Den ersten Test haben die Norweger und ihre Kneipenbesitzer schon bestanden. In der Nacht zum Dienstag trat ein absolutes Rauchverbot in Restaurants und Kneipen in Kraft. Wer rauchen wollte, mußte ins Freie gehen. Um Mitternacht nahmen viele Bars die Aschenbecher weg. Andere deuteten das Gesetz freier und beschlossen, erst am nächsten Tag das Rauchverbot durchzusetzen. Und siehe da: Wer in der Nacht zum Mittwoch in die Kneipen ging, sah niemanden rauchen.
Genauer: fast niemanden - in den frühen Morgenstunden rauchte der eine oder andere diskret in einer dunklen Ecke. Auf den Straßen neben den Türhütern aber sammelten sie sich und knüpften verstohlen neue Kontakte. Mehrere Bartender sagten, zu ihrer Überraschung seien die Kneipen am Dienstag abend voller gewesen als sonst.
Viele Norweger stützen das Verbot
Der zweite Test kommt am Wochenende, wenn die Kneipen überquellen und wegen der längeren Öffnungszeiten bis drei Uhr mehr Betrunkene anzutreffen sind, die schwerer zu kontrollieren sind. Der dritte Test in der Hauptstadt, die trotz ihrer immensen Bierpreise und ihres nordisch-kühlen Rufs zu leben weiß, findet im Winter statt, wenn man kaum noch auf die Straße flüchten kann, während jetzt wegen des milden Wetters ohnehin fast alle in die Straßencafés gehen.
Norwegen ist nicht das erste Gemeinwesen, das ein absolutes Rauchverbot in Restaurants und Kneipen durchsetzt. Irland versucht es seit zwei Monaten, Kalifornien und New York versuchen es seit Jahren; in Kalifornien indes bietet der ewige Sonnenschein stets andere Möglichkeiten außer Haus. Norweger sind in der Regel vernunftgeleitete Wesen, und sie akzeptieren das Rauchverbot erstaunlich gelassen. 60 bis 80 Prozent der Norweger stützen laut Umfragen das Verbot, auch viele Raucher.
Alle gleich
Gunnar - er steht hinter der Bar im "Caffee Håpløs" (die Mutter des jetzigen Besitzers hatte einst in Bremerhaven eine Bar gleichen Namens für norwegische Seeleute betrieben) - glaubt, es sei ein wenig verrückt, daß die Regierung den Verkauf von Tabak erlaube, aber nicht den Konsum. Es werde dauern, bis sich die Einstellungen wandeln, aber das werde kommen, wie in Flugzeugen, in denen das Rauchverbot anfangs auch auf Widerstand und Boykottdrohungen stieß.
Rune in der Studentenbar "Justisen" glaubt, es sei gut, daß Raucher nun nicht mehr stigmatisiert würden. Das sei bislang der Fall gewesen in Bars, in denen sie von Nichtrauchern schief angesehen worden seien. Nun seien alle gleich.
Plötzlich klare Barluft
Für den Nichtraucher Mikael in der Jazzkneipe "Herr Nilsen", die immer (vielleicht wegen der Journalisten, die dort gerne sitzen) besonders verraucht war, ist die Luft hinter der Bar plötzlich klarer und erträglicher. Bislang habe es nur einen Zwischenfall gegeben, eine Besucherin, die an der Tür mit einer Zigarette stand, halb drinnen, halb draußen; sie sei dann aber verständig gewesen.
Am Tresen gebe es kein anderes Thema als das Rauchverbot, berichtet Mikael. Viele seien verärgert über den Gesundheitsminister, der den Vorschlag als erster lanciert habe; andere schimpften auf den Ministerpräsidenten. Der sei ja früher Priester gewesen, was sich in seiner Politik zeige. Mikael berichtet, einige seiner Freunde hätten beschlossen, nun das Rauchen aufzugeben: Das Gesetz zeigt also offenbar Wirkung über das enge Ziel hinaus.
Irrsinn eines "talibanesken" Gesetzes?
Nicht alle sind so verständig. Einer der Raucher vor einer Kneipe nahe der Prachtstraße zum Königsschloß sagt, bislang habe er Bier und Zigaretten zusammen genießen können, jetzt gehe nur abwechselnd eines von beiden. Während er draußen stehe, bleibe sein Bier drinnen unbeaufsichtigt, und er wisse nicht, was damit geschehe. Das Rauchverbot - im Parlament trugen es vier Fünftel der Abgeordneten, nur eine rechtspopulistische Partei und drei Abtrünnige der Linken und einer Splitterpartei stimmten dagegen - scheint hart, und auf mittlere Sicht ist es das auch.
Das Sommerwetter und die norwegische Gelassenheit tragen aber zu einem sanften Übergang bei. Bars und Restaurants dürfen keine Raucherzimmer einrichten: Wer Essen oder Getränke verkauft, muß innerhalb geschlossener Räume das Rauchen verhindern. Raucherzimmer für Angestellte sind nur dann erlaubt, wenn sie kleiner sind als die für Nichtraucher. Was Kneipenbesitzer und Juristen verstört: Nicht der Raucher wird bestraft, sondern der Barbesitzer, der bei einem Verstoß gegen das Gesetz seine Lizenz verlieren kann.
Zugleich aber sind die Barbesitzer, so will es der Arbeitsinspektor, nicht befugt, gegen Raucher vorzugehen. Ein Restaurantbesitzer sagt, er werde jedesmal die Polizei rufen, wenn jemand raucht, und bald werde sich der Irrsinn des "talibanesken" Gesetzes zeigen. Das Gesetz sei so, als werde bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung nicht der Autofahrer bestraft, sondern der Verkehrspolizist.
Befürworter weisen nicht nur auf die bessere Gesundheit der Angestellten und geringere Kosten hin, sondern auch auf die 200 000 Asthma- und Allergieanfälligen in Norwegen, die bislang wegen des Rauchs einen Kneipenbummel mieden. Außerdem gibt es Umfragen, nach denen 90 Prozent aller Norweger glauben, Rauchen sei "weder sexy noch trendy". Andersherum gesagt: Mit dem neuen Gesetz liegt Norwegen ganz im Trend.