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Psychologin des Auswärtigen Amtes „Langwieriger als ein Beinbruch“

12.06.2010 ·  Bombardierung, Geiselnahme, Folter oder Missbrauch: Was einem Menschen durch die Hand eines anderen widerfährt, ist für ihn am schwersten zu verkraften, sagt die Psychologin Maria Magdalena Bellinger im Gespräch.

Von Eva Heidenfelder
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Ob Soldaten, Entwicklungshelfer oder Mitarbeiter eines diplomatischen Korps: Wer in einem Kriegsgebiet wie dem Irak oder Afghanistan im Einsatz ist, erlebt oft Grauenvolles. Welche Erlebnisse brennen sich besonders in die menschliche Seele ein?

Naturkatastrophen, Brände oder Verkehrsunfälle sind für die menschliche Psyche nicht so einschneidend wie „Man-Made-Disaster“. Außerdem spielt es eine Rolle, wie lange ein Mensch der potenziell traumatisierenden Situation ausgesetzt ist. Langandauernde Erlebnisse, an denen ein Anderer die Schuld trägt, sind für unsere Psyche am schwersten zu verkraften. Dazu gehören Kriegshandlungen wie Beschuss, Bombardierung, Geiselnahme, Folter, Vergewaltigung oder anderer körperlicher Missbrauch. Auch Menschen, die andere getötet haben, kann diese Tat traumatisieren.

Welche Auswirkungen können solche Erlebnisse auf die Psyche haben?

Auf manche Betroffene keine, die sie krank machen. Sie empfinden das Erlebte als schlimm oder schrecklich, tragen aber keinen psychischen Schaden davon, weil sie sich beispielsweise sagen „gerade im Krieg gehört es dazu, dass Menschen sterben und ich hatte mich darauf eingestellt“. Das ist bei etwa 30 bis 50 Prozent der Betroffenen der Fall. Andere entwickeln eine akute Belastungsreaktion, das heißt sie sind für einige Tage oder wenige Wochen in einem psychischen Ausnahmezustand, in dem sie schlechter schlafen, Stimmungsschwankungen haben und eine gewisse innere Unruhe oder Ängstlichkeit zeigen, die sie von sich nicht kannten. Und dann gibt es Menschen, die nach einem schrecklichen Erlebnis eine „Posttraumatische Belastungsstörung“, oder kurz PTBS, entwickeln. Menschen, deren Leben in Kriegshandlungen direkt bedroht waren, entwickeln diese Störung sogar mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 50 Prozent, ebenso Oper von Vergewaltigungen.

Wie äußert sich eine solche PTBS?

Die Betroffenen müssen das Erlebnis in Form von Bildern, Träumen oder anderen Erinnerungen immer wieder durchleben. Diese „Flashbacks“ drängen sich auf, können nicht kontrolliert werden. Zudem entwickeln Menschen, die an PTBS leiden, oft eine „Vermeidungshaltung“. Ist jemand beispielsweise unter einer Brücke in einen Hinterhalt geraten, scheut er die Nähe von Brücken. Die Erkrankten befinden sich außerdem in einem Zustand chronischer Übererregung und Alarmbereitschaft. Das führt zu Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, extremer Reizbarkeit bis hin zu Aggressivität, die sich auch in verbalen Attacken gegen andere Menschen entladen kann. Im schlimmsten Fall kann es dazu kommen, dass Betroffene sich selbst verletzen oder gewalttätig gegen Dritte werden. Sie haben sich und ihren Alltag also nicht mehr unter Kontrolle.

Kann man sich auf einen Einsatz in einem Kriegsgebiet mental vorbereiten?

Das ist sogar sehr wichtig. Im Auswärtigen Amt werden Menschen, die in Krisengebieten eingesetzt werden, in mehrtägigen Seminaren auf ihren Einsatz vorbereitet. Sie erlernen Entspannungstechniken, die helfen sollen, sich nach schlimmen Erlebnissen zu regenerieren und sich von dem Erlebten innerlich zu distanzieren. Zudem üben sie in simulierten Szenerien, kritische Situationen zu entschärfen. Zum Beispiel, indem sie nicht mit Geiselnehmern diskutieren oder ihnen gar Widerstand leisten. Denn diese neigen unter der extremen Anspannung zu Kurzschlussreaktionen.

Kann jeder Mensch einen solchen Einsatz psychisch verkraften?

Die Selbstheilungskräfte der menschlichen Seele sind erstaunlich hoch. Auch helfen Optimismus, zukunftsorientiertes Denken und stabile soziale Beziehungen, schlimme Erlebnisse besser zu überstehen. Dennoch gibt es große individuelle Unterschiede, was die psychische Belastbarkeit eines Menschen betrifft. Manche, die sich vor dem Einsatz durch große mentale Stärke auszeichneten, sind plötzlich paralysiert und handlungsunfähig. Andere, denen man es weniger zugetraut hätte, wachsen in Krisensituationen über sich hinaus.

Sind Männer härter im Nehmen, als Frauen?

Ich glaube nicht. Männer sind aber eventuell besser in der Lage, gewisse Erinnerungen selektiv auszublenden, was die Psyche durchaus schützen kann. Dadurch erklärt sich zumindest teilweise, warum das Risiko für Frauen, an PTBS zu erkranken, geringfügig höher ist.

Wie wichtig ist es, über schlimme Erlebnisse zu sprechen?

