21.12.2003 · Für Raucher in New York beginnt jetzt der Härtetest. Das im April durchgesetzte Rauchverbot in Restaurants und Bars konnte im Sommer noch durch Freiluftarrangements umgangen werden. Mit dem Winter jedoch verfliegt die Raucheromantik.
Von Ute Thon, New YorkVorweihnachtsstimmung im "Balthazar". Gläser klingen, an den mit Tannengrün umrankten Spiegeln kondensiert der Dampf von Moules frites. Derweil nippen an der Bar gutgelaunte Menschen an ihren Cocktails. Zeit für eine Zigarette. Rachel Rowberry, eine 38 Jahre alte Fashion-Designerin, streift den Kaschmirmantel über und drängt zum Ausgang. Draußen fegt ein eisiger Nordwind durch Sohos Straßen. Mißmutig fingert sie eine "Benson & Hedges" hervor. "Bloody cold", zischt sie zwei Leidensgenossen zu. "Was haben wir bloß verbrochen, daß wir hier wie die Penner auf der Straße rauchen müssen?"
Für Raucher in New York beginnt jetzt der Härtetest. Zwar ist das von Bürgermeister Michael Bloomberg durchgesetzte Rauchverbot in Restaurants und Bars schon seit April in Kraft. Doch im Sommer verklärten findige Freiluftarrangements die Situation. Gastwirte verwandelten schmuddelige Hinterhöfe in schicke Raucherterrassen oder stellten Tische vors Lokal. Oft war die Szene vor der Kneipe lebhafter als drinnen an der Bar.
Romantik verflogen
Mit dem plötzlichen Wintereinbruch, Schneestürmen, Eisregen und Temperaturen unter Null ist die Raucherromantik verflogen. Jetzt heißt es zähneklappernd in der Kälte paffen, während der hart erkämpfte Platz an der Bar von einem Nichtraucher weggeschnappt wird. Vor dem "81/2", einem Edelrestaurant in der 57. Straße, drücken sich zwei Gestalten wie Kriminelle mit hochgeschlagenen Kragen in eine Nische. "Ich kann es immer noch nicht fassen, daß ich vor Castro fliehen mußte, um jetzt in einer Nichtraucherdiktatur zu leben", sagt Exilkubaner Rene Lau.
Im "Karma", einer East-Village-Bar mit Trödelsofas und Tropfkerzen, ist kaum ein Stehplatz frei. Draußen ein Schild: "Smokers Welcome". Durch den Raum wabern süßliche Tabakwolken, auf den niedrigen Tischen blubbern Wasserpfeifen, und jeder zweite Gast hat eine Zigarette in den Fingern. Alles ganz legal. Die schummrige Pinte profitiert von einer Gesetzeslücke, die eigentlich für exklusive Zigarrenclubs geschaffen wurde. Danach können Barbesitzer, die nachweisen, daß sie schon vor der Einführung des Raucherbanns zehn Prozent ihres Umsatzes aus Tabakverkäufen erzielten, eine Ausnahmegenehmigung erwirken. "Karma"- Besitzer Sam Pandi, der die Wasserpfeifen vor zehn Jahren als Gag einführte, strahlt: "Wir sind die Nummer eins unter den Raucherklubs."
„...wie zur Prohibitionszeit“
Unter New Yorks Nikotinsüchtigen werden die wenigen verbliebenen Raucherbaradressen weitergereicht wie Untergrundkassiber. Die grandioseste Location befindet sich im Grand Central. Auf der Westseite der kathedralenhaften Bahnhofshalle führt ein versteckter Eingang in einen neun Meter hohen Raum im florentinischen Palazzostil. Das "Campbell Apartment" war in den vierziger Jahren das Büro des exzentrischen Industriellen John W. Campbell. Heute ziehen unter der holzgetäfelten Decke die Gäste genüßlich an ihren Ziggies. "Mir kommt das hier vor wie zur Prohibitionszeit in den zwanziger Jahren", sagt Jim Stuart.
Tatsächlich operiert die Bar in einer juristischen Grauzone. Mit ihrem Standort im Bahnhof unterliegt sie nicht der städtischen Gesetzgebung, sondern der des Landes New York, wo die Antiraucherverordnung erst Ende Juli in Kraft trat. Seitdem bemüht sich das Lokal um eine Zigarrenbar-Genehmigung - bisher ohne Erfolg. Jetzt fürchtet Besitzer Mark Grossich jeden Tag das Ende seines lukrativen Smoking-Paradieses.
Wie unnachgiebig New Yorks Antiraucherpolizei sein kann, bekam unlängst Graydon Carter, der Chefredakteur von "Vanity Fair", zu spüren. Auf einen anonymen Tip hin schickte das Gesundheitsamt unangemeldet ein paar Inspekteure ins Conde-Nast-Building am Times Square. Dort ertappten sie zwar niemanden in flagranti, aber in Carters Büro wurden leere Aschenbecher sichergestellt - Indiz genug für einen Verstoß gegen das Rauchverbot am Arbeitsplatz. "Eine Stadt, die geladene Pistolen im Büro erlaubt, aber keine Aschenbecher, ist, was ihre Prioritäten anbelangt, völlig aus dem Gleichgewicht", sagt Carter. Er soll 400 Dollar Strafe zahlen.