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Retro-Runner Roland Wegner im Gespräch : „Rückwärtslaufen ist kein Kirschkernweitspucken“

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Rückwärts zum Sieg: Wegner (links) im Duell mit einem Vorwärtsläufer Bild: Roland Wegner

Roland Wegner hält den Weltrekord in einer ungewöhnlichen Disziplin: dem Rückwärtslauf. Eine Sportverletzung hat ihn gezwungen, die Richtung zu wechseln. Bei der Weltmeisterschaft im Retro-Running am Wochenende in Italien wird er seinen Titel gegen 102 Mitstreiter verteidigen.

          Roland Wegner läuft 100 Meter in 13,6 Sekunden. Zum Vergleich: Der jamaikanische Sprint-Star Usain Bolt braucht für diese Strecke 9,69 Sekunden. Trotzdem sind beide Weltrekordhalter. Der Unterschied: Wegner läuft die Strecke rückwärts. Wie ihn eine Sportverletzung zum Laufen in die falsche Richtung zwang und ob Rückspiegel beim Wettkampf erlaubt sind, erzählt der 32 Jahre alte Leichtathlet im F.A.Z.-Gespräch.

          Herr Wegner, Sie sind Weltrekordhalter im 100- und im 200-Meter-Rückwärtslauf, auch Retro-Running genannt. Warum laufen Sie eigentlich nicht vorwärts, so wie die anderen auch?

          Ich hatte 2002 einen Meniskusschaden, mein Knie war kaputt, mein Arzt hat mir damals von der Leichtathletik abgeraten. Vorwärtslaufen tat unerträglich weh, nur rückwärts ging. Das habe ich gemacht und Muskeln rund um das Knie aufgebaut – so lange, bis dadurch auch wieder das Vorwärtslaufen ging. Dem Rückwärtslaufen bin ich also auch etwas schuldig.

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          So viel, dass Sie heute keinen anderen Sport machen?

          Rückwärtslaufen ist Leistungssport, ich trainiere vier- bis fünfmal die Woche: vorwärts, treppauf, rückwärts. Rückwärtslaufen ist kein Kirschkernweitspucken. Das ist eine technische Laufdisziplin wie das Hürdenlaufen. Weltklasseläufer wie Asafa Powell haben das Rückwärtslaufen als normale Disziplin in ihrem Trainingsprogramm, weil sie davon profitieren.

          Und wie schnell sind Sie?

          Auf 100 Meter laufe ich 13,6 Sekunden, auf 200 sind es 32,38 Sekunden. Ich sprinte maximal 27 Stundenkilometer, das ist etwa 30 Prozent langsamer, als ich vorwärtslaufen kann. Das liegt vor allem daran, dass auch die Schrittlänge um etwa 30 Prozent kürzer ist. Auch den Weltrekord im 4x100-Meter-Staffellauf hält übrigens das „Team Deutschland“.

          Gibt es spezielle Regeln?

          Die Zehen müssen immer in die entgegengesetzte Laufrichtung zeigen. Ansonsten haben wir die Regeln der herkömmlichen Leichtathletik übernommen.

          Sind Rückspiegel erlaubt?

          Solange die Zehen in die entgegengesetzte Laufrichtung zeigen, sind solcherart Hilfsmittel erlaubt. Die lohnen sich allerdings eher bei Langstrecken oder querfeldein – da läuft dann oft jemand in anderer Laufausrichtung nebenher und hilft. Auf der Tartanbahn helfen uns die Bahnmarkierungen zur Orientierung. Ich muss deswegen nie zurückschauen.

          Haben Sie sich denn schon mal so richtig langgelegt?

