15.06.2005 · Der Aidstod ist zur Ausnahme geworden und wird verdrängt. Wer heute in Deutschland am HI-Virus stirbt, stirbt oft allein. So auch Paul Sander.
Von Peter-Philipp SchmittSeine letzte Auslandsreise führte ihn nach Teneriffa. Nur eine Woche Urlaub, mehr Zeit, glaubte Paul Sander, habe er nicht. Zwar redeten seine Freunde auf ihn ein, sich doch richtig zu erholen, doch er fühlte sich unabkömmlich. Der Betriebswirt hatte sich gerade erst als Steuerberater in München selbständig gemacht, in der Hoffnung, als Freiberufler seine Zeit besser einteilen zu können.
Die Krankheit, die ihm auch im Herbst 2003 noch immer keiner ansah, machte ihm von Jahr zu Jahr mehr zu schaffen. Seit 1994 wußte Paul Sander, daß er HIV-positiv war. Sein damaliger Lebensgefährte war mehrfach auf seinen Geschäftsreisen in den Vereinigten Staaten fremdgegangen und hatte ihn infiziert - mit einem besonders aggressiven Virus.
„Vollbild Aids“
Schon im Mai 2003, als die Geschichte von Paul Sander, Heike Klaas und Robert Müller unter dem Titel Leben mit Aids erschien, galt er als „austherapiert“. Die Berlinerin Heike Klaas, die wie die beiden anderen anonym bleiben wollte (ihre Namen wurden von der Redaktion geändert), ist sogar schon seit mehr als fünfzehn Jahren HIV-positiv. Ihre Werte liegen noch immer über dem kritischen Punkt: Erst wenn die Zahl der Helferzellen pro Mikroliter Blut unter 200 sinkt, sprechen Mediziner vom „Vollbild Aids“. Ein Immundefekt liegt bei der Vierunddreißigjährigen nicht vor, sie hat bisher keine Aids-Medikamente nehmen müssen.
Auch dem Hamburger Robert Müller, seit 1983 mit dem Virus infiziert, geht es nicht schlechter als vor zwei Jahren - obwohl er zu den ersten in Deutschland gehörte, die „positiv“ getestet wurden. Er arbeitet als Übersetzer unter anderem von Büchern aus dem Niederländischen. Für eine seiner letzten Arbeiten, Edward van de Vendels Buch „Was ich vergessen habe“, ist er für den diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Robert Müller war schon 1985 bereit gewesen, über die Krankheit Aids in der Öffentlichkeit zu reden und sein Gesicht auf Plakaten, in Büchern und im Fernsehen zu zeigen.
Zuletzt nur noch 45 Kilogramm
Seinen bisherigen Tiefpunkt erreichte er 1994. Damals lag er bereits im Sterben. Nur eine Generation neuer Aids-Medikamente rettete sein Leben. Die Nebenwirkungen jedoch sind kaum zu ertragen: Robert Müller leidet vor allem an Lipodystrophie, einer Fettumverteilung, die den Körper stark verändert, und an Neuropathie, einer Nervenschädigung besonders der Beine. Trotzdem nimmt er die lebensverlängernden Medikamente regelmäßig ein.
Seine Compliance, wie Mediziner die Therapietreue nennen, ist gut. Paul Sander haßte die Medikamente, deren Nebenwirkungen ihn seit Jahren quälten. Sie töteten seine Geschmacksnerven ab und verdarben ihm jede Mahlzeit. Nach seiner Teneriffa-Reise litt er zusätzlich unter permanentem Durchfall; in den vergangenen Monaten hatte er stark an Gewicht verloren. Paul Sander, knapp 1,90 Meter groß, wog zuletzt noch 45 Kilogramm.
Er sah seinen Freund sterben
Die Gründe für seine Diarrhöe konnten nicht geklärt werden: Bakterien, die er von der Kanarischen Insel mitgebracht haben könnte, waren es offenbar nicht, und es war wohl auch kein Pilz, der auf seine Immunschwächekrankheit hätte zurückgeführt werden können. Seine Ärzte waren ratlos. Sie vermuteten schließlich eine Aids-bedingte Erkrankung. Daß ihr Patient seine Medikamente nicht regelmäßig einnahm, wußten sie offenbar nicht.
Paul Sander hatte seinen Freund an Aids sterben sehen. Den Tumoren, die sich rasch ausbreiteten, hatte der durch das HI-Virus geschwächte Körper nichts entgegenzusetzen. Weder eine Chemotherapie noch die Mitte der neunziger Jahre entwickelte Kombinationstherapie konnten ihn retten. Er starb im Juni 1996.
Verfall des Körpers
Vor etwa zweieinhalb Monaten wurde bei Paul Sander ein Lymphdrüsenkrebs, ein Non-Hodgkin-Lymphom, diagnostiziert. Dabei handelt es sich um bösartige Vergrößerungen und Wucherungen der Lymphknoten. Sie gehören wie das Kaposi-Sarkom oder der Gebärmutterhalskrebs zu den häufigsten Tumorerkrankungen im Zusammenhang mit Aids. Paul Sander kam ins Krankenhaus. Eine Chemotherapie wurde begonnen, aber nach wenigen Tagen wieder abgebrochen. Die Chancen einer Heilung waren zu gering, der Patient war bereits zu schwach.