Für die meisten Menschen ist es wichtig, mit Angehörigen oder Freunden über das Erlebnis zu sprechen, andere wollen oder können dies nicht. Aber egal, ob Menschen sich mitteilen, oder nicht: In den ersten drei Monaten nach einem kritischen Ereignis sollte die innere Ruhe langsam wieder einkehren. Falls nicht, ist es auf jeden Fall wichtig, das Erlebte noch einmal zu reflektieren. Es sollte das Gefühl entstehen „Ich kann auf die Erinnerung zurückgreifen“, nicht „die Erinnerung beherrscht mich“. Manchen Menschen gelingt das, indem sie darüber reden. Andere malen lieber ein Bild oder schreiben es auf.

Wann muss sich ein Betroffener psychologische Hilfe holen?

Wenn er länger als drei Monate nach dem traumatischen Erlebnis noch immer „unter Strom steht“, die bereits geschilderten Symptome wie innere Unruhe oder Schlaflosigkeit weiter an sich beobachtet und sie ihn in seinem Alltag beeinträchtigen. Wie kann Erkrankten dann geholfen werden? Die derzeit beste Behandlungsmethode ist eine Kurzzeittherapie mit verhaltenstherapeutischer Ausrichtung von fünf bis zehn Stunden. Der Patient erlernt eine Entspannungstechnik wie beispielsweise autogenes Training, das die Übererregung abbauen soll. Eine Gedankenstopp-Technik kann helfen, bestimmte negative Bilder und Erinnerungen zu kontrollieren. Zudem wird der Betroffene über seine Krankheit aufgeklärt. Wenn er seine Symptome versteht, verlieren sie einen Teil ihrer Bedrohlichkeit. In Gesprächen wird das Erlebnis außerdem noch einmal reflektiert, um es dann als Teil der Lebenserfahrung zu integrieren und es letztlich zu bewältigen. Ziel der Therapie ist zudem, ein etwaiges Vermeidungsverhalten zu reduzieren und Einstellungen, die bei der Bewältigung des Erlebten wenig hilfreich sind („Die Welt ist schlecht und ungerecht“, „Mein Leben ist zerstört“), zu korrigieren.

Eine PTBS kann also vollständig geheilt werden?

Ja. In den meisten Fällen kommt es bereits nach der Kurzzeittherapie zu einer deutlichen Besserung. Falls nicht, kann sie verlängert werden. Zusätzlich kann die Therapie „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, kurz EMDR, angewandt werden. Dabei versucht der Therapeut, über bestimmte geführte Augenbewegungen die traumatisierenden Erinnerungen quasi zu löschen. Sind die Symptome eines Betroffenen vollständig abgeklungen, hat er das traumatische Erlebnis natürlich nicht vergessen. Er hat aber die Kontrolle darüber wiedererlangt und lässt sie nur zu, wenn er es möchte. In nur etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Fälle wird eine PTBS chronisch. In dieser Gruppe besteht ein erhöhtes Suizidrisiko, vergleichbar etwa dem chronischer Schmerzpatienten. Konkrete Zahlen gibt es jedoch kaum, da auch mögliche Begleiterkrankungen wie Depressionen oder eine Angst- oder Persönlichkeitsstörung Auslöser für einen Selbstmord sein können.

Welche Berufsgruppe ist besonders gefährdet, bei Einsätzen in Kriegsgebieten psychisch zu erkranken?

Soldaten, da sie zum Einsatz verpflichtet sind. Sie können der gefährlichen Situation nicht so einfach entrinnen und den Einsatz beenden, wenn sie „genug“ haben. Journalisten oder Fotografen haben zwar auch einen Auftrag, beobachten das Geschehen jedoch meist nur und können sich ihm jederzeit entziehen und sich in Sicherheit bringen.

Gibt es auch Menschen, die sich bewusst in Gefahr begeben, weil sie bei ihrem Einsatz in Kriegsgebieten auch den gewissen „Kick“ suchen?

Es gibt sogenannte „Krisen-Junkies“, die gerne kritische Missionen übernehmen. Wenn der Mensch eine schlimme Situation erfolgreich gemeistert hat, stärkt das sein Selbstbewusstsein. Manche möchten dieses Gefühl immer wieder erleben. Im Gegenzug sind aber auch Menschen, die vor einem traumatischen Erlebnis schon andere kritische Dinge durchlebt haben, gefährdeter, durch eine weitere Belastung psychisch zu erkranken.

Eine körperliche Verletzung ist sichtbar - eine seelische nicht. Zollt die Gesellschaft auch Menschen, die eine seelische Verwundung davongetragen haben, genug Verständnis?

Eine psychische Verletzung kann langwieriger sein, als ein Beinbruch. Es ist wichtig, dass der Gesellschaft dies klar ist. Dennoch sollte sie sich davor hüten, jeden kritischen Auslandseinsatz mit dem Etikett eines möglichen Traumas zu versehen. Wer beispielsweise aus größerer Entfernung einen Autounfall beobachtet, muss deshalb noch lange nicht in therapeutische Behandlung. Es ist eine schwierige Gratwanderung, Kriegseinsätze einerseits nicht zu bagatellisieren, auf der anderen Seite aber auch nicht automatisch zu psychischen Albträumen zu stilisieren.

Die Fragen stellte Eva Heidenfelder.

Zur Person

Doktor Maria Magdalena Bellinger ist Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Sozialmedizin. Seit zwei Jahren leitet sie den Psychosozialen Dienst des Auswärtigen Amtes in Berlin, der unter anderem Mitarbeiter vor und nach ihren Einsätzen in Kriegs- und Krisengebieten psychologisch betreut.

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