08.01.2004 · Tausende Besucher sahen zu, als die britische Königin Elizabeth II. in Southampton die „Queen Mary 2“, das größte Passagierschiff der Welt taufte. Mit größter Wahrscheinlichkeit aber war die "QM2" bereits getauft.
Von Henning SietzTausende Besucher sahen zu, wie Königin Elisabeth II. am Donnerstag nach kurzer Ansprache die Flasche an den Bug der "Queen Mary 2" warf. Millionen verfolgten am Fernsehgerät, wie der weiße Schaum aufspritzte, und dachten: "Nun ist die ,QM2' getauft." Die Sache hat aber einen Haken: Mit größter Wahrscheinlichkeit war die "QM2" bereits getauft. Die Königin hat ein getauftes Schiff getauft. Wie konnte es dazu kommen?
Der Grund der zweifachen Taufe liegt in den Gegebenheiten der Seefahrt. Selbst jahrtausendealte Bräuche überleben - auch in der Welt von Arbeitsteilung und Globalisierung. Früher war alles ganz einfach. Ein Schiff wurde dort getauft, wo es gebaut wurde: in der Werft. Der Brauch der Taufe ist uralt und wurde oft variiert, aber niemals in Frage gestellt. Wer sein Leben und sein Geld den Unbilden der See anvertraut, der bittet vorher die Götter oder seinen Gott in einem Ritual um Schutz. Dabei gibt es eine heidnische und eine christliche Variante.
Auch Frauen als Taufpaten
Heiden sagt man nach, daß sie gern Sklaven opferten. Blut mußte fließen, wenn das Schiff zu Wasser kam. Später begnügte man sich damit, daß der Kapitän jemanden aus seiner Mannschaft ins Wasser warf, vorzugsweise den Koch. War er gnädig gesinnt, sprang er selbst über Bord oder warf seine Mütze ins Wasser - und den Smutje hinterher, sie zu holen. In christlichen Breiten taufte ein Priester das neue Schiff mit Weihwasser. Es dauerte lange, bis endlich, gegen Beginn des 19. Jahrhunderts, auch Frauen Schiffe taufen konnten. Unvergessen die Taufe des Flußkreuzschiffes "River Cloud": Fünfmal mußte Hannelore Kohl werfen, bis die Flasche am Rumpf zerschellte. Steckte eine geheime Zahlensymbolik dahinter? Es handelte sich immerhin um ein Fünf-Sterne-Schiff.
Die Zeremonien können sein, wie sie wollen. Die Taufpaten dürfen Priester, berühmte Männer, prominente Frauen oder Kinder sein. Zugelassen sind Wein, Sekt, Champagner, Whiskey, Quellwasser des heimischen Flusses oder Gletscherwasser. Zur Not reicht das billigste Gesöff vom nahen Supermarkt. Selbst Pannen werden seufzend hingenommen. Als bei der Taufe eines U-Bootes in einer Werft an der Ostsee die Flasche von der Wurfleine rutschte und oben auf dem Rumpf liegenblieb, griff ein erfahrener Werftarbeiter zur Selbsthilfe. Vor den Augen Hunderter Gäste kletterte er auf das Boot, trat gemächlich an die heilgebliebene Flasche heran, hob sie auf und zerdepperte sie am Rumpf, als ob er das jedesmal so machte.
Taufe mit breiter Medienwirkung
Vieles ist möglich, nur eines nicht: Daß ein Schiff ungetauft in See geht. Und das ist der springende Punkt: Schiffe werden oft in Korea gebaut und in Europa getauft. Und dazwischen? Die "Queen Mary 2" wurde in einer französischen Werft an der Mündung der Loire gefertigt und nach Southampton verlegt, um von der Königin getauft zu werden. Und dazwischen?
"Kein Kapitän fährt auf einem ungetauften Schiff!" Der Chefingenieur einer großen deutschen Reederei mit Weltruf sagt es mit Nachdruck. Er muß es wissen, schließlich betreut er seit Jahrzehnten Neubauten von der ersten Planung über die gesamte Bauzeit bis zur Ablieferung. Werften kennt der Mann wie sein eigenes Büro. "Und weil kein Kapitän auf einem ungetauften Schiff fährt, erledigen die Männer das unter sich. Vor der ersten Fahrt gehen der Kapitän, der Chefingenieur, der Erste Offizier und der Werftkapitän mit einer Flasche Korn zum Schiff. Da kippen die sich erst mal einen hinter die Binde. Wenn einer gesprächig ist, sagt er ein paar Worte zum Schiff. Und dann haut einer von denen die Flasche an den Bug."
Keine Werft, keine Reederei der Welt würde bestätigen, daß es diesen Brauch gibt - zumal die meisten Firmenangehörigen davon selbst nichts wissen. Man will schließlich die möglicherweise prominente Taufpatin nicht bloßstellen und wünscht sich eine Taufe mit breiter Medienwirkung. Kenner wissen aber, daß die erste Taufe - nennen wir sie die "Kapitänstaufe" - eine Besonderheit hat: Ihre schützende Wirkung ist von begrenzter Dauer. Aus rätselhaften Gründen läßt nämlich der Schutz allmählich nach und endet recht genau am Tag der eigentlichen Taufe. Insofern hat Königin Elisabeth II. das einzig Richtige getan: Sie hat die "QM2" getauft.
"QM 2" in Zahlen
Die "Queen Mary 2" ist das teuerste und das größte je gebaute Passagierschiff der Welt. Die Motoren und Gasturbinen der "QM 2" entfalten eine Leistung von mehr als 117 Megawatt und könnten eine Großstadt von 300 000 Einwohnern mit Licht versorgen. In einer Rekordzeit von zwei Jahren wurde das Schiff in der französischen Hafenstadt Saint-Nazaire gebaut. Die Kosten betrugen etwa 650 Millionen Euro. Mit 72 Metern vom Kiel bis zum Schornstein ist es höher als die Niagarafälle und verhindert wegen der Brücken die Einfahrt in viele Häfen, mit 345 Metern ist es so lang wie der Eiffelturm hoch ist, mit 41 Metern zu breit, um durch den Panamakanal zu navigieren. Die "QM 2" verfügt mit 8000 Büchern über die größte schwimmende Bibliothek, zudem über den größten Ballsaal, den größten Weinkeller und das größte Planetarium auf See. Um höchstens 2620 Passagiere kümmert sich eine Crew von 1254 Mitgliedern. Eine vierzehntägige Atlantiküberquerung kostet zwischen 3100 und 41 000 Euro. (F.A.Z.)