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Veröffentlicht: 16.03.2017, 07:08 Uhr

Rassismusvorwürfe Großes Theater

Die Stadt Altenburg wehrt sich gegen die Rassismusvorwürfe. Die Bewohner sehen sich als Opfer einer Hetzkampagne. Die Schuld liege stattdessen bei den Medien und der Flüchtlingspolitik.

von , Altenburg
© dpa Hauptmann von Altenburg: Oueglo Téné in der Rolle des Wilhelm Voigt

Altenburg ist in die Schlagzeilen geraten, weil hier angeblich ausländische Schauspieler vor Rassisten fliehen und Kleingärtner schwarz-weiß-rote Fahnen hissen – was auch Claus Kleber neulich im „Heute-Journal“ berichtete, weshalb ihn ein Gärtner wegen Verleumdung und übler Nachrede anzeigte. Überhaupt ist der Aufruhr groß in der Kleinstadt. Vom Bürgermeister bis zum Bürger fühlen sich nun viele überrumpelt, verunglimpft und falsch verstanden. Auf der Suche nach Schuldigen nennen sie immer wieder und in dieser Reihenfolge: die Medien, den Schauspieldirektor und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung.

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Auch am Dienstagabend ist das zunächst so, als der Bürgermeister aus aktuellem Anlass zum „Kulturpolitischen Dialog“ geladen hat. Gut 200 Altenburger sitzen da im Kreis im großen Ratssaal unter schweren Deckenbalken mit der Jahreszahl 1564 in einem der prachtvollsten Renaissance-Rathäuser Deutschlands. Dem Glanz der Stadt kann man sich kaum entziehen: Residenzschloss, Hoftheater, prächtige Bürgerhäuser – kaum etwas wurde hier zerstört, fast alles ist heute picobello saniert. Auf den zweiten Blick aber ist die Stadt auch: leer, am Abend fast ausgestorben, beinahe wie eine Kulisse, die belebt und bespielt werden will.

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Die Stille war auch das Erste, das Bernhard Stengele auffiel, als er 2012 als Schauspieldirektor aus Würzburg nach Altenburg kam. Das Theater stand damals vor dem Aus. Stengele erarbeitete sich mit einem Mix aus regionalen und internationalen Stoffen ein treues Publikum, ein meist volles Haus und überregionale Anerkennung. Er engagierte dafür neben örtlichen auch junge Schauspieler aus dem Ausland, so aus Griechenland, der Türkei und Burkina Faso, von denen einige nach dieser Spielzeit mit ihm das Haus verlassen.

Entscheidung mit weitreichenden Folgen

Diese Entscheidung setzte eine Kettenreaktion in Gang. Stengeles Nachfolger hätte die Schauspieler gern behalten. Doch diese machten klar, dass sie sich weiterentwickeln und andere Bühnen und Städte ausprobieren wollten, und bei der Gelegenheit sprachen sie auch die veränderte Stimmungslage in Altenburg an. Es ging dabei weniger um Gewalt als um schiefe Blicke und dumme Sprüche, denen sie sich vermehrt ausgesetzt sahen. Der Intendant des Theaters schilderte der Stadt und dem Landkreis als Gesellschaftern des Hauses in einem Bericht die Lage, der von der Piratenpartei im Internet veröffentlicht wurde.

Danach gab es kein Halten mehr. „Nach Rassismus-Übergriffen: Mitarbeiter flüchten“, schrieb „Bild“, andere Medien berichteten von Rassismus, der in Altenburg „allgegenwärtig“ sei, und dass es ausländische Künstler dort, tief im Osten Thüringens, nicht mehr aushielten. Das wiederum brachte nun viele Einwohner auf und rief das „Bürgerforum Altenburg Land“ auf den Plan, eine Truppe, die im Pegida-Stil gegen Flüchtlinge mobil macht und zu einem Boykott des Theaters aufrief. Die Entwicklung gipfelte in einer öffentlichen Erklärung des Oberbürgermeisters Michael Wolf (SPD), der sich Ende Februar gegen „eine verzerrte, einseitige Darstellung von Altenburg“ wehrte und zugleich Stengele bezichtigte, „aus Gründen der medialen Aufmerksamkeit“ die Stadt „mit rassistischen Denkweisen in der Bevölkerung in Verbindung“ zu bringen. Dabei haben sich die Schauspieler bis heute nicht öffentlich dazu geäußert. Keiner von ihnen hat der Stadt oder den Einwohnern einen Vorwurf gemacht.

