29.04.2002 · Psychologen und Bildungsexperten zu den Konsequenzen des Amoklaufs von Erfurt.
Konsequenzen in der Lehrerausbildung, tief greifende Konsequenzen in Gesellschaft und Schule, weniger Gewaltdarstellungen in den Medien: Auf diesen gemeinsamen Nenner lassen sich Forderungen von Psychologen und Bildungsexperten bringen, die zu den Konsequenzen des Amoklaufs von Erfurt befragt wurden.
Ludwig Eckinger, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung: Nach dem Massaker von Erfurt träten viele Lehrer mit großer Angst vor die Klassen. „Die Angst ist massiv. Mit diesem "Schwarzen Freitag" in der Geschichte der Pädagogik hat sich eine neue Dimension für den Beruf aufgetan. Man müsste hundert Handys und mehr haben, um mit all den beunruhigten Lehrern sprechen zu können.“ Er forderte insbesondere Eltern, Politiker und Medien auf, die Lehrer zu unterstützen und ihre Arbeit zu würdigen.
Diplompsychologe Steffen Fliegel (Gesellschaft für Klinische Psychologie und Beratung in Münster): Der Amoklauf schreie nach gesellschaftlichen und schulischen Veränderungen. „Denn Aggressionen sind nicht angeboren, sondern Ergebnis von Lernprozessen. Worten müssen jetzt Taten folgen. Sonst bleibt Erfurt kein Einzelfall. Soziales Lernen zum Beispiel gehört ebenso unabdingbar auf den Stundenplan der Schulen wie Mathe und Deutsch.“
Martin Eilers, Vorsitzender des Schützenvereins, in dem der Amokläufer Mitglied war: Robert Steinhäuser galt in seinem Schützenverein als „unauffälliger Junge“. „Ich habe nichts gemerkt, gar nichts.“ Der 19-Jährige sei kontaktfreudig und ein ordentlicher, aber nicht überdurchschnittlich talentierter Schütze gewesen. Er befürworte Änderungen des Waffenrechts. Zu überlegen sei, Munition nur noch bei den Vereinen zu lagern. Steinhäuser habe im Frühjahr oder Sommer 2001 die Sachkundeprüfung abgelegt, die Voraussetzung für die Waffenbesitzkarte ist. „Ich habe mich in dieser Zeit auch sehr lange mit dem Jungen unterhalten und nichts gemerkt - das ist auch für mich ein Problem“, sagte Eilers.
Psychologe Harald Ackerschott, Mitglied im Berufsverband der Deutschen Psychologen: Gewalt verherrlichende Filme oder Spiele trügen mit dazu bei, dass unbewusst Gewalt und Töten eingeübt werde. „Vor allem Spiele für den Computer oder auch Spielkonsolen haben den Charakter einer Simulation.“ Durch diese Tötungssimulation wird - ähnlich wie am Flugsimulator - eine Kompetenz erarbeitet und trainiert.“ Deshalb seien solche Spiele so gefährlich. Die elektronischen Spiele destabilisierten auch das Wertesystem im Kindes- und Jugendalter. „Es ist ein Eingriff in die natürlichen menschlichen Erfahrungen.“
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„Die Gesellschaft muss sich fragen, ob man es sich weiter leisten kann, dass mit Gewaltdarstellungen in den Medien Geschäfte gemacht werden.“
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Psychologe und Anti-Gewalt-Trainer Bruno Steinhauer (Ludwigshafen): Gewalt müsse in allen gesellschaftlichen Bereichen geächtet werden. Die Gesellschaft müsse sich fragen, ob man es sich weiter leisten könne, dass mit Gewaltdarstellungen in den Medien Geschäfte gemacht würden. Psychisch labile Menschen wie der Attentäter von Erfurt griffen auf diese Darstellungen zurück und reicherten damit ihre Fantasien an. Bislang würden diese Gewaltdarstellungen auch „positiv sanktioniert“, indem die Menschen sie sich abends im Fernsehen anschauten. Damit werde bei emotional Anfälligen praktisch für Gewalt geworben. „Das ist ein absoluter Skandal. Wir alle haben dazu beigetragen.“
Werner Greve, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen: Er hält den Amoklauf nicht für ein Indiz für das Versagen von Maßnahmen gegen Gewalt in Schulen. „Unzählige Faktoren haben diese Katastrophe ausgelöst. Sie ist keinesfalls Ausdruck eines Trends. Im Gegenteil: Die Ergebnisse unserer Dunkelfeld-Forschung deuten darauf hin, dass die Gewalt auf den Schulhöfen seit 1998 rückläufig ist. Gleichzeitig ist die Bereitschaft, Taten anzuzeigen, gestiegen.“ Er plädierte für einen restriktiven Umgang mit Waffen. „Verschärfte Altersgrenzen nach unten und oben wären hier nur zu begrüßen.“