http://www.faz.net/-gum-6ufbf

Repräsentative Studie : Weniger sexueller Missbrauch von Kindern

Bei der Befragung gaben 6,4 Prozent der Frauen und 1,3 Prozent der Männer an, dass sie bis zu ihrem 16. Lebensjahr schon einmal Opfer sexuellen Missbrauchs „mit Körperkontakt“ waren. Bild: dpa

Die Fälle von Missbrauch an Kindern und Jugendlichen gehen leicht zurück, wie eine neue Studie zeigt. Entwarnung wollen die Forscher aber nicht geben. „Jedes Kind, das Opfer wird, ist eines zu viel.“

          Nach den jüngsten Missbrauchsskandalen an der Odenwaldschule und kirchlichen Internaten überrascht das Ergebnis der neuesten Studie zum sexuellen Missbrauch auf den ersten Blick: Kinder werden in Deutschland erheblich weniger sexuell missbraucht als noch vor 20 Jahren. Das gilt allerdings nur für den sexuellen Missbrauch innerhalb der Familie. Die Übergriffe durch Sexualtäter außerhalb der Familie sind genauso häufig wie zuvor. Das ergab eine repräsentative Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Sie konzentriert sich auf 683 Personen, die in ihrer Kindheit mindestens eine sexuelle Missbrauchserfahrung gemacht haben. Die Gründe für den Rückgang sieht Christian Pfeiffer, der Direktor des KFN, in der größeren Bereitschaft von Missbrauchsopfern, die Täter anzuzeigen, und in einer erhöhten Sensibilisierung der Öffentlichkeit für mögliche Missbrauchsfälle. Die ersten Daten zeigten, dass eine aufmerksamere Öffentlichkeit und ein anderer Umgang mit sexuellem Missbrauch etwas bewirkten, sagte Bundesbildungsministerin Schavan (CDU) in Berlin.

          Bundesministerium will Kinder besser schützen

          Von der Studie, für die in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 11.428 Personen im Alter zwischen 16 und 40 Jahren befragt wurden, erhofft sich das BMBF Aufschluss über Strukturen, die den Missbrauch begünstigen, und Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche besser vor sexualisierter Gewalt zu schützen. Die einzige repräsentative Befragung zu diesem Thema stammt aus dem Jahr 1992.

          Damals wurden - wie bei dieser Studie - die zu Befragenden in ihrer Wohnung besucht und nach Alter, Beruf und Schulabschluss sowie nach möglichen Erfahrungen mit Einbrüchen und gewaltsamen Überfällen gefragt. Dann wurde ihnen ein Fragebogen zum sexuellen Missbrauch übergeben, den sie allein und in Ruhe ausfüllen sollten. Er wurde am nächsten Tag wiederum persönlich abgeholt. Die Rücklaufquote lag bei 90 Prozent.

          Bilderstrecke

          Anzahl der Strafverfahren dämpft den Tatendrang

          Es gebe natürlich noch eine geringe Anzahl so schwer traumatisierter Missbrauchsopfer, die sich erst in einer Therapie ihrer Missbrauchserfahrung bewusst würden und deshalb nicht darüber Auskunft geben könnten, sagte Pfeiffer. Die Mehrzahl aber habe die Täter etwa drei Jahre nach dem Missbrauch angezeigt, das gelte besonders für die 16 bis 20 Jahre alten Befragten. Hier sei die Anzeigebereitschaft im Vergleich zu 1992 von 27,7 auf 41,2 Prozent gestiegen.

          Während in den achtziger Jahren also nur jeder zwölfte Täter mit einem Strafverfahren rechnen musste, gilt das heute für etwa jeden dritten. Das dämpfe anscheinend den Tatendrang potentieller Missbrauchstäter, sagte Pfeiffer. Angestoßen wurde die Studie vom Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen sowie im familiären Bereich“ der Bundesregierung.

