Sie war der Star der Bundesgartenschau in Koblenz und der Stolz einer ganzen Region: die Seilbahn, die vom Deutschen Eck über den Rhein zur Festung Ehrenbreitstein führt und eigens für die Schau errichtet wurde. Nach heftigen Widerständen von Denkmalschützern und Bürgerverbänden, die um den Status des Mittelrheintals als Welterbe bangten und ein Millionengrab befürchteten, übertraf sie während der Schau mit mehr als drei Millionen Fahrgästen alle Erwartungen.
Eine Attraktion war geboren, die sogar die Skeptiker überzeugte. Denn die Stadt hatte einen cleveren Handel abgeschlossen: Um den Welterbe-Status nicht zu gefährden, sollte die Bahn nicht dauerhaft über den Rhein führen, sondern nur bis Ende Oktober 2013. Auch würde sie nicht von der Stadt betrieben, deren Haushalt notorisch klamm ist, sondern vom österreichischen Unternehmen Doppelmayr, das die Bahn auf- und abbauen und auch die Betriebskosten übernehmen würde. Ein Seilbahn-Leasing ohne Risiko, wenn man so will, und ein Coup, für den man sich in der Stadtverwaltung auf die Schenkel schlug.
Mittlerweile ist die Bundesgartenschau (Buga) längst Geschichte. Doch die Bahn, finden viele Koblenzer, soll bleiben. Nicht nur die Bürgerinitiative „Pro Seilbahn“ meint, sie sei ein touristisches Kleinod, das um jeden Preis bewahrt werden müsse. Allein die Festung Ehrenbreitstein rechnet in diesem Jahr dank der Bahn mit vier bis fünf Mal so vielen Besuchern wie früher.
In der Stadtverwaltung sieht man die Dinge naturgemäß nüchterner. Zwar gibt es auch dort viele Seilbahn-Fans, doch mindestens ebenso viele Bedenken. Doppelmayr die Bahn einfach abzukaufen und selbst weiter zu betreiben? Wohl viel zu teuer für eine Stadt, die trotz schöner Buga-Einnahmen noch immer hoch verschuldet ist. Ein Weiterbetrieb des „Leasing“-Modells? Unsicher, weil bis zuletzt im Dunkeln lag, ob die Seilbahn abseits der Bundesgartenschau überhaupt rentabel zu betreiben ist. Die Besucherzahlen erhebt ausschließlich Doppelmayr. Selbst dem Koblenzer Oberbürgermeister Joachim Hofmann-Göttig liegen nur Schätzungen „für den Privatgebrauch“ vor.
Weiterbetrieb bis 2015 - oder sogar noch länger?
Trotzdem begann die Stadt im Frühjahr, mit dem Unternehmen über eine Verlängerung des Betriebs bis 2015 zu verhandeln – offenbar mit Erfolg: In einer Stadtratssitzung, in der vorsorglich die Änderung des Flächennutzungs- und Bebauungsplans für einen möglichen Dauerbetrieb der Seilbahn beschlossen wurde, sagte Hofmann-Göttig in der vorletzten Woche, das Unternehmen sei an einem weiteren Betrieb der Bahn interessiert. Unter dem Beifall der Verordneten erklärte er weiter, er sehe gute Chancen, dass die Stadt sich mit Doppelmayr bald über den Wunsch nach einer Verlängerung einigen könne.
Ein Hoffnungsschimmer für alle Seilbahn-Anhänger! Schon träumt so mancher in Koblenz davon, das „Leasing-Modell“ nicht nur bis 2015, sondern möglicherweise noch viel länger weiterzuführen: keine Kosten für die Stadt, maximaler Effekt für den Tourismus – eine Win-Win-Situation ohne finanzielles Risiko. Auch Hofmann-Göttig ist von der Variante angetan: „Wenn der Betreiber weitermachen möchte, erübrigen sich alle anderen Optionen.“
Angst um Welterbe-Status
Doch bei Doppelmayr, wo man die „technische Lebensdauer“ der Bahn mit rund 20 Jahren berechnet, gibt man sich noch zugeknöpft. „Die Seilbahn gefällt uns sehr gut“, sagt Pressesprecher Ekkehard Assmann, „aber wie es weitergeht, müssen wir uns noch sehr genau anschauen.“ Von Verhandlungen mit der Stadt will er offiziell nichts wissen, auch Zahlen nennt er nicht. Dieses Thema werde man frühestens im November angehen, der „vielen offenen Fragen“ wegen.
