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Raumfahrt Geduld

02.03.2004 ·  Nach dem erfolgreichen Start benötigen die Raumfahrer der Esa nun Geduld. Die Kometensonde Rosetta ist kein schneller Raumkreuzer.

Von Günther Paul
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Zehn Jahre lang müssen die europäischen Forscher jetzt bangen, ob die am Dienstag in Französisch-Guayana gestartete Raumsonde Rosetta ihr Ziel, den Kern des Kometen Tschurjumow-Gerasimenko, erreichen und sicher auf ihm aufsetzen wird. Damit sind sie vor eine harte Geduldsprobe gestellt, wie sie in dieser Art in der Raumfahrt ungewöhnlich ist. Denn die irdischen Raumfahrtforscher und -techniker wollen die Früchte ihrer Arbeit im allgemeinen selbst genießen, was die Dauer der Missionen begrenzt. Ihnen würde es keinen Spaß machen, Experimente zu entwickeln, die andere, vielleicht sogar erst ihre Urenkel, auswerten können. Das ist - noch - der Science-fiction-Literatur vorbehalten.

Die Pionier- und die Voyager-Sonden der Vereinigten Staaten, die in den siebziger Jahren als erste am Jupiter und dann auch an den anderen großen Gasplaneten vorbeigeflogen sind, täuschen leicht darüber hinweg. Auch wenn sie sich schon seit einiger Zeit am Rande des Sonnensystems bewegen, das sie bald verlassen werden. Ohne allerdings je einen anderen Stern oder gar eine andere Zivilisation zu erreichen. Mit Pionier 10 besteht sogar noch mehr als dreißig Jahre nach ihrem Start Kontakt. Nicht nur zum Erstaunen der Öffentlichkeit, sondern auch zum Erstaunen der Fachleute. Gerade einmal zwei Jahre hatten die Pionier-Sonden überdauern sollen, bis sie den Jupiter erreichten und fotografierten. Doch dann wollten sie partout nicht verstummen. Längst haben sie auch Himmelsregionen durcheilt und vermessen, die für ihre Erbauer jenseits der Vorstellungskraft lagen.

Ziel erst seit 1969 bekannt

Nicht im entferntesten so geradlinig ist jetzt der Weg der europäischen Kometensonde Rosetta, die sich zu einem Ziel aufgemacht hat, das die Astronomen überhaupt erst seit seiner Entdeckung im Jahr 1969 und auch nur als winzigen Punkt am dunklen Firmament kennen. Wäre der Kometenkern schon länger bekannt, hätte er sich mittlerweile öfter der Sonne genähert und dabei seine Konsistenz verändert - durch den Verlust an Gas und Staub, wie er in der wärmenden Sonnenstrahlung unvermeidlich ist. Als Zeuge für die Verhältnissse in der Frühzeit des Sonnensystems hätte er dann nicht mehr getaugt. Die Kometen, die die Menschen bereits mit langen Schweifen verzaubert haben, sind für die Forschung nur noch von bedingtem Interesse. Gerade mal als Ziele auf einem Übungsparcours wie der Halleysche Komet, an dem die europäische Raumsonde Giotto im Jahr 1986 vorbeiraste.

Will man auf dem Kern eines „unverbrauchten“ Kometen landen, muß man sich dem Ziel bei den begrenzten Möglichkeiten der heutigen Technik wie ein vorsichtiger Pfadfinder ganz langsam von hinten nähern. Ein direkter Anflug von vorne würde zuviel Energie für das Bremsmanöver erfordern. Der schnelle Raumkreuzer Orion ist halt noch nicht in der Realität angekommen. Gegenüber einem Kleinwagen mag die Ariane-Rakete mächtig erscheinen, für kosmische Verhältnisse ist sie noch nicht einmal ein Zwerg. Das macht sich jetzt bei der Reiseroute von Rosetta bemerkbar. Wie ein schaukelndes Boot wird die Sonde in den kommenden Jahren von links nach rechts und von rechts nach links schwanken. Dreimal noch treibt sie an der Erde und einmal am Mars vorbei und holt jedesmal Schwung, um den Kometenkern zu erreichen. Was für den Science-fiction-Autor die Kraftfelder im Kosmos, sind für den nüchternen Raumfahrttechniker die Planeten. An dauerhaft bewohnte Siedlungen auf dem Mars, wie sie Präsident Bush vorschweben mögen, läßt die heutige Technik noch nicht denken.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.03.2004, Nr. 53 / Seite 37
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