Auf eigenen Wunsch wurde er nach Hause entlassen. Innerhalb weniger Wochen schwollen seine Lymphknoten an, besonders am Hals, aber auch an den Leisten. In der Folge konnte die Lymphflüssigkeit nicht mehr abfließen. Wasser sammelte sich im Körpergewebe. Der Krebs breitete sich schnell auf Milz, Leber und andere Organe aus. Lange hatte Paul Sander fast keine Schmerzen, obwohl sein Körper sichtlich verfiel. Die Beine indes wurden dicker und dicker. Ohne Pflegedienst kam er nicht mehr zurecht.
Aidstod ist zur Ausnahme geworden
Jeder Tag verlief anders: Einmal war er so geschwächt, daß er sich selbst kaum im Bett drehen konnte, ein anderes Mal stand er plötzlich in der Küche, um sich etwas zu essen zu kochen. An Pfingsten schien der Tod bereits nahe. Eine Woche später ging der Vierzigjährige ein letztes Mal in seine Kanzlei. Paul Sander litt gleich in doppelter Hinsicht unter Aids. Wie viele Leidensgenossen glaubte er, daß es das Mitgefühl unter Schwulen, entstanden in den achtziger und neunziger Jahren, kaum noch gab. Eine neue Generation sei herangewachsen, die Aids nicht mehr als tödliche Krankheit wahrnehme.
Tatsächlich ist der Aidstod zur Ausnahme geworden. Aidspatienten sucht man in den Hospizen meist vergebens. Festgesetzt hat sich das vor allem von Pharmaunternehmen in Werbekampagnen gepflegte Bild, daß sich dank neuer Medikamente gut mit HIV leben läßt. Der Tod wird verdrängt. Mit dem Sterben wollen die wenigsten konfrontiert werden. Wer an Aids stirbt, stirbt oft allein, weil er sich allein gelassen fühlt oder weil er Angst hat, daß man von seiner Krankheit erfahren könnte.
„Human sei Verdursten, qualvoll das Ersticken“
Gestorben werde darum lieber an einem „anständigen Krebs“, sagt Robert Müller. Er hat in seinem Bekanntenkreis ähnliche Erfahungen gemacht: „Als hätten wir in 20 Jahren nichts dazugelernt.“ Paul Sander versuchte bis zuletzt, seine Erkrankung zu verheimlichen. „Ich habe Krebs“, sagte er wahrheitsgetreu, unterließ es aber zu erwähnen, daß sein Non-Hodgkin-Lymphom auf HIV zurückzuführen war. Er löste sich von seinem gewohnten Umfeld, wollte viele seiner alten Freunde nicht mehr um sich haben.
Er suchte sich eine Ärztin, die nicht auf Aids spezialisiert ist, eine Seelsorgerin, die keine Aidspatienten betreut. Daß er sterben würde, wurde ihm erst kurz vor seinem Tod bewußt. Über das Wie sprach er offen mit den Ärzten: Human sei Verdursten, qualvoll das Ersticken. Anfang Juni entschloß sich Paul Sander zu verdursten. Tagelang bekam er keine Flüssigkeit mehr. Doch bevor er in einen erlösenden Dämmerzustand fiel, verlangte er plötzlich wieder nach einer Infusion.
Sie gaben ihm Morphium
Nun drohte das Ersticken: Die Knoten an seinem Hals waren so groß geworden, daß er nur mühsam nach Luft röcheln konnte. Eine Operation, wie er sie sich wünschte, ließen seine Ärzte nicht zu. Ein Eingriff habe keinen Sinn mehr, selbst wenn er ihm das Atmen erleichtere. Am 5. Juni verließ er nachts ein letztes Mal sein Bett. Auf dem Weg zur Toilette brach er zusammen. Dort fand ihn am nächsten Morgen seine Pflegerin. Selbst danach weigerte er sich, in ein Hospiz zu gehen. Einen Tag später ließ er sich in ein Krankenhaus einweisen. Die Schmerzen waren unerträglich geworden.
„Er hat das Herz eines Vierzigjährigen“, sagten die Ärzte auf die Frage, wie lange es denn wohl noch dauern werde. Sie gaben ihm Morphium und deuteten an, daß sie die Dosis auch erhöhen könnten. Am 7. Juni entschloß sich Paul Sander zu sterben. Was er dafür tun müsse, fragte er seine Seelsorgerin. Rede einfach mit deinen Ärzten, antwortete sie. Er tat es. Nach dem Gespräch bekam er mehr Morphium. Paul Sander starb zwei Tage später. Allein, wie er es sich wohl gewünscht hatte, in einem Einzelzimmer eines Münchner Krankenhauses. Am Freitag wird er beerdigt.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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