23.02.2004 · Nicht an den kaum bekleideten Tänzern stört sich die katholische Kirche in Brasilien. Die Darstellung sich liebender Paare auf den Festwagen führte beim berühmten Umzug in Rio de Janeiro zu einem Eklat.
Viel nackte Haut und eine heftige Diskussion um Zensur und „gute Sitten“: Der Auftakt der weltberühmten zweitägigen Karnevalparade am Montag in Rio de Janeiro hätte bunter nicht sein können.
Anders als im Vorjahr war blanker Busen wieder ein Markenzeichen der „größten Party der Welt“ in Brasilien. Einige Frauen waren sogar nur mit Farbe „bekleidet“. „Das war trotz Nieselregens Ausgelassenheit pur“, jubelte die Zeitung „Jornal do Brasil“.
Straßen Rios leergefegt
Kaum jemand brachte den Geist der „tollen Tage“ in Brasilien besser zum Ausdruck als die 84jährige Dodó: „Ich werde tanzen und defilieren bis ich sterbe. Karneval ist ein Nationalfest und läßt uns unsere Sorge vergessen.“ Die schwarze Putzfrau hatte als „Trommelschlagchefin“ der Karnevalsgruppe „Portela“ gerade den ersten Umzugstag nach Tagesanbruch abgeschlossen. Hunderte von Zuschauern schliefen unterdessen ihren Rausch auf den Tribünen des vor 20 Jahren von Stararchitekt Oscar Niemeyer gebauten Sambastadions „Sambodromo“ aus.
Die Parade verfolgten 70.000 im Sambastadion und Millionen vor TV-Schirmen zu Hause, in Kneipen und Vereinen. Die Straßen Rios und anderer Städte waren leergefegt. Zu heißen Rhythmen und mit sehr viel Farbe, Kreativität und tollen Allegoriewagen zeigten die ersten 7 von 14 Samba-Schulen ihr Können. Jede Schule präsentierte sich mit bis zu 5.000 Mitgliedern - darunter vorwiegend Slumbewohner, aber auch Sport- und Show-Stars, Politiker und Touristen wie Chemienobelpreisträger Roald Hoffmann - knapp eineinhalb Stunden lang. Die prächtigen Kostüme sind bis zu 20.000 Euro teuer und bis zu 25 Kilogramm schwer.
„Unanständig und inakzeptabel“
Es gab aber auch Wermutstropfen. Die Justiz verbot den Auftritt von drei Allegoriewagen. Zankapfel waren riesengroße Gipspuppen, mit denen 64 Stellungen der indischen Liebeskunst Kama Sutra sowie der Liebesakt von Adam und Eva nachgestellt wurden. Als „unanständig und inakzeptabel“ hatte auch Rios Erzbischof Eusebio Scheid die Figuren kritisiert. Der zuständige Karnevalkünstler Joaosinho Trinta zog die Wagen aber nicht zurück, sondern verdeckte die Figuren mit Plastikdecken. Auf einigen war riesengroß das Wort „Zensur“ zu lesen.
Von Künstlern, Politikern und Medien kam prompt heftige Kritik. Und sogar ein örtlicher UN-Vertreter erklärte sich mit Trinta solidarisch. Während andere Samba-Schulen - die für den Umzug jeweils bis zu 1,5 Millionen Euro ausgaben - Sozialkritik, Wissenschaft, den Amazonas-Urwald oder Persönlichkeiten zu Themen ihrer Umzüge machten, hob „Grande Rio“ unter dem Motto „Laß uns das Hemdchen anziehen, mein Liebchen“ die Bedeutung des Kondoms - auch für den Anti-Aids-Kampf - hervor.
Elf Millionen Kondome verteilt
Sex ist beim Karneval in Brasilien ohnehin stets das Hauptthema. Es heißt, daß es während der „tollen Tage“ keine festen Paare gibt. Die Regierung verteilte elf Millionen Kondome kostenlos. Bereits im vergangenen Jahr war die Zügellosigkeit aber etwas eingedämmt worden: Viele Städte verboten den „erzwungenen Kuß“. Männer durften bis dahin zu Karneval Frauen auch ohne deren Einverständnis küssen. Und die Polizei war ständig unterwegs, um Kindesmißbrauch zu verhindern.
Nach Angaben der Tourismusbehörde Riotur kamen zum diesjährigen Karneval 410.000 Besucher in die Zuckerhutstadt. Das ist ein neuer Rekord. Hunderttausende Touristen besuchen auch den Nordosten Brasiliens, wo der Straßenkarneval - anders als in Rio - der Höhepunkt ist. In Salvador und Recife feierten am Wochenende insgesamt jeweils fast zwei Millionen Menschen ausgelassen auf den Straßen.