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Raumfahrt Ariane-5 "völlig außer Kontrolle" geraten

12.12.2002 ·  Sie gilt als die leistungsfähigste Trägerrakete, die es derzeit in der internationalen Raumfahrt gibt. Doch erneut hat die Ariane-5 einen Start nicht heil überstanden.

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Auch im zweiten Anlauf ist der Flug der neuen europäischen Trägerrakete Ariane 5-Plus am späten Mittwochabend spektakulär fehlgeschlagen. Nur 96 Sekunden nach ihrem Start vom Raumfahrtbahnhof Kourou in Französisch-Guyana musste die Rakete gesprengt werden. „Als die Rakete von ihrer Flugbahn abkam, musste das Raumfahrtzentrum seine Pflicht tun“, sagte Ariane-Chef Jean-Yves Le Gall in Kourou.

Schuld an dem Desaster könnte ein Schaden am Haupttriebwerk sein. Die Rakete sei drei Minuten nach dem Start „völlig außer Kontrolle geraten“, sagte Le Gall. Erste technische Probleme im Triebwerk seien 96 Sekunden nach dem Start registriert worden, bis es zu einem gravierenden Schubverlust gekommen sei. Ein Kühlsystem des Haupttriebwerks Vulcain-2 sei nach 178 Sekunden Flug ausgefallen, und der Motor habe nicht mehr richtig funktioniert. Die Rakete taumelte aus 150 Kilometern in die Tiefe und wurde einige Minuten nach dem Start um 23.22 Uhr vom Kontrollzentrum in einer Höhe von 69 Kilometern zerstört. Es könne noch nicht gesagt werden, ob der gescheiterte Flug „auf ein Versagen des Triebwerks oder auf eine Einwirkung von außen zurückzuführen ist“. Eine unabhängige Untersuchungskommission soll die genaue Ursache des Versagens klären.

Aktienkurs der Betreibergesellschaft unter Druck

Der missglückte Start ist nicht nur ein schwerer Schlag für die europäische Raumfahrt. Experten gehen zudem davon aus, dass der Absturz die Kosten für Satellitenversicherung in die Höhe treiben könnte. Der Aktienkurs des europäischen Raumfahrtkonzerns EADS , der zu neun Prozent an der Betreibergesellschaft Arianespace beteiligt ist, sank zu Handelsbeginn am Donnerstag zunächst um vier Prozent.

Bei Astrium in Bremen, wo die Oberstufe gebaut wird, sprach man von einer „mittleren Katastrophe“. Die neue Rakete soll zehn Tonnen Nutzlast gleichzeitig in den Weltraum transportieren können. Sie sei „für die absehbare Zukunft der Schlüssel zur Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit Europas auf dem kommerziellen Raumtransportmarkt“, erklärte die Europäische Raumfahrtagentur ESA. Vor allem die amerikanische Konkurrenz sitzt dem Weltmarktführer im Nacken. Ende November absolvierte die neue Delta-4-Rakete von Boeing erfolgreich ihren Erstflug, im August startete die Atlas-5 von Lockheed. Arianespace schreibt seit zwei Jahren rote Zahlen und setzt alle Hoffnungen auf die vergrößerte Ariane-5, an deren Zuverlässigkeit nunmehr aber wieder große Zweifel bestehen.

Millionenteure Satelliten mit verbrannt

Es war der 157. Flug einer Ariane-Rakete und der achte Fehlschlag in dem fast 21 Jahre alten europäischen Raumfahrtprogramm. Bei der Sprengung der neuen, leistungsfähigeren Ariane-5 gingen auch zwei an Bord befindliche Kommunikationssatelliten verloren: Der „Hot Bird TM-7“ des europäischen Satellitenbetreibers Eutelsat sowie der „Stentor“, der Experimente auf dem Kommunikationssektor für die französische Raumfahrtorganisation CNES ausführen sollte. Der Wert der Satelliten lag nach Angaben von Arianespace im dreistelligen Millionenbereich. Über die Höhe der Versicherungssumme wurde nichts bekannt.

Bereits beim ersten Versuch am 28. November war der Premierenstart der Ariane 5-Plus fehlgeschlagen. Die Trägerrakete blieb trotz eines abgelaufenen Countdowns am Boden. Untersuchungen ergaben danach, dass ein Bodencomputer nicht einwandfrei funktionierte.

Geplanter Start im Januar fraglich

Le Gall sagt trotz des Desasters, man müsse den Blick in die Zukunft richten. „Es bleibt wie geplant bei dem Ariane 4-Start in der nächsten Woche.“ Auch die für den 15. Januar angesetzte Rosetta-Mission mit einer herkömmlichen Ariane 5-Rakete werde weiter verfolgt.

Für den Start der nächsten Ariane 5-Plus im April kommenden Jahres sieht Astrium-Vorstandsmitglied Josef Kind jedoch noch ein großes Fragezeichen. Bei Astrium in Bremen wird die Oberstufe der neuen Trägerrakete produziert. „Wir hatten auf eine Stabilisierung des Trägerprogramms für den kommerziellen Markt gehofft. Der Fehlschlag bedeutet nichts Gutes“, sagte Kind direkt nach dem Absturz in der Nacht zum Donnerstag in Bremen. Die Fehlersuche und damit verbundene Modifikationen an der Rakete könnten Monate dauern.

Telekommunikations-Krise betrifft auch Raumfahrt

Die Krise in der Telekommunikationsbranche hat auch die Raumfahrtbranche stark getroffen. In diesem Jahr werden Schätzungen zufolge nur 15 kommerzielle Satelliten bestellt werden. Im vergangenen Jahr waren es 24, 2000 waren es noch 34. Amerikanische Unternehmen wie Boeing und Lockheed Martin haben in den vergangenen Monaten eigene Trägerraketen auf den Markt gebracht, die der „Ariane-5“ Konkurrenz machen sollen.

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