„Sie sehen sich auch nicht als Opfer“

„Sie sehen sich auch nicht als Opfer“, sagt Stengele. Dass Schauspieler, noch dazu in jungen Jahren, nicht auf ewig in einer Kleinstadt bleiben wollten, sei normal. Fremdenfeindlichkeit sei nicht ausschlaggebend für ihren Entschluss gewesen. „Aber es gibt sie“, sagt Stengele. „Leute, die erkennbar anders aussehen, haben es hier schwer.“ Besonders seit 2015, als viele Asylbewerber auch nach Altenburg kamen. „Dennoch ist die Stadt kein braunes Nest, überhaupt nicht“, sagt er. Alltagsrassismus gebe es überall, nur fehle es hier an Gemeinschaften, in die sich gerade junge Schauspieler auch zurückziehen könnten.

Im Großen Ratssaal ist das Dilemma am Dienstagabend offensichtlich. Die Mehrheit der Teilnehmer ist jenseits der fünfzig, die wenigen jungen Leute sind Altenburger, die heute in Leipzig oder Berlin leben und eigens für die Veranstaltung zurückgekehrt sind. Einwohnerschwund und Überalterung sind in der ostdeutschen Provinz längst Alltag, weshalb sich Oberbürgermeister Wolf vor allem um den „Standort Altenburg“ sorgt. Er fürchtet um Firmenansiedlungen und Investitionen, spricht fast flehend von „97Prozent weltoffenen Altenburgern“ und verurteilt „einige Einzelfälle“, von denen er sich die Stadt nicht schlechtreden lassen wolle. Dann präsentiert er einen Aufruf „Wir sind Altenburg“ und bittet die Einwohner um Unterschriften, um deutlich zu machen, wie Altenburg wirklich sei. Auch Videobotschaften im Internet seien gern gesehen.

Es hagelt auch Spott

Einige reagieren mit Spott. Eine ältere Frau aber pflichtet Wolf bei: Ein Bürgermeister habe für eine Stadt wie ein Vater für seine Familie zu sein und müsse sie bei Angriffen verteidigen, sagt sie unter Beifall. Einem älteren Herrn im Publikum reicht es daraufhin. Man solle doch nicht länger um den Brei herumreden und den „seit vielen Jahren latent vorhandenen Alltagsrassismus endlich offen ansprechen“, sagt er – und bekommt ebenfalls Applaus. Mitglieder des „Bürgerforums“ warnen vor noch mehr Flüchtlingen und „Zuständen wie im Westen“. Die Zerrissenheit der Gesellschaft – sie ist hier zu spüren.

An diesem Abend wird von vielen dann doch vieles überraschend deutlich an- und ausgesprochen. Es hat beinahe etwas Befreiendes, wie man miteinander statt übereinander redet. Schauspieldirektor Stengele sagt später, dass er in Altenburg viel gelernt habe. „Die Leute haben es hier schwerer als in Süddeutschland, wo ich herkomme. Ich sehe die Zukunftsangst und verstehe, dass viele wütend sind.“ Nur seien Flüchtlinge daran nicht schuld.

Er selbst hat die unverhoffte Aufmerksamkeit längst auf das Theater gelenkt. Kürzlich hatte sein „Hauptmann von Köpenick“ umjubelte Premiere – mit einem schwarzen Schauspieler in der Hauptrolle. Für eine weitere Produktion außerhalb des Theaters aber seien ihm die Räume gekündigt worden mit der Begründung, er habe die Stadt in ein schlechtes Licht gerückt. So etwas meint Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters und seit kurzem auch Präsident des Deutschen Bühnenvereins, wenn er am Dienstag in Altenburg sagt: „Man braucht ein eigenes Selbstbewusstsein und Selbstverständnis für seine Künste, das nicht gleich kippt, wenn mal irgendwo ein Artikel geschrieben wird.“

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