01.04.2004 · Im Schutz der Konfliktscheu seines Umfeldes konnte Robert Steinhäuser das Massaker unbehelligt vorbereiten. Seine Freunde schildern ihn als "ganz normal".
Von Claus Peter Müller, ErfurtWer war Robert Steinhäuser, der junge Mann, der am 26. April 2002 im Erfurter Gutenberggymnasium sechzehn Personen erschoß, bevor er sich selbst richtete? Die Frage bleibt wohl für immer ohne abschließende Antwort. Doch Fragmente fügen sich immerhin zu einem unscharfen Bild. Steinhäuser überschätzte sich, und seine Familie überschätzte ihn. Leistungsanfoderungen war er nicht gewachsen, oder er wich ihnen aus. Sein Schulversagen erstreckte sich über Jahre. Doch offenbar zogen weder die Eltern noch der Schüler Konsequenzen.
Dem Jungen wäre mit einem Besuch der Regelschule, der Thüringer Variante einer Gesamtschule aus Haupt- und Realschulzweig, sicher geholfen gewesen. Dort hätte er die Chance auf Erfolge gehabt. Aber so wird er sein Versagen als ungerechtfertigte Demütigung empfunden haben.
Im Schutz der Konfliktscheu seines Umfeldes
Den Freunden, die er durchaus hatte, sagte er, seine Familie habe zwei Mietshäuser. Er werde eines erben. Sein Taschengeld war nicht zu knapp bemessen. Die Familie lebt seit Generationen in einem stattlichen Haus in Erfurt. Steinhäusers Vater ist Ingenieur, die Mutter Krankenschwester. Daß Robert Steinhäuser vom Massaker von Littleton fasziniert war, daß er blutdurchtränkte Phantasien pflegte, daß er in furchtbaren Computerspielen seinen Tötungstrieb trainierte, daß er Waffen besaß, darunter eine Pumpgun, die er regelrecht aufrüstete, war seinen Freunden bekannt. Auch auf den Abbruch seiner Schullaufbahn hatte es genügend Hinweise gegeben.
Diese Mosaiksteine haben die Ermittlungen in den vergangenen zwei Jahren zutage gefördert. Rückblickend betrachtet, hätte es nicht zu der Tat kommen müssen, wenn Steinhäusers Umfeld, die Freunde und die Familie, aber auch der Waffenhändler etwas mehr Courage gezeigt und vielleicht auch mit Hilfe eines Dritten das Gespräch gesucht hätten. Im Schutz der Konfliktscheu seines Umfeldes konnte der Schulversager, der sich selbst überschätzte, seine Tat vorbereiten, mit der er sich ein Denkmal setzen wollte.
Ruhm des Attentäters von Littleton übertreffen
Daß es um Steinhäusers schulische Leistungen nicht zum besten stand, blieb keinem verborgen. Anfang 1999 meldete sich der Gymnasiast zur Prüfung an, die ihm zum Realschulabschluß verhelfen sollte. In Thüringen wird keinem Schüler ein Abschluß geschenkt. Jede Schullaufbahn endet mit einer Prüfung. Wer sich im Gymnasium gerade so bis zur Klasse 10 durchlaviert hat, erhält nicht die mittlere Reife. Im April 1999 kam es zum Massaker in Littleton, wofür sich Steinhäuser interessierte. Jedenfalls wurde der Computer seines Vaters, wie man später feststellt, für eine Internetrecherche zu diesem Thema genutzt.
Steinhäuser fand das Massaker in Amerika "gut", habe die Aufnahme, die einen blutenden Schüler beim Sturz aus dem Fenster zeigte, als anregend und abstoßend zugleich empfunden. Er wollte den Ruhm des Attentäters von Littleton noch übertreffen. Von Anerkennung in Steinhäusers Alltag kann indes keine Rede sein. Im Sommer 1999 brach er seine Realschulprüfung ab. Nachdem er sich in Deutsch eine Vier, in Mathe eine Sechs und in Englisch eine Fünf erarbeitet hatte, gab er mal wieder auf. Zur letzten Prüfung ging er nicht.
"Dich erledige ich."