Die drängendste dieser Fragen hat ausnahmsweise weniger mit Geld zu tun, sondern mit – Dresden. Dort wurde der Welterbe-Status aberkannt, weil die Stadt gegen alle Bedenken ihre Waldschlösschenbrücke durchzog. Auch die Koblenzer befürchten, dass ein Weiterbetrieb der Seilbahn das Aus für das Welterbe Oberes Mittelrheintal bedeuten könnte – mit erheblichen Folgen für Image und Tourismus. Dabei sind nicht einmal die Stahlkabel über den Rhein das Problem, sondern vor allem die Talstation: Sie liegt unmittelbar neben der Kastor-Basilika, der ältesten Kirche in Koblenz, die Teil des Welterbes und geschütztes Kulturgut ist – ein Nebeneinander, das viele Denkmalschützer nicht hinnehmen wollen.
„Wir sind nicht begeistert von der Bahn, auch wenn sie touristisch ein Erfolg ist“, gesteht Giulio Marano vom Deutschen Nationalkomitee des Internationalen Rates für Denkmalpflege (Icomos), der die Unesco bei der Welterbe-Einstufung berät. In den nächsten Monaten will sich Icomos vor Ort ein Bild der Lage machen. Von seinem Votum hängt ab, ob bei einer Verlängerung des Seilbahnbetriebs die Aberkennung des Welterbe-Status droht, was die Unesco aber nur bei „gravierenden Verstößen“ gegen die Auflagen praktiziere, wie Marano sagt. Trotzdem: Wie Icomos und nach ihr die internationale Welterbe-Kommission entscheiden, die im nächsten Sommer tagen will, ist offen. Auch wenn die Optimisten unter den Seilbahn-Anhängern darauf verweisen, dass die Unesco der Bahn bis 2014 auch zugestimmt habe und die Sache so tragisch deshalb nicht sein könne. Marano widerspricht: „Die Basilika ist historisch viel zu bedeutsam, als dass sie durch diese Talstation so beeinträchtigt werden darf.“
„Wie eine Kirmesbude“
Deutlichere Worte fand im Frühjahr der zweite Vorsitzende der Koblenzer Kreisgruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund), Egbert Bialk. Er kritisierte, neben der Basilika sehe die Talstation wie eine „Kirmesbude“ aus und ätzte, eines von beiden müsse schnellstens abgerissen werden. Der Bund will sich zur Not auch juristisch gegen den „geplanten Rechtsbruch“ wehren, sollte die Seilbahn nach 2013 weiter über den Rhein führen. Entsprechend hoch her ging es jüngst bei einer Sitzung des Landesdenkmalpflegebeirats, der im Genehmigungsverfahren angehört werden muss: Nach hitzigen Wortgefechten vertagte das Gremium eine Entscheidung mit dem Argument, man wolle die „wirtschaftliche Entwicklung“ der Seilbahn abwarten. Umso aufmerksamer wird man verfolgt haben, dass Doppelmayr diese offenkundig positiv bewertet.
Koblenz und seinem Oberbürgermeister stehen gleichwohl heftige Diskussionen bevor. Hoffnung könnte Hofmann-Göttig aber die Reaktion machen, die der Vorsitzende der deutschen Welterbe-Kommission, Walter Hirche, 2011 bei einem Besuch vor der Bundesgartenschau zeigte: Er war begeistert von der Seilbahn – trotz Welterbe. Viele Koblenzer hoffen, dass das immer noch so ist.
Chancengleichheit
Markus Lehmann (cftmri)
- 12.10.2012, 23:08 Uhr
Ein Bild
René Artois (Rene_Artois)
- 11.10.2012, 16:53 Uhr
Der gigantische Coup zum Schenkelklopfen...
Reinhard Kropp (mainzelfrau)
- 11.10.2012, 08:12 Uhr