des zwanzigsten Jahrhunderts an ganz verschiedenen Orten auf – entstanden ist er vermutlich in Italien oder im Baltikum.“ Möglicherweise hätten sich die Liebesschlösser aus einer norditalienischen Tradition entwickelt, wonach junge Männer nach dem Ende ihres Militärdienstes die Vorhängeschlösser ihrer Spinde an Brückengeländer anbringen und so ihre wieder gewonnene Freiheit demonstrieren. Für die vielen Schlösser an der Milvischen Brücke in Rom ist jedenfalls der Liebesschnulzen-Autor Federico Moccia verantwortlich. Er behauptet sogar von sich, den Brauch überhaupt erst erfunden zu haben. In seinem mittlerweile auch verfilmten Bestseller „Ho voglia di te“ („Ich steh auf dich“) aus dem Jahr 2006 schwören sich die beiden Jugendlichen Step und Gin auf der Brücke ewige Treue, schließen ein Schloss an die Laterne und versenken den Schlüssel in den Fluten des Tiber. Tausende liebestoller Italiener und Touristen haben es ihnen seither nachgemacht.

          Zuhause einen Ersatzschlüssel, sicherheitshalber

          An einigen Orten im Baltikum sind die Liebesschlösser zu einem festen Bestandteil des Hochzeitsrituals geworden: Aus der Kirche oder dem Standesamt geht es direkt zur nächsten Brücke. Älter als zwanzig Jahre sei der Brauch aber auch dort nicht, sagt Hänel. In China – vermutlich sei der Brauch von europäischen Touristen dorthin exportiert worden, sagt der Bonner Sinologe Wolfgang Kubin – hängen Paare ihre Vorhängeschlösser an Ketten oder Mauern auf den Wegen zu Bergklostern und werfen den Schlüssel hinunter in unwegsame Täler. Hänel sagt, der Brauch breite sich weltweit aus und passe sich dann je nach Ort an. Und das sei spannend: „Wir können nur sehr selten einen neuen Brauch beim Entstehen beobachten.“

          Auf der Eisenbahnbrücke in Köln tauchten die ersten Schlösser im Sommer 2008 auf. Über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde der Brauch dann, als die Deutsche Bahn ankündigte, die Schlösser entfernen zu lassen – und ihre Androhung nach einem Proteststurm der Romantiker wieder zurückzog. Die Stadt Frankfurt „duldet“ die Schlösser – jedenfalls bis Reparaturarbeiten anfallen. Noch kürzer dauert die Ewigkeit der Liebesschwüre an einer Fußgängerbrücke im historischen Wasserviertel in Lüneburg. Da die historischen Geländer laufen restauriert werden müssen, werden wohl auch die Schlösser entfernt.

          Und da müssen dann natürlich neue Schlösser her – worüber sich zum Beispiel die Filialen von Mister Minit freuen. Dass der Brauch sich ohnehin längst verselbständigt hat, erkennt man an der Kölner Brücke. Dort sind nicht mehr nur Schlösser von Liebespaaren zu finden, sondern auch Familien-, Freundes- und Touristengruppenschlösser. Selbst steigende Scheidungszahlen bleiben nicht außen vor. So sagte ein junger Mann, den Hänle auf der Kölner Brücke befragte, dass er den Schlüssel für das abgesperrte Liebesschloss zwar zusammen mit seiner Freundin für immer und ewig im Rhein versenkt habe. Zuhause habe er aber einen Ersatzschlüssel, sicherheitshalber.

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