Im Herbst begann für Steinhäuser die Oberstufenzeit. Er kam trotz miserabler Leistungen in die elfte Klasse. Chemie im Grundkurs schmeckte ihm nicht. Er wechselte zu Informatik, weil es ihm einfacher erschien; aber Informatik ist angewandte Mathematik. Steinhäuser fehlte der Maßstab. Auf einer Klassenfahrt im Frühjahr 2000 traf ihn der Lehrer Hans Lippe an mit Havanna im Mundwinkel, Whiskey in der Hand und Stetson auf dem Kopf. Alkohol und Tabak waren verboten. Der Schulversager trat dem Lehrer entgegen, formte eine Hand zur Waffe und schoß - spielerisch - aus der Hüfte auf den Lehrer und sagte: "Dich erledige ich." Zwei Jahre später machte Steinhäuser die Ankündigung wahr.
Das Lernen führte nicht zum Erfolg. Im Zeugnis stand am Ende der elften Klasse im Sommer 2000 fünfmal eine Fünf und zweimal eine Sechs. Informatik: "ungenügend". Die Schule beriet Robert und seine Mutter. Im Protokoll des Gesprächs heißt es: "Nachweis einer über sechsjährigen Minderleistung ohne Konsequenzen der Eltern." Die Wiederholung der Klasse elf, so wurde Mutter und Sohn erläutert, sei keine Garantie für einen Schulabschluß.
Filmprojekt: "Retaliation“
Steinhäuser fehlte unentschuldigt. Lehrer Rainer Heise meldet es den Eltern. Im Herbst 2000 begann Steinhäuser die elfte Klasse von neuem, und er trat in den Schützenverein "Domblick" ein. Die Eltern sollen dagegen gewesen sein, stimmten aber letztlich zu. Bald, als Volljähriger, konnte er ohnehin tun und lassen, was er wollte. Steinhäuser trainierte am Schießplatz. Die Schule interessierte ihn nicht mehr. Drei Fünfen zeigt das Halbjahreszeugnis im Februar 2001. Die Schule ermahnte den inzwischen volljährigen Schüler. Er hatte abermals unentschuldigt gefehlt.
Steinhäuser beteiligte sich in der Schule an einem Filmprojekt: "Retaliation" (Vergeltung). Steinhäuser und ein Freund arbeiteten am Drehbuch. Beide hatten Ideen, doch der Freund stets die besseren. Blut dominierte den Text. Der Film selbst geriet dagegen harmlos. Eine echte Waffe kam zum Einsatz. Auf Vermittlung Steinhäusers wurde die Szene auf seinem Schießplatz gedreht. Spätestens jetzt wußten alle: Steinhäuser schießt. Im Juni 2001 bescheinigte der Thüringer Schützenbund, daß Steinhäuser über die Sachkunde verfüge, eine Waffenbesitzkarte zu erwerben. Im Schulzeugnis stehen fünf Fünfen, auf der "Bedürfniserklärung" für die Waffenbesitzkarte eine "Sportpistole 9 mm" und eine "Flinte 12/70", obwohl Steinhäuser das Sportschießen mit der Flinte weder versucht noch betrieben hatte.
Drei unterschiedliche Geschichten über seine Schulkarriere
Er trat aus dem Handballverein aus, weil der sein unentschuldigtes Fehlen mit Geldbußen ahndete. Auch in der Schule fehlte er wieder unentschuldigt. Dreist fälschte er ein ärztliches Attest. Der Schulleiterin Christiane Alt entging das nicht. Sie fragte bei der Ärztin nach und stellte Steinhäuser zur Rede. Am 4. Oktober kamen die Schulleiterin, vier weitere Lehrer, der Klassensprecher und Robert Steinhäuser zu einer Unterredung zusammen. Christiane Alt sagte Steinhäuser, daß seine Zeit am Gutenberggymnasium zu Ende sei.
Sie vermittelte ihm einen Kontakt zum Schulamt, damit er an eine andere Schule wechseln konnte. Am Tag darauf erhielt Steinhäuser den Rauswurf schriftlich. Es ist kein förmlicher Bescheid. Das Angebot von Lehrern, mit seinen Eltern zu sprechen, lehnte Steinhäuser ab. Von nun an besuchte er keine Schule mehr, führte Freunde und die Familie hinters Licht. Bis zum Attentat am 26. April 2002 tischte Steinhäuser seinen Freunden und seinem Bruder drei unterschiedliche Geschichten über seine weitere Schulkarriere auf, ohne daß einer Verdacht geschöpft hätte.
