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Raumfahrt Michael Melvill ist der erste private Astronaut

22.06.2004 ·  Der erste privat finanzierte Flug ins All ist geglückt. Drei Minuten lang hielt Pilot Michael Melvill das SpaceShip One in einer Höhe von 100 Kilometern. Dort beginnt der Weltraum.

Von Günter Paul
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Am Montag Morgen kalifornischer Zeit hat der 62 Jahre alte Pilot Mike Melvill, ein Amerikaner südafrikanischer Herkunft, als erster in einer vollständig privaten, also ohne Beitrag einer Regierung finanzierten Mission den Weltraum erreicht. An Bord des Raumflugzeugs Spaceship One des kalifornischen Unternehmens Scaled Composites, das dem Flugzeugbauer Burt Rutan gehört, erreichte er eine Flughöhe von mehr als hundert Kilometern, womit er rund 85 Prozent der Erdatmosphäre unter sich ließ. Diese Höhe ist von den Wissenschaftlern als Grenze zum Weltraum festgelegt worden.

Mit dem Flug ist die Auslösung des "Ansari X Prize" in greifbare Nähe gerückt. Dieser Preis, der nur bis zum 1. Januar 2005 ausgeschrieben wurde, ist für den ersten Weltraumflug mit einem privat finanzierten Raumschiff gedacht, das außer dem Piloten zwei Passagiere an Bord hat und den Flug innerhalb von zwei Wochen wiederholt. Er ist mit zehn Millionen Dollar Preisgeld verbunden. Die bisherigen Weltraumtouristen - Dennis Tito (2001) und Mark Shuttleworth (2002), denen als dritter in einigen Monaten Gregory Olsen folgen soll - sind mit Sojus-Raumschiffen, die in staatlicher Regie entwickelt worden waren, zur Internationalen Raumstation geflogen.

Zahlreiche Bewerber wollen den Ansari X Prize

Für den Ansari X Prize gibt es zur Zeit 27 Bewerber. Alle bemühen sich darum, ein bemanntes Raumschiff oder Raumflugzeug in einer "suborbitalen" Mission auf hundert Kilometer Höhe zu bringen, ohne daß es in eine Kreisbahn um die Erde einschwenkt. Dazu müßte das Gefährt wesentlich stärker beschleunigt werden. Vor allem aber wäre die Rückkehr erheblich riskanter, weil das Raumschiff bei einer Geschwindigkeit von rund 28.000 Kilometern pro Stunde in der Atmosphäre zu glühen anfinge.

Auch die Vereinigten Staaten haben sich bei ihren ersten bemannten Raumflügen auf suborbitale Missionen beschränkt. Am 5. Mai 1961 hat Alan Shepard einen solchen Flug in der Mercury-Kapsel Freedom7 absolviert, am 21. Juli 1961 folgte ihm Virgil Grissom in der Mercury-Kapsel Liberty Bell7. Erst am 20. Februar 1962 flog John Glenn als erster amerikanischer Astronaut in einem Raumschiff um die Erde. Die Sowjetunion war den Vereinigten Staaten mit dem Flug Juri Gagarins am 12. April 1961 um mehrere Monate zuvorgekommen.

Es fehlte bislang die belebende Initiative der Industrie

Die bemannte Raumfahrt hat sich seitdem trotz der Mondflüge des Apollo-Programms wesentlich schleppender als die Luftfahrt in deren Frühzeit weiterentwickelt. Einer der Gründe dafür war die ausschließliche Finanzierung der Missionen durch Regierungen. Dadurch fehlte die belebende Initiative der Industrie einschließlich der damit verbundenen Konkurrenz. Die Luftfahrt ist wesentlich durch die Ausschreibung von Preisen vorangetrieben worden, wobei das jeweilige Preisgeld als Ansporn für neue Entwicklungen diente. Von 1905 bis 1935 wurden mehr als hundert Preise für Errungenschaften in der Luftfahrt ausgeschrieben, darunter 1919 der Raymond-Orteig-Preis in Höhe von 25000 Dollar für den ersten Nonstop-Flug von New York nach Paris. Das Preisgeld stiftete Raymond Orteig, der seine Laufbahn in den Vereinigten Staaten als Busschaffner begonnen hatte und später als Hotelbesitzer vermögend wurde.

