http://www.faz.net/-gum-7n4rg

Rom als Filmkulisse : Die gar nicht so schöne Bellezza

So soll Rom sein? Szene aus dem Film „La Grande Bellezza“ – Jep Gambardella, gespielt von Toni Servillo (links), steht ausnahmsweise im Regen Bild: Foto Gianni Fiorito

Touristen suchen in Rom nach „La Grande Bellezza“, dem mit einem Oscar gekrönten Film. Die Römer selbst sind nicht begeistert. Für viele Krisengeplagte zeigt er die Ära Berlusconi.

          Es hat zu regnen aufgehört, und es ist kühl, als Fremdenführer Ewout Kieckens mit seinen zwei Tourgästen an der Fontana Paola ankommt. Das deutsche Ehepaar im Golfkart war noch nie in Rom, aber es kennt diesen barocken Brunnen auf dem Gianicolo schon und erinnert sich an den Blick auf die Ewige Stadt unten am Tiber - denn es hat im Kino „La Grande Bellezza“ (Die große Schönheit) gesehen, den Film, der am Sonntag als bester ausländischer Film in Hollywood einen Oscar bekommen hat. An diesem kühlen Tag in Rom ist das Paar mit der Hilfe von Ewout Kieckens auf den Spuren der Spielorte.

          Jörg Bremer

          Politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

          Auf dem Gianicolo-Hügel beginnt die Produktion von Regisseur und Drehbuchautor Paolo Sorrentino. Ins Bild kommt eine Busladung Japaner, die in der Gluthitze des Sommers Fotos von der Stadt machen. Einer der Touristen verliert seine Sinne, fällt bewusstlos hin und bleibt liegen. Ein elegischer Chor engelhafter Frauen im Brunnenhaus nimmt davon keine Notiz, sondern intoniert weiter teilnahmslos seine Oden. So ist Rom in diesem Film: heiß, unbeteiligt, mondän, schön - und dekadent.

          In „La Grande Bellezza“ sucht der gerade 60 Jahre alt gewordene Jep Gambardella, von Toni Servillo gespielt, meist mit einer Zigarette im Mund die Orte seines gelangweilten Luxuslebens auf. Für die Römer ist das abstoßend hohl. Dieser Jep mit dem gut gebügelten Hemd sucht jede Nacht seichte Unterhaltung, Tanz und heiße Rhythmen, um seine Langeweile und Schlaflosigkeit zu betäuben.

          Viele Römer fragen sich, wie Sorrentino die Schönheit der Stadt am frühen Morgen oder bei untergehender Sonne und seine Pracht bei Fackelschein so dekadent für belanglose Konversationen missbrauchen kann. Die Bewohner der Stadt ärgern sich zum Beispiel über das gräfliche Filmpaar, das sich in Armut für Geld zum Dinner bei Gambardella einladen lässt. Über den seichten Smalltalk mit einem greisen Kardinal, der sich hofieren lässt. Und über die „heilige Mutter“ Nonne, die zwar noch lebt, aber schon wie eine Mumie erscheint, nur Gemüse isst und auf dem nackten Boden schläft.

          Reich sein ist eine gute Arbeit

          Für viele Römer, die unter der gegenwärtigen Krise leiden, zeigt der Film die Ära Silvio Berlusconi, an die man nicht mehr erinnert werden will, den moralischen Bankrott. Heute wären Leute wie Jep Gambardella, der nur ein gutes Buch schrieb und sonst für das Schreiben zu faul ist, arbeitslos und arm.

          Die Ausländer sähen das anders, sagt Fremdenführer Kieckens, ein Historiker und Journalist aus den Niederlanden. Für sie sei Rom nur ein Touristentraum, eine Filmkulisse ohne Bewohner. Das sei 1960 mit Federico Fellinis Film „La dolce vita“ (Das süße Leben) so gewesen und heute mit „La Grande Bellezza“.