Kein Mißtrauen beim Betreiber des Waffengeschäfts
Steinhäusers Girokonto war gut gefüllt. Monatlich erhielt er 120 Mark Taschengeld und weitere Zuwendungen von Eltern und Großeltern. Damit konnte er aufrüsten. Am 16. Oktober 2001 stellte die Stadt Erfurt die Waffenbesitzkarte aus: "Wenn der Inhaber der Karte keinem Schießsportverein mehr angehört oder nicht mehr an Schießübungen teilnimmt, wird die Erlaubnis widerrufen." Auf der Karte wurden Pistole und Pumpgun eingetragen, doch Steinhäuser meldete den Erwerb der Waffen nicht - wie vorgeschrieben - beim Ordnungsamt.
Der Verkäufer der Pistole meldete den Verkauf, aber das Ordnungsamt fragte bei Steinhäuser nicht nach, warum er den Erwerb nicht melde. Die Betreiber des Waffengeschäfts, bei dem Steinhäuser nach und nach die Flinte so aufrüstete, bis sie der Tötungsmaschine seines möglichen Idols - Odessa James aus dem Mendez-Film "Killers" - gleicht, werden offenbar nicht mißtrauisch.
Eine Reisetasche, die mit einem Schloß gesichert war
Weihnachten 2001 legte Steinhäuser ein gefälschtes Halbjahreszeugnis der Klasse 12 vor. Der Vater und der ältere Bruder, der die Schule ohne Schwierigkeiten absolviert, fanden darauf Punkte, die den Noten zwei bis vier entsprechen. Sie glaubten, daß Robert es schaffen könnte. Zu Weihnachten schenkte die Mutter ihrem Sohn Robert auf dessen Wunsch ein Buch über Usama Bin Ladin und die Taliban. Etwa zu dieser Zeit bewahrte er die Waffen schon zu Hause auf und zeigte sie einem Freund. Der erzählte anderen davon. Mehr als ein halbes Dutzend Personen wußte nun davon.
Auf dem Computer des Vaters wurde im Januar 2002 ein Dokument eingerichtet, in dem die Wirkung gewaltverherrlichender Computerspiele geleugnet wird. Unterdessen hat der ältere Bruder den jüngeren wegen der Schule zur Rede gestellt. Robert sagte, er gehe nun zur Königin-Luise-Schule. Der ältere solle es aber bitte den Eltern nicht erzählen - was der auch nicht tut. Steinhäuser zahlte keine Mitgliedsbeiträge mehr an seinen Schützenverein. Der Verein strich ihn - wohl Anfang April 2002 - aus der Mitgliederliste. Zu dieser Zeit traf Steinhäuser einen Freund in der Stadt. Dieser fragt Steinhäuser nach dem Schulverweis. Steinhäuser sagte, er habe eine neue Schule gefunden. Der Freund nahm an, es sei die Albert-Schweitzer-Schule.
Etwa eine Woche vor der Tat stieß Roberts Mutter im Zimmer ihres Sohnes an eine Reisetasche, die mit einem Schloß gesichert war. Robert wollte die Tasche nicht öffnen. Später erfuhr die Mutter, daß ihr Sohn darin Munition gehortet hatte. Die Freunde, die als letzte vor der Tat mit Steinhäuser Kontakt hatten, schilderten ihn als "ganz normal".
Er sagte, er habe noch eine Stunde Zeit
Von einem Freund erfuhr er, daß dieser am Freitag, dem 26. April, in der Aula des Gutenberggymnasiums eine Abiturarbeit schreiben werde. Diesen Raum wird Steinhäuser später auslassen. Am Abend vor der Tat traf Steinhäuser einen weiteren Freund. Sie schauten sich die "Simpsons" im Fernsehen an, tranken danach Bier im Park. Gegen 22.30 Uhr ging Steinhäuser nach Hause, weil er am nächsten Tag eine Prüfung abzulegen habe. Dann begann der Tag, an dem Steinhäusers Lügengebäude zusammengebrochen wäre.
Am Morgen des 26. April weckte ihn die Mutter um acht Uhr, er sagte, er habe noch eine Stunde Zeit. Steinhäuser frühstückte, erzählte, daß er heute Englisch schreibe. Die letzte Stunde seines Lebens im Elternhaus spielte Steinhäuser "Quake", ein Ballerspiel noch unter dem Niveau von "Counterstrike", in dem ein Schütze durch ein Gebäude rast und auf alles schießt, was sich bewegt. Werden Lebende oder Tote getroffen, lösen sie sich im Kugelhagel auf, zerberstende Körperteile spritzen umher. Es ist ein schnelles, lautes Spiel, das auch mit dem Tod des Spielers enden kann. Dann zerfetzt es ihn.
Claus Peter Müller Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Nordhessen und Thüringen mit Sitz in Kassel.
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