          Ich bin beim Rückwärtslaufen nicht ein einziges Mal hingefallen und habe mich noch nicht verletzt. Ein Freund von mir hat sich allerdings mal die Hand angebrochen, als er an einem Wettkampf teilnahm und wegen Ermüdung stürzte. Verletzungen sind aber sehr selten. Sehnen und Gelenke werden weniger belastet, weil die Geschwindigkeit und damit das Aufprallgewicht geringer sind. Wer trotzdem Angst vor einem Sturz hat, kann sich ja wie Inline-Skater mit Protektoren am Handgelenk ausrüsten.

          Wie viele Rückwärtsläufer gibt es?

          Unzählige Sportler bauen diese Bewegungsform in ihr normales Training ein. In Deutschland sind es ungefähr 150 Läufer, die in den letzten Jahren an Rückwärtsläufen teilgenommen haben. Das Potential ist aber um ein Vielfaches höher – wir sind erst am Anfang.

          Machen das auch die anderen aus gesundheitlichen Gründen?

          Nein, die meisten wollen etwas gegen die Langeweile tun. Immer nur vorwärtslaufen, immer dasselbe tun, da ereilt einen irgendwann das sportliche Burn-out-Syndrom. Rückwärtslaufen ist eine schöne Abwechslung und gibt einen ganz besonderen Kick. Schließen Sie beim normalen Joggen mal für zehn Sekunden die Augen, Sie werden sehen.

          Sie organisieren jetzt die zweite Weltmeisterschaft im Rückwärtslauf. Warum verstehen Sie diese Veranstaltung auch als Protest?

          Wir wenden uns gegen die immer größer werdende Kommerzialisierung des Sports. Die WM soll auch als Olympiade der ungedopten Leichtathleten zu verstehen sein. In Peking waren doch die meisten Leichtathleten gedopt, wenn nicht unmittelbar vor dem Rennen, dann über die Jahre, in denen sie als Sportler aufgebaut wurden.

          Haben Sie auch Dopingkontrollen?

          Nein. Würden Rückwärtsläufer dopen, wären sie vorwärts doch so gut, um an der Olympiade teilnehmen zu können. Wir lehnen Kommerz und Sponsoring ab, daher sind bei uns auch keine Dopingkontrollen finanzierbar und auch nicht notwendig. Der Sieger erhält nur eine Urkunde und eine Medaille – dafür lohnt sich Doping schlichtweg nicht.

          Und was wäre, wenn Ihre Disziplin dereinst olympisch wird?

          Das wollen wir nicht. Das würde doch bedeuten, dass Sponsoren auf uns zukommen, die wiederum noch bessere Leistungen einfordern. Der Weg zum Doping wäre dann nicht mehr weit. Wir brauchen aber kein Geld, wir gehen alle einem Beruf nach. Ich verdiene mein Geld bei der Fahrerlaubnisbehörde der Stadt Augsburg und bin in meinem Sport völlig frei und unabhängig. Bei der WM trägt jeder seine Reise- und Übernachtungskosten selbst. Wer verletzt ist, ist eben verletzt.

          Wer kommt alles nach Pietrasanta?

          104 der weltbesten Retrorunner, die allermeisten sind Leichtathleten, zum Teil semiprofessionell. 14 Nationen werden dabei sein. Die führende Rückwärtslaufnation ist Italien. Leider ist für viele Retrorunner zum Beispiel aus China und Amerika die Anreise nicht bezahlbar.

          Sponsoren wollen Sie ja nicht . . .

          Das ist der einzige Nachteil, wenn man die Kommerzialisierung des Sports ablehnt. In Sachen Anreisekosten zu internationalen Wettkämpfen hoffen wir in der Zukunft aber auf mehr Unterstützung von Seiten der Politik.

          Werden Sie denn überhaupt ernst genommen?

          Nicht immer. Rückwärtslaufen ist neu und noch nicht – wie etwa Rückwärtsschwimmen – im Sportprogramm verankert. Aber wenn ich Leute zum Lachen bringen kann, ist das auch gut. Die Leute hören erst dann auf zu lachen, wenn sie vorwärts gegen mich laufen sollen. Da haben sie wenig Chancen.

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