Es ist nicht die erste Satelliten-Geburt der Wissenschaftler vom Potsdamer Geoforschungszentrum (GFZ). Trotzdem ist alles neu. Denn diesmal sind es Zwillinge. Am Samstag starten „Tom“ und „Jerry“, so die niedlichen Namen der beiden, um 9.30 Uhr ins All (Live-Übertragung per Webcast im Internet). Die Stargenehmigung der russischen Raumfahrtbehörden liegt seit Freitagmittag vor. Die Mission heißt GRACE (Gravity Recovery and Climate Experiment) und läuft unter der Regie der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrttechnik (DLR).
Tom und Jerry werden in den nächsten Jahren das Schwerefeld der Erde vermessen - und zwar mit einer um das Hundertfache größeren Genauigkeit als ihr älterer Bruder „Champ“. Der war im Juli 2000 ins All geschickt worden und liefert seit dem Daten über das Magnetfeld der
Erde. Dies sollen wesentlich genauer auch die neuen Satelliten leisten, um auf diese Weise mehr über den Antrieb des Weltklimas zu erfahren.
Satelliten-Tandem steht in ständigem Kontakt
GRACE gilt als Paradebeispiel internationaler Kooperation in den Geowissenschaften. Das Tandem sei ein Gemeinschaftsprojekt der Nasa und der DLR, sagt GFZ-Sprecher Franz Ossing. Das DLR-Raumfahrt-Kontrollzentrum ist für den Satellitenbetrieb und Datenempfang verantwortlich. Die Nasa managt GRACE - und steuert mit rund 90 Millionen Euro den Hautpanteil an den Kosten von rund 120 Millionen Euro bei.
Gestartet werden die Satelliten-Zwillinge von dem deutsch-russischen Gemeinschaftsunternehmen Eurockot. Um genau 10.23 Uhr sollen sie von dem bisher geheimnisumwitterten russischen Raumfahrtbahnhof Plessezk (siehe Link) abheben. Im Weltraum werden sie auf einer Anfangshöhe von rund 500 Kilometer die Erde umrunden. Eine Umrundung dauert etwa 95 Minuten. Tom und Jerry werden dabei einen Abstand von 250 Kilometer zueinander haben. Sie stehen über eine Mikrowellenverbindung in Kontakt. Mit Hilfe dieser so genannten K-Bandverbindung können kleine Änderungen im Abstand zwischen den Satelliten gemessen werden, die durch Unregelmäßigkeiten im Erdschwerefeld verursacht werden. Da die Veränderungen erfasst werden, ist die Genauigkeit des Tandems erheblich größer als die von einzelnen Satelliten.
Fünf Jahre dauernde Mission
Rund fünf Jahre soll die Mission der beiden jeweils rund 490 Kilogramm schweren Satelliten dauern. Tom und Jerry werden Daten liefern, die Rückschlüsse auf die Strömungen der Ozeane zulassen. Die Strömungen seien die Hauptakteure im globalen Klimageschehen,
schildert Projektleiter Christoph Reigber. Nur mit Wissen über den Wärmetransport in den Ozeanen lasse sich das Klima verstehen. Das Satelliten-Tandem wird zudem Daten erheben, mit denen der Grundwasserhaushalt genauer bestimmt werden kann. Außerdem messen die beiden Satelliten die Verteilung des Wasserdampfes und der Temperatur in der Atmosphäre, was für die Klimaforschung und die Wettervorhersage sehr wichtig ist.
Für die Auswertung der Daten sind die Geoforscher in Potsdam und Experten vom Center for Space Research (CSR) an der Texas University in Austin verantwortlich. Reigber obliegt die wissenschaftliche Leitung des Projekts. Der Professor ist stolz darauf, dass rund 80 Prozent der GRACE-Technologie aus dem Geoforschungszentrum stammen. Die Potsdamer sind damit die Garanten für eine nahtlose Fortsetzung der als erfolgreich geltenden Erderforschung mit dem Champ-Satelliten.