Home
http://www.faz.net/-gum-71nb1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ramadan-Ritual Ein Knall bei Morgengrauen

 ·  Wenn nach einem heißen Sommertag in Jerusalem das Fasten bis zum nächsten Morgen zu Ende ist, zündet Rajai Sandouka einen Feuerwerkskörper. Eine alte Tradition - doch der Nahostkonflikt hat auch bei diesem Ramadan-Ritual seine Spuren hinterlassen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)
© Corbis Erst knallen, dann trinken: Rajai Sandouka darf den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen.

Nach dem dumpfen Knall nimmt Rajai Sandouka erstmal einen großen Schluck aus der Wasserflasche. Er darf sich keine Ungenauigkeit leisten. Das verbietet die Familienehre. Genau um 19.49 Uhr brennt er mit seinem Feuerzeug die Zündschnur an. Es zischt, und der Feuerwerkskörper steigt rauchend in den Himmel über Jerusalem. Auf die Explosion, die wie ein Kanonenschlag weit über die Stadt hallt, haben viele Muslime ungeduldig gewartet: Nach einem heißen Sommertag ist das Fasten nun bis zum nächsten Morgen zu Ende. Am vergangenen Freitag hat während der heißesten Zeit des Jahres der Ramadan begonnen.

In Jerusalem gibt seit mehr als hundert Jahren ein Mitglied der Sandouka-Familie zwei Mal am Tage den Startschuss: Morgens kurz nach vier Uhr, wenn das Fasten beginnt und abends gegen 20 Uhr für den Iftar, das traditionelle Fastenbrechen. „Von mir hängt viel ab“, sagt Rajai Sandouka stolz. „In Jerusalem isst kein Muslim, ohne das Signal zu hören. Auch in den Moscheen beginnt erst danach das Abendgebet.“

Tradition auch in anderen muslimischen Staaten

Vor 20 Jahren hat er das Amt von seinem Vater übernommen, der bei Rajais Großvater in die Lehre gegangen war. Es ist kein unwichtiges Amt, denn Jerusalem mit Al-Aqsa-Moschee und Felsendom ist auch den Muslimen eine besonders heilige Stadt. Andere Familien in Jerusalem sind wiederum die Hüter der Schlüssel für die Grabeskirche. Die Tradition, während des Fastenmonats eine Kanone abzufeuern, gibt es auch in anderen muslimischen Staaten.

Während Rajai Sandouka seinen ersten Schluck Wasser nach gut 15 Stunden trinkt, beginnen rund herum die Muezzine, zum Gebet zu rufen. Einmal setzte er die Lunte aus Versehen zu früh in Brand. Am nächsten Tag hätten ihn die Leute im arabischen Ostteil von Jerusalem beschimpft, erinnert er sich - normalerweise grüßen sie ihn ehrerbietig.

„Es ist immer nur ein Böller“

Auch in den Palästinensergebieten kennt den 51 Jahre alten Mann mit der hohen Stirn fast jedes Kind. Bis vor kurzem spielte der Schauspieler die Rolle des Karim in der Fernsehserie „Scharaa Simsim“; so heißt die arabische Version der „Sesamstraße“. Für seinen Ramadan-Einsatz braucht er kein Drehbuch, sondern nur ein Heft, in dem die muslimischen Gebetszeiten auf die Minute genau verzeichnet sind. Jeden Tag verschieben sie sich um eine Minute. Sein Großvater bekam das Signal noch per Handzeichen von der Al-Aqsa-Moschee.

Ungeduldig wartet er jeden Tag am Gittertor des alten Saharah-Friedhofs auf den israelischen Lieferwagen. In Begleitung eines Sicherheitsbeamten der Stadtverwaltung von Jerusalem bringt eine israelische Feuerwerksfirma seine Munition vorbei. „Es ist immer nur ein Böller. So sind die Israelis eben.“ Die israelischen Behörden überlassen arabischen Bürgern aus Sicherheitsgründen weder Sprengstoff noch Waffen.

Zur Sicherheit per Fernbedienung gezündet

Deshalb darf Sandouka auch nur unter israelischer Aufsicht seines Amtes walten und sich nicht selbst mit Böllern versorgen - der Nahostkonflikt hat auch seine Spuren bei dem Ramadan-Ritual hinterlassen, das begann, als in Palästina noch die Türken herrschten. Aus der Zeit, als das Gebiet zu Jordanien gehörte, stammt das rostige Militärgeschütz am Rande des Friedhofs, das jedoch schon lange außer Dienst ist. „Die Firma in Ramallah, die das Schießpulver herstellte, hat ihre Produktion eingestellt“, berichtet Sandouka. So schiebt er zwischen den Grabsteinen seinen Böller normalerweise in ein Metallrohr, das in eine Sandkiste gebettet ist.

Nur wenn der Jerusalemer Bürgermeister einmal während des Ramadans Sandoukas Aufgabe übernimmt, wird das Rohr der alten Kanone geladen - und zur Sicherheit per Fernbedienung gezündet. Sonst lässt Rajai noch einen seiner beiden Söhne an die Lunte. Er hofft, dass einer von ihnen eines Tages sein Amt übernimmt.

„Bis morgen früh um kurz nach vier Uhr!“ So verabschiedet er sich nun jeden Abend auf dem Friedhof von dem israelischen Feuerwerker und dem Sicherheitsbeamten, um schnell nach Hause zu kommen. Dort wartet seine Familie schon mit dem Iftar-Mahl. Nach einem langen Tag fällt es besonders reichlich aus.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

Jüngste Beiträge