          Forschungsbericht ist erst der Anfang

          Das Bundesministerium für Bildung und Forschung wird mit 30 Millionen Euro die Forschung zu Missbrauch und sexualisierter Gewalt, die bisher eher in der Schmuddelecke der psychologischen und medizinischen Forschung stand, anschieben und dauerhaft an den Universitäten etablieren. Bei der Ausbildung von Priestern, Lehrern und Medizinern müssten Grundkenntnisse über sexuellen Kindesmissbrauch und seine Auswirkungen vermittelt werden, sagte Frau Schavan.

          Bei dem nun vorgelegten Forschungsbericht handelt es sich um ein Zwischenergebnis einer größer angelegten Studie, die auch erforscht, welche Auswirkungen körperliche Gewalt etwa bei Frauen, die vom Vater geschlagen und missbraucht wurden, bei der Partnersuche hat. Nach dem bisherigen Stand der Wissenschaft ist das Risiko sechs Mal so hoch, dass eine in ihrer Kindheit misshandelte und missbrauchte Frau wieder an einen brutalen Partner gerät, der sie in der Ehe vergewaltigt.

          Gewalt in Familien geht zurück

          Durch die Abschaffung des elterlichen Züchtigungsrechts und die Einführung des Gewaltschutzgesetzes im Januar 2002 ist die innerfamiliäre Gewalt offenbar erheblich zurückgegangen. Der Großteil der Missbrauchstäter mit Körperkontakt stammt aber nach wie vor aus dem engen Familienkreis (Onkel, Stiefväter, Väter) oder ist den Betroffenen bekannt (Nachbarn, Freunde der Eltern). Nur in knapp jedem vierten Fall handelt es sich bei den Tätern um männliche unbekannte Personen. 1,8 Prozent der weiblichen Betroffenen und 16,9 Prozent der männlichen Betroffenen berichten von weiblichen Tätern. Täter aus dem Bereich Freizeit/Sport sind relativ selten (2,5 Prozent). Im Vergleich deutscher Befragter mit eingewanderten Befragten berichten türkische Frauen erheblich seltener von Missbrauchserfahrungen mit Körperkontakt als Deutsche (1,7 Prozent Türkinnen, 7,3 Prozent deutsche Frauen und 6,5 Prozent mit russischer Herkunft).

          Unter 683 Befragten gab nur eine 28 Jahre alte Frau einen katholischen Priester als Täter an. Die von Priestern Missbrauchten, die sich in den Jahren 2010 oder 2011 meldeten, seien weitgehend über Fünfzigjährige, deren Missbrauch mehr als 35 Jahre zurückliege, erläuterte Pfeiffer. Eine amerikanische Studie bestätige, dass der Missbrauch durch Priester in den siebziger und achtziger Jahren noch zehn bis zwanzig Mal höher lag. Bis auf die kleine Randgruppe der krankhaft Pädophilen sei es Priestern heute wegen der sexuellen Liberalisierung in Amerika leichter geworden, sich unter Verstoß gegen das Zölibat weibliche oder männliche Partner zu suchen, sagte Pfeiffer, der eine zweite Untersuchung im Auftrag der katholischen Kirche übernommen hat.

          Weitere Themen

          Ein offener Schutzraum

          Kinderheime in Deutschland : Ein offener Schutzraum

          Die Wohngruppe Murialdo ist eines der wenigen geschlossenen Heime für Kinder in Deutschland. Auch ohne Zaun werden schwierigen Kindern dort die Grenzen ihres Handels aufgezeigt.

          Gilberto Benetton ist tot

          Modeunternehmer : Gilberto Benetton ist tot

          Zusammen mit seinen Geschwistern Luciano, Giuliana und Carlo gründete er das Modeunternehmen Benetton. Nun ist Gilberto Benetton in Treviso gestorben.

          Topmeldungen

          Siemens-Chef Kaeser : Politischer Geisterfahrer

          Schuster, bleib bei deinen Leisten: Diese Volksweisheit sollte auch der Chef von Siemens beherzigen. Der oft politische Joe Kaeser hat das Talent, ausgerechnet in den wichtigen Momenten zu schweigen – oder sich gar taktlos zu äußern. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.