Neun Versuche hat es gegeben, den Preis zu erringen - darunter einige mit tödlichem Ausgang. Erfolgreich war schließlich Charles Lindbergh, der am 20. Mai 1927 morgens zu seinem historischen Rekordflug mit der Spirit of St. Louis vom Roosevelt Field in Long Island abhob und dreiunddreißigeinhalb Stunden später, am 21. Mai, auf dem Flughafen Le Bourget in Paris landete. Er hat in das Vorhaben insgesamt fast 400000 Dollar investieren müssen.

Geld von Microsoft-Mitbegründer Allen

Im Jahr 1994 fiel Charles Lindberghs Bericht über den Flug der Spirit of St. Louis Peter Diamandis in die Hand, einem der Mitbegründer der angesehenen International Space University, der von der Raumfahrt fasziniert war und auf die Idee kam, auch für den ersten privat organisierten Raumflug einen Preis auszusetzen. Im Jahr 1995 begründete er die "X Prize"-Stiftung, die zunächst die Aufgabe hatte, Spender für das Preisgeld zu organisieren. Am 18. Mai 1996 schließlich wurde der Preis, der im vergangenen Monat nach dem Hauptspender, der Ansari-Familie, umbenannt worden ist, ausgeschrieben. In Erinnerung an Lindberghs Flug hat die Stiftung ihren Sitz auf dem Spirit of St. Louis Boulevard in St. Louis (Missouri) erhalten.

Noch im selben Jahr begann Burt Rutan, der auch das Ultraleichtflugzeug "Voyager" entworfen hatte, das im Jahr 1986 nonstop einmal um die Erde geflogen ist, ein Konzept für ein eigenes Raumflugzeug zu erarbeiten. Als Finanzier hat er Paul Allen - Mitbegründer von Microsoft - gewonnen, der mittlerweile mehr als zwanzig Millionen Dollar in das Vorhaben investiert hat. Im April 2001 wurde die Entwicklung von Spaceship One in aller Heimlichkeit aufgenommen, und am 18. April 2003 schließlich ist das Raumflugzeug der Öffentlichkeit vorgestellt worden.

Nur drei Minuten schwerelos

Schon am 20. Mai 2003 wurde Spaceship One wie beim jetzigen Rekordflug mit einem speziell für Flüge in große Höhen konstruierten Trägerflugzeug, der "White Knight", für einen ersten Test vom kommerziellen Mojave Civilian Aerospace Test Center in der Mojave-Wüste aus in die Luft gebracht. Im Dezember 2003 durchbrach Spaceship One mit dem Piloten Brian Binnie an Bord die Schallmauer, und am 13. Mai dieses Jahres erreichte Mike Melville mit ihm eine Flughöhe von 64 Kilometern.

Der Rekordflug am Montag, der am 1. April von der amerikanischen Luftfahrtbehörde genehmigt worden war, hat gegen 6.45 Uhr Ortszeit (15.45 Uhr MESZ) bei strahlendem Sonnenschein begonnen. Tausende von Zuschauern folgten dem Ereignis auf dem Gelände des Mojave Civilian Aerospace Test Center. Etwa eine Stunde brauchte die White Knight, das Raumflugzeug mit Melville an Bord rund fünfzehn Kilometer über der Mojave-Wüste in Position zu bringen. Dann wurde Spaceship One ausgeklinkt, und kurz darauf zündete dessen Raketenmotor, der das Gefährt in einem Steilflug auf die dreifache Schallgeschwindigkeit beschleunigte. Der Pilot wurde dabei der drei- bis vierfachen Schwerkraft ausgesetzt. Nach Brennschluß war er mehr als drei Minuten schwerelos, bis das Raumflugzeug den Gipfelpunkt der Bahn in gut hundert Kilometern Höhe erreichte. Von dem Moment an kann sich Melville Astronaut nennen.

Für den Rückflug wurden die Flügel und der Schwanz von Spaceship One zunächst senkrecht gestellt, wodurch der Widerstand in der oberen - dünneren - Atmosphäre erhöht wurde. Als das Raumflugzeug wieder die dichteren Zonen erreichte, brachte Melville das Raumflugzeug in die normale Konstellation zurück. Im Gleitflug kehrte er dann nach etwa anderthalb Stunden zu dem Flughafen zurück, an dem die abenteuerliche Unternehmung begonnen hatte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Juni 2004
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Jahrgang 1946, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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