          „Die große Schönheit“ bezieht sich auch auf den großen Vorgänger. Die alte Schwarzweißproduktion scheint die unschuldige Jugend von Jep zu zeigen, der noch hoffnungsvoll ist, weder abgebrüht noch verbraucht. In „Bellezza“ ist dann die Süße der jugendlichen Vita einer Bitterkeit des Alters gewichen.

          Seine Gäste erlebten bei ihrem Rom-Besuch den Film nach, sagt Kieckens. „Plötzlich sehen sie den Gianicolo-Brunnen und seine Umgebung oder die ganze Piazza Navona mit dem Palazzo Pamphilj.“ Jep begleitet nach einem der alltäglichen Fest Orietta heim, die in diesem Palast lebt, zu dem auch die Kirche Sant’Agnese in Agone gehört, die jetzt beim Konsistorium dem Präfekten der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Kardinal Müller als Titelkirche zugesprochen wurde.

          Im Film liegt ein dunkler Schatten auf der Kirche und dem Palast im Herzen der Altstadt. „Hier wohne ich“, sagt Orietta, und Jep erwidert süffisant: „Vollkommen an der Peripherie.“ Schweigen. Immerhin haben sie eine Nacht lang getanzt und geflirtet. Aber erst jetzt fragt Jep: „Was machen Sie so?“ Sie antwortet: „Reich sein.“ Er hält das für „eine gute Arbeit“.

          Harry’s Bar hat immer geöffnet

          Kieckens kann beim Brunnen auf dem Gianicolo von der Familie Borghese aus Siena erzählen. Paul V. Borghese (Papst von 1605 bis 1621) baute an der Wende von der Renaissance zum Barock die Fontana, und auf der Fassade von Sankt Peter ließ er sich verewigen. Auf der Piazza Navona spricht der Niederländer über die Pamphilj-Familie aus Gubbio, die mit Papst Innozenz X. (1644 bis 1655) unermesslich reich wurde. Der Papst beschäftigte die verfeindeten barocken Baumeister Francesco Borromini und Gian Lorenzo Bernini, die Platz und Palast bauten.

          Die Tour führt zum Malteser-Priorat auf den Aventin, zu den Caracalla-Thermen, wo im Film eine Giraffe den Blick auf sich lenkt. „Wer den Film kennt, erobert Rom nun durch die Augen des Kinobesuchers für sich selbst und vertieft seine Eindrücke“, sagt Kieckens. „Aber die Römer selbst bleiben außen vor.“

          Im Übrigen gebe es stets auch Enttäuschungen. In Oriettas Wohnung kommt man nicht. Und natürlich wohnt sie auch nicht im Palazzo Pamphilj, der brasilianischen Botschaft, die übrigens nach dem Zweiten Weltkrieg den Westdeutschen angeboten worden war, die diesen Prunkbau aber bescheiden ablehnten.

          Die Terrasse, wo Jep seine Soireen mit Blick aufs Kolosseum feiert, ist geschlossen. Die größeren Tanzfeste finden dort ohnehin nicht statt, sondern auf dem Dach einer Versicherung bei der Via Veneto, die ihre Dachterrasse seit den Dreharbeiten aber auch nicht mehr für jeden zugänglich macht. Aber „Harry’s Bar“ an der Via Veneto ist offen, in Fellinis Film, bei Sorrentino und in den Führungen von Kieckens. Dort kann sich das deutsche Paar wie im Film fühlen.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wunderkind : Der Überflieger in Berlins Start-up-Szene

          Abitur mit 12, Studium mit 15, dazu zwei Doktortitel: Der Georgier Tamaz Georgadze ist ein Ausnahmetalent – und sammelt Milliarden von deutschen Sparern ein.

          Zukunft der Kanzlerin : Die zweite CDU-Reihe macht gegen Merkel mobil

          In der Union regt sich Widerstand gegen die Kanzlerin: Ein Ministerpräsident will über mögliche Merkel-Nachfolger debattieren, ein Innenminister erklärt die mögliche Jamaika-Koalition zum Sicherheitsrisiko. CDU-Generalsekretär Tauber versucht zu schlichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.