12.11.2004 · Charles Darwins Riesenschildkröte Harriet ist mit 174 Jahren das wohl älteste Tier der Welt. Ein bewegtes Leben mit historischen Begegnungen, aber auch unangenehmen Bewunderern.
Von Alexander Hofmann, Sydney"Wenn sie doch bloß sprechen könnte, was die alles erzählen könnte." Immer wieder ist dieser Satz zu hören, wenn man sich eine Weile vor dem Gehege von Harriet aufhält. Und das ist kein Wunder: Die Galápagos-Riesenschildkröte hätte gewiß viel zu berichten, denn sie wurde vor 174 Jahren geboren und ist damit vermutlich das älteste Tier der Welt.
Am kommenden Montag hat Harriet Geburtstag, und wie jedes Jahr bekommt sie zu ihrem Jubeltag im Australia Zoo eine gute Autostunde nördlich der australischen Stadt Brisbane entfernt viele Hibiskusblüten, die sie ganz besonders schätzt und die sie bedächtig in sich hineinmampfen wird. Einen Geburtstagskuchen gibt es selbstverständlich auch, aber der wird unter den zahlreichen Gratulanten verteilt.
Begegnung mit Darwin
Harriet stammt von der Küste Ecuadors, wo sie 1830 aus dem Ei schlüpfte. Dort wurde auch ihr Geburtstag geboren, denn die meisten ihrer Artgenossen schlüpfen im November, und der 15. war als Termin so gut wie jeder andere. Als Fünfjährige - damals war sie ungefähr so groß wie ein Eßteller - traf sie einen jungen Mann, der später einmal der berühmteste Biologe der Welt werden und die Denkweise der Menschheit verändern sollte: Charles Darwin war erst 26 Jahre alt, seine auf den Galápagos-Inseln gesammelten Erkenntnisse ließen ihn später die Evolutionstheorie entwickeln.
Der Engländer nahm die Schildkröte mit auf die erste ihrer großen Reisen: 1835 ging Harriet an Bord des berühmten Forschungsschiffs "Beagle" und segelte nach England, wo Darwin sie und zwei Artgenossen weiter studieren wollte. Sieben Jahre später, im Jahr 1842, vertraute Darwin sie seinem Kollegen John Wickham an. Der machte sich kurz darauf mit einem Walfänger auf den Weg nach Australien, das zu diesem Zeitpunkt erst seit 54 Jahren von Europäern besiedelt war. Frei lebende Landschildkröten allerdings gibt es bis heute nicht auf dem fünften Kontinent.
Schwere Zeit im Botanischen Garten
Etwa 20 Jahre später verließ Wickham Australien, und Harriet fand im Botanischen Garten von Brisbane ein neues Heim. Dort ging es jahrelang recht hektisch zu: Kleine Kinder durften auf ihr reiten, manche Besucher versuchten gar, ihre Namen in ihren Panzer einzuritzen, was durchaus unangenehm sein muß, da der Panzer ein Rippenfortsatz und von Nerven durchzogen ist. Wenn Harriet jemals einen Grund gehabt hätte, ihr Schweigen zu brechen, dann wäre es im Botanischen Garten gewesen. Sie wurde nämlich dem staunenden Publikum als Harry vorgestellt, was ihre wahrscheinlich seit langem gehegte Ansicht möglicherweise bestätigte, daß die Menschen doch nicht so clever sind, wie sie selbst glauben. Erst nach ihrem nächsten Umzug 1952 in einen privaten Zoo wurde sie in Harriet umbenannt, wie es sich für eine schlanke Dame gehört, die gerade einmal 150 Kilogramm wiegt, deutlich weniger als ein vergleichbar altes Männchen.
Aber immerhin hatte die Zeit im Botanischen Garten auch ihr Gutes, noch heute kommen ältere Besucher, die sie als Harry kennen- und lieben gelernt hatten. Auf ihre alten Tage braucht sie sich allerdings nicht mehr dem Streß im direkten Umgang mit dem Publikum auszusetzen. Obwohl sie freundlichen Kontakt durchaus schätzt, wie Kurator Richard Jackson berichtet: "Sie liebt es, am Panzer und an den Beinen gestreichelt zu werden, möglicherweise weil in der freien Natur Vögel etwas ähnliches tun." Etwas Gesellschaft sei Harriet übrigens durchaus nicht unangenehm, bei entsprechend guter Laune bewegt sie sich schwerfällig zum Zaun, um in der Nähe ihrer Bewunderer zu sein. Versuche, ihr eine andere Schildkröte zur Unterhaltung ins Gehege zu geben, scheiterten jedoch. "Die hat sie stets weggebissen."
Der Rekord ist möglich
Jackson führt die Langlebigkeit Harriets auf ihre rein vegetarische Diät (viel Petersilie, Auberginen, Bohnen und Zucchini) und das streßfreie Leben zurück. "Außerdem hat sie als Reptil bei kühlerem Wetter oft Ruhepausen, bei denen sich die Körperfunktionen auf ein Minimum reduzieren." Schildkröten gehörten zudem zu den Lebewesen, die in Gefangenschaft länger leben als in freier Natur.
Im Australia Zoo des im Fernsehen als "Crocodile Hunter" bekannt gewordenen Steve Irwin lebt Harriet nun schon seit 1988. Die Zoomitarbeiter hoffen, daß sie ihnen noch lange erhalten bleibt. "Ich glaube, daß sie die 200 auf jeden Fall schaffen kann", sagt Jackson. Sie habe gute Chancen, den Rekord von Tui Malila zu brechen: Die aus Madagaskar stammende Schildkröte war Ende des 18. Jahrhunderts ein Geschenk von Entdecker James Cook an den König von Tonga gewesen. Sie starb 1965 im gesegneten Alter von 188 oder 192 Jahren - ganz genau weiß auch das niemand.